Dieter Weirich
Alfred Dregger. Haltung und Herz – Eine Biographie.
Frankfurt am Main: Societäts-Verlag 2019

Ich muss mit einem Bekenntnis beginnen: Ich stand Alfred Dregger eher distanziert gegenüber. Dem politischen Alfred Dregger, wie er mir als Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU im Deutschen Bundestag von 1982 bis 1991 bekannt war. Er schien mir mit seinem leicht steifen Auftreten und seinen Ansichten wie ein Mann von gestern, aus der Zeit gefallen, unmodern; preußisch irgendwie, ein archetypischer Offizier, ein autoritärer Charakter, dem Zweifel fremd schienen. Allerdings hat sich dieses Bild im Laufe der Jahre zunehmend verflüchtigt. Dregger ist heute in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr präsent. Umso fragender habe ich deshalb die Biographie von Dieter Weirich in die Hand genommen, der als gelernter Journalist nicht nur eine gute Feder führt, sondern auch über viele Jahre enger Weggefährte von Dregger war. Der zeitliche Abstand hat mich neugierig auf die Person werden lassen. Was bleibt von ihm, wo ist er historisch zu verorten? Wie war er „wirklich“?

Ohne Zweifel, für die CDU Hessen hat er eine außerordentliche Rolle gespielt. Der Oberbürgermeister von Fulda wurde 1967 Vorsitzender der CDU in Hessen. Er setzte auf Polarisierung, auf Konfrontation in der Sache und prägte das Selbstverständnis der CDU Hessen als eines geschlossenen Kampfverbands. Das berühmte Wahlplakat von 1970, das Dregger an der Spitze seiner keilförmig aufgestellten Mannschaft dem Betrachter entgegen marschierend zeigte, symbolisierte dies in besonderer Weise. Der damalige Wirtschaftsminister Rudi Arndt (SPD) soll entsetzt ausgerufen haben: „Wer so daher kommt, der schießt auch!“ Man kann es aber auch freundlicher sehen: Die CDU war im Aufbruch, das rote Hessen zu kippen. Dregger, der Frontmann, hatte seit 1956 als Oberbürgermeister von Fulda gezeigt, was in ihm steckte. Er hatte eine moderne, vorausschauende Stadtpolitik betrieben, sozial und liberal im besten Sinn, aber auch durchaus der Tradition verpflichtet. Als er in Eltville 1967 die Führung der CDU Hessen übernahm, stand diese im Ruf, allzu sehr sich an die SPD angepasst zu haben, ein „Behaglichkeits-Gen“ ausgeprägt zu haben. Das änderte sich mit Alfred Dregger. Der Erfolg gab ihm Recht: Die CDU holte von Wahl zu Wahl auf, der Genosse Trend gewissermaßen auf der anderen politischen Seite. 1982 hätte es dann soweit sein können, die CDU stand kurz davor, den Ministerpräsidenten zu stellen. Aber der Machtwechsel in Bonn – von der SPD als „Verrat in Bonn“ wahlkampfwirksam instrumentalisiert – verhinderte das in letzter Sekunde. Die FDP, die zur Regierungsbildung benötigt worden wäre, schaffte es nicht mehr in den Landtag.

So wurde Alfred Dregger Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen Bundestag, ein gefürchteter Debattenredner mit Charisma, aber auch ein Vorsitzender, der die Fraktion zusammenhalten konnte. Versuchungen, ins Kabinett zu wechseln, widerstand er: Als Fraktionsvorsitzender sei er von CDU und CSU gewählt und nicht von der Gnade eines Bundeskanzlers abhängig – den er gleichwohl loyal unterstützte. Bis 1998 blieb er im Bundestag; er hätte wohl gerne noch eine weitere Legislaturperiode als einer der „letzten Vertreter der Kriegsgeneration“ gedient, sah sich aber in seinem Fuldaer Wahlkreis einem jüngeren Gegenkandidaten in der CDU gegenüber, dem er schließlich den Vortritt einräumte. Dankbarkeit ist keine Kategorie des Politischen. Allerdings: Die CDU Hessen verleiht seit 2013 als höchste Auszeichnung an den 2002 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden die „Alfred-Dregger-Medaille“, und sie hat ihre Landesgeschäftsstelle im Jahr 2010 nach ihm benannt. Sie weiß bis heute durchaus, was sie Dregger verdankt.

Die prägenden Jahre für Dregger war die Zeit von 1939 bis 1945. Der 1920 in Münster geborene Dregger wurde 1939 zum Heer eingezogen, durchlief später eine Offizierslaufbahn und war zum Ende des Krieges Bataillonskommandeur. Aus dem Krieg kam er mit mehreren Verwundungen nach Hause, die ihn zeitlebens körperlich beeinträchtigten. Wichtiger aber waren die nicht sichtbaren Verletzungen. Das wird besonders deutlich in einer Debatte aus dem Jahr 1997, als es um die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht ging. Leidenschaftlich wies Dregger die These zurück, die Wehrmacht sei eine Art verbrecherische Organisation gewesen. Nach den sehr emotionalen Reden von Freimut Duve, Otto Schily und Christa Nickels geht Dregger erneut zum Rednerpult, nachdenklich, und bekennt, wie sehr ihn die Debatte zum Nachdenken bringe und er wünsche, Missverständnisse auszuräumen. Aber er wolle eben auch nicht, dass seine Kameraden, die mit ihm das schreckliche Schicksal der Kriegsteilnahme geteilt haben, sich ausgegrenzt, missachtet und ausgestoßen fühlen. Hier wurden zwei Dinge deutlich: Dregger war bei aller Gradlinigkeit liberal, ließ andere Meinungen gelten und ließ sich von Argumenten beeindrucken. Und zweitens: Er gehörte einer Generation an, die schuldlos schuldig geworden waren. „Wir konnten Hitler nicht wählen. Dafür waren wir zu jung. Aber wir wurden von ihm in den Krieg geschickt, und nur die Hälfte ist daraus zurückgekehrt, viele davon verwundet und verkrüppelt“, zitiert ihn Weirich. Vielleicht ist es dieses Urerlebnis des Krieges, das sein politischer Antrieb wurde, das ihn zeitlebens auch nicht losgelassen hat. Es war aber auch diese Prägung, die ihn, bei aller politischen Modernität und Liberalität, schon in meiner Jugend als einen im Habitus seltsam aus der Zeit gefallenen Vertreter der deutschen Politik erscheinen ließ.

Weirich schildert Alfred Dregger kenntnisreich und mit der Empathie eines Autors, der Weggefährte war. Man spürt die große Wertschätzung, die der Biograph für den Menschen und Politiker hat. Für mich hat die Biographie eine neue Perspektive auf Alfred Dregger eröffnet: Die eines leidenschaftlichen Demokraten, der für seine Kinder und Enkel sicherstellen wollte, dass sie die Erfahrungen seiner eigenen Generation nicht würden wiederholen müssen. Und die eines Mannes, der Patriotismus mit europäischer Gesinnung verband, Liberalität mit einem festen Wertefundament, soziales Denken mit wirtschaftlicher Kompetenz, und der gleichzeitig ein begnadeter Anführer, aber ein miserabler Netzwerker war: Ein selbstbewusster Individualist, dem die große Berufung letztendlich verwehrt blieb. Es ist ein anderer Alfred Dregger als der meiner frühen Vorurteile. Am Vorabend des hundertsten Geburtstages von Alfred Dregger ist diese Biographie überfällig – und ein wertvoller Baustein zum Verständnis der CDU Hessen sowie der Bundespolitik in den Jahren der Regierung Kohl.

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