Die Lieder des Kaure Babo

Eine Reise nach Kiribati

Kiri – was? Kaum jemand in meinem Freundeskreis hatte jemals den Namen dieser Insel gehört. Ich vor dieser Reise ehrlich gesagt auch nicht. Eine Insel, so wurde mir gesagt, die vielleicht in dreißig bis vierzig Jahren durch den steigenden Meeresspiegel nicht mehr existieren würde. Eine Insel im Südpazifik, deren Schönheit lügt. Nein, eigentlich keine Insel, ein Atoll. Und dazu gehören mehrere andere Atolle: Ein fiktives Staatsgebiet, dass sich über mehr als 4000 km erstreckt, über die Datumsgrenze hinaus und nördlich und südlich des Äquators. Eine Insel, die man nur schwer erreichen kann: Unser Flug führt uns in der Nacht vom australischen Brisbane über die Solomonen und Nauru, die ehemalige deutsche Kolonie. Ich komme mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch der mir erklärt, in Nauru gebe es heute nach wie vor viele deutsche Namen. Und es gibt das große Internierungslager, in das Australien alle nicht gewollten Flüchtlinge abschiebt. Selbst in der Nacht ein unwirklicher Ort. Lange hatte die Insel vom Phosphatabbau gelebt, das Pro-Kopf-Einkommen war das höchste in der Welt. Das war einmal. Korruption und Fehlinvestitionen haben die Insel zu einem Armenhaus gemacht.

Wir fliegen weiter nach Kiribati. Ein kleiner Flughafen ist unser Ziel früh am Morgen. Auf der Fahrt in das Hotel bekommen wir einen ersten Eindruck. Zwischen der Lagune und dem Meer liegen manchmal nur einhundert Meter. Wie ein dünner Strich im riesigen Meer erscheint Kiribati auf der Landkarte. Wir halten an einem Ort, der die höchste Erhebung der Insel markiert: Drei Meter über dem Meeresspiegel. Trotz der Hitze fröstelt es mich plötzlich. Das wird vermutlich der einzige Ort der gesamten Insel sein, der in dreißig Jahren noch über dem Meeresspiegel sein wird. Alles andere wird in dem türkisblauen Wasser verschwunden sein. Wir fahren weiter. Eine seltsame Szenerie rechts und links der Straße: Ärmliche Hütten, offene Küchen und Schlafräume auf Steltzen, häufig auch Gräber der Ahnen direkt auf dem Grundstück. Man erklärt uns: Häufig werde die Nabelschnur vergraben und später dann der Tote auch dort beerdigt. Von der Wiege bis zur Bahre also eine enge Beziehung zu dem Grund und Boden, auf dem man lebt, eine enge Familienbeziehung. Man ahnt die Tragödie, die sich anbahnt: Eine solche enge Heimatbeziehung ist nicht austauschbar.

Szenenwechsel. Wir sitzen im Garten von Kapitän H., der mit seiner Frau seit einigen Jahren hier lebt. Sein hanseatischer Dialekt ist unüberhörbar. Vor vielen Jahrzehnen war vor Kiribati ein Schiff einer Hamburger Reederei vor Anker gegangen, man hatte einen Schwerkranken. Die Hilfsbereitschaft der Einheimischen hatte die Reederei gerührt. Als Dank hatten dann mehrere Hamburger Reeder zusammen einen Ausbildungsbetrieb für Schiffspersonal auf Kiribati gegründet. Kapitän H. managt die Arbeitsvermittlung. Aber deswegen sind wir nicht bei ihm. Er ist mit dem ehemaligen Präsidenten Anote Tong befreundet und hatte versprochen, ihn einzuladen.

Der ehemalige Präsident ist im politischen Leben von Kiribati mittlerweile fast ein Pariah. Als wir unsere Absicht bekundet hatten, ihn zu treffen, wurden alle Termine mit offiziellen Repräsentanten abgesagt. Anote Tong ist international eine Berühmtheit. Er war es, der öffentlichkeitswirksam auf das Schicksal seiner Heimat aufmerksam gemacht hat. Er hat auf Fidschi Land aufkaufen lassen, für die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten, aber auch als mögliche Ausweichheimat. Der kanadische Filmemacher Matthieu Rytz hat darüber einen Film gedreht, „Anotes Ark“. Wie Noah mit seiner Arche das Überleben der Menschheit gesichert hat, will Anote das Überleben seines Volkes sichern: etwa einhundertfünfzehntausend Menschen, verteilt auf 32 Atolle in einem Umkreis von 3,5 Millionen Quadratkilometern. Neuseeland wird einige von ihnen aufnehmen, aber bei weitem nicht alle. Kann man ein ganzes Volk, eine ganze Kultur umsiedeln?

Die gegenwärtige Regierung sieht das alles kritisch. Ihr ist die Popularität des drahtigen, weltgewandten ehemaligen Präsidenten unheimlich. Und Anote Tong ist eine beinahe charismatische Figur: Der grauhaarige Mann mit der charakteristischen Bürstenfrisur und dem kurzen Schnurrbart redet in kurzen Sätzen, verständlich, eindringlich, sich der Wirkung auf seine Zuhörer sehr bewusst. Seine universitäre Laufbahn hat er an der renommierten London School of Economics abgeschlossen. Er kennt die Welt und weiß sich auf den unterschiedlichen Parketten diskursiv zu bewegen. Der manchmal auch als „Klimakrieger“ bezeichnete mehrmalige Präsident wird immer wieder auch als Anwärter auf den Friedensnobelpreis genannt.

Im Garten von Kapitän H. begegnet uns ein aufgeräumter Anote im Poloshirt; er wird von seiner Frau Nei Meme begleitet. Ja, sagt er, die gegenwärtige Regierung hier eilt nicht meine Ideen. Sie sind der Meinung, man könne dem steigenden Meeresspiegel widerstehen und Dämme bauen. Er lächelt, als ob er das alles für eine Idee von Kindsköpfen hält, so als wolle man den Ozean mit einem Löffel leeren. Aber die eigentliche Frage ist nicht, was wir machen. Die eigentliche Frage ist: Was macht ihr, um uns zu retten?

Was machen wir? Einige Projekte über die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, ja. Das meint Anote Tong aber nicht. Wie ernst nimmt man die globale Erwärmung? Was tut ihr, um nicht weiter Verursacher der Erwärmung zu sein? Um die Erwärmung auf weniger als 1,5 Prozent zu beschränken? Das ist, spüren wir, nicht der Moment, über den deutschen Kohlekompromiss zu reden, der bis 2038 einen Ausstieg aus der Kohlekraft vorsieht. 2038 ist es vielleicht schon zu spät für Kiribati. Wenn es so etwas gibt wie ein klimapolitisch schlechtes Gewissen, hier stellt es sich ein. Hier leben die Opfer unserer Lebensweise, der kolonialen Lebensweise, wie es der Wiener Politikwissenschaftler Uli Brand einmal formuliert hat. Und selbst die Ausrede, wir seien doch nur für 2% der globalen Emissionen verantwortlich, wirkt hier schäbig.

Szenenwechsel. Wir sitzen in der kleinen Abfluglounge am Flughafen in Bonriki. Plötzlich geht die Tür auf, und Kaure Babo stürmt herein, mit ihm 10 weitere Männer. Kaure ist Abgeordneter aus Maiana, wir hatten ihn am Vorabend kennen gelernt bei einem Essen mit Parlamentariern. Er sieht ein wenig aus wie Santa Claus in amerikanischen Filmen: beleibt, weiße Haare, weißer Vollbart. Er sagt, dies sei sein Gesangverein, und man sei mit dem Pickup gekommen, um uns zu verabschieden. Wir werden mit einem kleinen Konzert beschenkt: Fröhliche Lieder, wie wir sie auch schon den Sonntag zuvor im katholischen Gottesdienst gehört haben, kraftvolle Lieder des Glaubens und der Zuversicht. Meist steigt ein Vorsänger ein, und ein Chor erwidert ihm. Wir verabschieden uns von Kaure wie von einem alten Freund mit einer herzlichen Umarmung. Auf dem Weiterflug über die Weiten des Pazifik wird mir klar: bald wird keiner mehr die fröhlichen Lieder auf Kiribati singen, vom Glauben künden und der Zuversicht, die zuletzt doch nicht geholfen hat. Eine ganze Kultur wird dann verschwunden sein als Preis für unsere 2% des Wohlstands.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag