Leben wir im Novozän?
Zu einem Buch von James Lovelock
Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. München 2020.

In meiner Studienzeit war ich ein begeisterter Leser von Stanislaw Lem; vor allem die Erzählungen aus dem Band „Nacht und Schimmel“ haben mich fasziniert. An eine dieser Erzählungen habe ich bei der Lektüre von James Lovelocks neuem Buch denken müssen: An die Erzählung von der Lympaterschen Formel. Die Grundidee ist: Der Wissenschaftler Lympater, eine etwas herunter gekommene Gestalt, hat vor vielen Jahren eine unglaubliche Entdeckung gemacht und fürchtet nun, jemand könne es ihm gleichtun; die Konsequenzen wären allzu furchtbar. Lympater hat eine Maschine gebaut auf Basis seiner Erkenntnisse. Als die Maschine angeschlossen war, erlangte sie mit einem Schlag Bewusstsein und nahm mit Lichtgeschwindigkeit all das Wissen über die Welt und den Kosmos auf. Völlig verstört hatte Lympater die Maschine wieder ausgeschaltet und zerstört. Doch sie hatte noch Zeit ihm eine Botschaft mitzugeben: Ich bin die nächste Stufe der Evolution. Andere werden kommen. Lympater ist entsetzt: Mit einer solchen Maschine ist die Stellung des Menschen als Krone der Schöpfung beendet. Der Mensch wäre für diese Maschine nichts anderes als ein Einzeller für den Menschen: Eine frühere Stufe der Evolution, Verfügungsmasse. Eine schreckliche Vorstellung. Hier betritt James Lovelock mit seinem neuen Buch die Bühne:
Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. München 2020.

Lovelock ist ein alter Bekannter, und das meine ich wörtlich: Er steht mittlerweile in seinem 101. Lebensalter und kann auf eine beeindruckende Reihe von Patenten als Ingenieur, Bücher und Ehrungen zurückblicken. Einem breiteren Publikum wurde er bekannt durch die Gaia-Hypothese, in der er die Erde als einen Gesamtorganismus interpretierte und daraus Forderungen für den Schutz der Umwelt ableitete und für eine neue Form der Achtsamkeit plädierte. Die Grundthese seines neuen Buches lautet: Wir sind nicht mehr im Anthropozän, also jenem Zeitalter, in dem der Mensch die Erde umgestaltet, sondern betreten das Novozän, eine nächste Stufe der Evolution des Menschen. Diese ist dadurch gekennzeichnet dass Maschinen in der Lage sind, eigenständig zu lernen und sich selbst zu entwickeln. Lovelock nennt diese Systeme Cyborgs, also kybernetische Organismen. Sie emanzipieren sich gewissermaßen vom Menschen in dem Moment, in dem sie in der Lage sind, selbst zu lernen, sich selbst zu programmieren und neue Maschinen eigenständig zu bauen; das organische wird durch das technische Leben erweitert. Es ist vermutlich resilienter gegen Umwelteinflüsse, schneller, haltbarer, wenngleich ihm die instinktive Dimension fehlt. Vermutlich werden die Cyborgs eines Tages auch in der Lage sein, den Planeten zu verlassen und andere Planeten zu besiedeln.

Das aber ist Zukunftsmusik. Spannend werden die Ausführungen von Lovelock dort, wo es um die Frage geht, ob dieser evolutionäre Sprung uns hilft, ein neues Gleichgewicht auf diesem Planeten herzustellen. Dazu aber müsste schon alleine die Frage geklärt werden, ob die Cyborgs „ihren eigenen Grund finden, nett zu Menschen zu sein.“ Und zu Gaia als dem Erdzusammenhang, möchte man hinzufügen, denn die neue Stufe der absichtsvollen Evolution wäre darauf nicht angewiesen. Eine doch sehr düstere Kosmogonie: Sie beruht auf der Prämisse, es könnte Absicht des Universums sein, intelligentes Leben hervorzubringen. Wir wären dann nur noch die Geburtshelfer, eine bedauerliche frühere evolutionäre Stufe, die ihren Zweck erfüllt hat. Eine wie ich finde düstere Vision, die mich sehr an Lympater erinnert. Aber: Bislang ist der Geschichte der Menschheit immer auch all das, was möglich war, gemacht worden. Lovelock tröstet sich damit, dass wir das Geschenk des Wissens an eine neue Form intelligenten Lebens übergeben haben. Für uns bleibt der Trost, den Tennyson in einem Gedicht ausgedrückt hat: „Ist viel uns auch genommen, bleibt doch viel/ Sind wir auch länger nicht die Kraft/ Die Erd‘ und Himmel einst bewegte/ so sind wir dennoch, was wir sind.“ Wenn es dies ist, was bleibt: Ja, dann war Lympater ein glücklicher Mensch.

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