Wenn Politiker zurück schauen und über ihr Tun Rechenschaft ablegen, dann erfolgt das mitunter mit dem Gestus desjenigen, der mutig und entschlossen sich behauptet auf dem glatten Parkett der Politik, weitsichtig seine visionäre Konzeption des Guten und Gerechten gegen den Widerstand der Uneinsichtigen durchsetzt und dabei weder Bodenhaftung noch den Anschluss an die Diskurse der Zeit verliert. Im Nachgang scheint alles linear, vorherbestimmt, der gerade Weg lediglich durch kleinere Umwege unterbrochen. Und dann kommt das Buch von Peter Tauber, so völlig anders, ungewohnt:

Peter Tauber, Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar. München: bene! Verlag 2020.

Peter Tauber und ich sind 2009 gemeinsam erstmals in den Deutschen Bundestag eingezogen. Wir kannten uns vorher nicht persönlich, lernten uns aber dann kennen: Als Mitglieder der Landesgruppe Hessen, und auch ab 2011 im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Peters Schwerpunkt lag aber auf den neuen Medien, dem Digitalen; und wenn er bis heute etwas bereut, dann vermutlich, Erika Steinbach das twittern beigebracht zu haben. Er ist jungenhaft unbeschwert, aufgeschlossen, freundlich, aber auch ernst bei den Themen, die ihm am Herzen liegen. Peter ist ein großer Fan von Star Wars. Dort sind Gut und Böse sauber getrennt. Auf seiner Bürotür neben meinem Büro prangt ein Aufkleber: „Wir sind die Guten!“ Das spiegelt das ganze Selbstbewusstsein einer in der Jungen Union Hessen geprägten Sozialisation, die einen klaren Wertekompass hat und sich von den jugendbewegt daherkommenden Grünen nicht beeindrucken lässt. Und wie das häufig auch so im Bundestag ist: man spricht über dieses und jenes, weiß aber letztlich über die Person nicht allzu viel.

In der zweiten Wahlperiode macht Peter Karriere: Er wird zum Generalsekretär der CDU Deutschland. Ich kann mich daran noch gut erinnern, weil ich mir dachte: Das wirbelt jetzt alle Pläne, jeglichen eingefahrenen Tagesablauf durcheinander. Ein wenig habe ich ihn um die neue Aufgabe beneidet, aber auch gedacht: Du gehst einen schweren Weg. Peter hat es mit Bravour erledigt. Schon der Parteitag, auf dem er gewählt wurde, war etwas Besonderes: Eine fulminante Rede, neue Töne, riesiger Beifall. Peter stand dafür, die CDU zu verjüngen, mehr Frauen anzusprechen, die Erfahrung von Migranten und Migrantinnen mit einzubringen. Eine moderne, weltoffene, aufgeschlossene CDU, mit der ich mich voll identifizieren konnte. Auf Facebook habe ich häufig Peters Laufpensum bewundert, wenn er mal wieder halbe oder ganze Marathonstrecken zurückgelegt hatte. Woher nimmt er bloß die Zeit? habe ich mir bisweilen gedacht. Und ein wenig gedacht: Da hat jemand aber eine gute Möglichkeit gefunden, den Stress abzubauen.

Dann, während der Koalitionsverhandlungen nach den Wahlen 2017, der Schock: Eine lebensbedrohliche Krankheit wirft Peter aus dem Alltag; mehrere Wochen fällt er aus. Ein Arzt spricht die gnadenlose Wahrheit aus, auf Peters Frage, warum er die Krankheit bekommen hat. „Ich habe mir mal ihren Werdegang der letzten Jahre angeschaut. …. Natürlich haben Sie das wegen ihres Jobs bekommen.“ Nein, man kann dem Stress wohl doch nicht davonlaufen. Für Peter Tauber wird dies der Moment der Umkehr. Er lässt uns teilhaben daran, wie er seine bisherigen Stationen neu bewertet. Herausfordernd, anstrengend, befriedigend, ja. Aber gleichzeitig: Eine Zeit voller Verletzungen, Frustrationen, Überforderungen. Und der notwendige Ausgleich fehlt, Freunde kommen zu kurz, die Familie ebenso. Dann setzen die typischen Mechanismen ein: Man muss das jetzt machen, man schafft das, man darf keine Schwäche zeigen. Ohne Dich geht es nicht. Du bist Vorbild. Du musst weitermachen.

Was muten wir eigentlich unseren Spitzenpolitikern zu? Innerparteilich, wenn die Illoyalität zunimmt, die Heckenschützen in Stellung gehen? Wo sind die Grenzen des Erträglichen, wenn man beschimpft, beleidigt wird? Wenn sich der Pöbel vollkommen enthemmt? Muss man dann noch höflich sein oder darf man zurückkeilen? Und selbst dann: Wie vieles davon erträgt man, ohne dass die Seele eine Hornhaut bekommt? Ich denke hier auch an die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die an einem Punkt die Reißleine gezogen hat: Der Preis war zu hoch. Bei Peter setzt ein Prozess der Neubewertung ein. Was ist mir im Leben wichtig? Der Glaube, ganz offensichtlich, der ihn durch die schwere Zeit trägt und ihm Halt gibt; das Buch legt davon Bekenntnis ab. Es ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der falschen Götzen, die das Leben bestimmt haben, der falschen Weichenstellungen aus den besten Überzeugungen heraus. Immer wieder kommt die Kraft des Glaubens zur Sprache. Peter beschreibt eine zunächst seltsam anmutende Aktion: Er tätowiert sich die Geodaten „seiner“ Kirche, der Marienkirche in Gelnhausen, auf den Unterarm. Er schreibt sich gewissermaßen hinter die Ohren, wo sein Zentrum ist. Es ist eine bleibende Erinnerung an den Moment, der die Umkehr ermöglicht hat.

Jünger, bunter, weiblicher: Es mag sein, dass sich die CDU so entwickeln sollte. Ich will aber auch Politiker/innen haben, die den Mut haben, über Schwächen zu sprechen, ohne weinerlich zu sein; die sich nicht für unentbehrlich halten, die den Glauben leben und davon Zeugnis ablegen, die auch Grenzen setzen, sowohl für sich als auch gegenüber den Zumutungen Anderer. Peters Buch ist eine ungewöhnliche, eine selten schonungslose Reflektion über das Leben in der Politik. Gerade deshalb wünscht man dem Buch viele Leserinnen und Leser. „Die da oben“ sind keine Roboter, sie sind keine Punchingbälle für eigene Frustrationen, es sind Menschen mit Gefühlen, mit Zweifeln, mit Hoffnungen und Erwartungen, es sind aber vor allem Menschen – und keine in Drachenblut gebadete, unverwundbare Helden.

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