Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger
Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968.
Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2017

Ich muss mit einem Geständnis beginnen. Ich habe zu den 68ern ein sehr ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite finde ich die intellektuelle Energie, die sich hier zeigte, ebenso bemerkenswert wie die Zäsur, die 1968 vor allem gegenüber der nicht bewältigten Vergangenheit bedeutet hat. Als Chiffre für die „Jugend im Zeitbruch“ (Klaus Mehnert) steht dieses Jahr nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen westlichen Industriegesellschaften für eine Abkehr von alten Autoritäten, die Kritik des Bestehenden, die Erprobung neuer Formen des Zusammenlebens und einer Neubestimmung von individueller Autonomie. Auf der anderen Seite fand ich die 68er früher ziemlich zum Kotzen. In den 1970ern war ich im Klassenraum Versuchsobjekt für eine fortschrittliche Pädagogik einiger frisch aus der Universität kommenden Lehrer, die bereits an ihren eigenen Ansprüchen scheiterte. Während des Studiums bin ich häufig Resten dieser Generation begegnet, die, fest und aufrecht auf der Säule revolutionärer Selbstgewissheit stehend, jene gefährliche Mischung aus Arroganz und Mittelmaß ausstrahlten, die durchaus anfällig war, selbst wieder in autoritäre oder totalitäre Strukturen umzukippen; die Geschichte des Linksterrorismus bietet hierzu reichliches Anschauungsmaterial. Heute, mit einer gewissen Milde, ist das scharfe Urteil von damals ein wenig relativiert. Zwar stört mich nach wie vor noch die Aufgeblasenheit einer selbst ernannten welthistorischen Avantgarde, ich sehe aber doch die vielen kreativen Energien, die von 1968 ausgegangen sind, vor allem von den Vielen, die in dieser Zeit ihre intellektuelle Prägung empfangen haben und die Gesellschaft in den nachfolgenden Jahren mal mehr, mal weniger erfolgreich „durchgärt“ haben. Deswegen habe ich mit besonderer Neugier am Vorabend des 50jährigen Jubiläums von 1968 das Buch von Göpfert und Messinger in die Hand genommen. Göpfert ist seit vielen Jahrzehnten Redakteur der Frankfurter Rundschau und Messinger ein Zeitzeuge, der bei den Grünen an zentraler Stelle politisch aktiv war und die Szene seit Jahrzehnten gut kennt. Gute Voraussetzungen also für ein sachkundiges und spannendes Buch.

Und da enttäuschen die Autoren die Erwartungen nicht. Das Buch ist flott geschrieben und informativ, kommt nicht akademisch daher, sondern eher journalistisch und anekdotisch; die Ereignisse gewinnen ebenso Kontur wie die Protagonisten. Frankfurt hatte andere Bedingungen als der Inselstaat Berlin. Hier hatten die legendären Auschwitz-Prozesse stattgefunden. Hier wirkten mit Adorno und Horkheimer zwei exemplarische Intellektuelle des Exils, die die Tradition des 1923 gegründeten Instituts für Sozialforschung fortsetzten. Frankfurt, nicht Berlin war die amerikanischste Stadt Deutschlands: Hier war das Hauptquartier der US-Armee in Deutschland, Stützpunkt von 40.000 Soldaten und ihrer Familien, hier war auch, wie die Autoren notieren, der einzige Ort in Deutschland, an dem die amerikanische Hippie-Bewegung einen Anlaufpunkt hatte. Ein kleinerer Mikrokosmos als Berlin, wohl auch ein intensiverer: Kulturell im Aufbruch durch das Theater von Harry Buckwitz, die Verlage, die die 1968er ebenso spiegelten wie Resonanzboden wurden (Suhrkamp, Fischer), ein Experimentierlabor eben. Prägende Figuren 1968 waren Hans-Jürgen Krahl, Adorno-Schüler, brillanter Kopf, der „Robespierre aus Bockenheim“, ein Zuchtmeister des freudlosen revolutionären Denkens, der 1970 bei einem Autounfall ums Leben kam; Daniel Cohn-Bendit, der anarchische Hedonist, die revolutionäre Legende aus Frankreich, der Frankfurt zu seinem neuen Lebensmittelpunkt gemacht hatte; KD Wolff, 1967/68 Vorsitzender des SDS, der später als Verleger reüssierte. Die großen Ereignisse sind Legende: Die Demonstrationen gegen Springer und Vietnam, die Sit-ins und Teach-ins an der Universität, die Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaft, der Kampf gegen die Notstandsgesetze, aber, als dunkle Vorahnung, auch die Brandstiftung in zwei Kaufhäusern auf der Zeil. Es war eine Art Leben im permanenten Ausnahmezustand, ein Leben im Möglichen, vermischt mit all jenen neuen Formen von Lebenshaltung und -gestaltung, die sich langsam Bahn brachen.

Spätestens mit dem plötzlichen Tod Adornos am 6. August 1969 ist das Ende der ersten Aufbruchszeit erreicht, zumal das revolutionäre Pathos auch nicht mehrheitsfähig ist. Die Bewegung zerfasert: Sektiererische politische Kleinstgruppen entstehen, die feministische Bewegung erstarkt, die terroristische RAF bildet sich, alternative Formen manifestieren sich. Neue Akteure erscheinen auf der Bühne: Joschka Fischer, Matthias Beltz, Jonny Klinke, um nur die bekanntesten zu nennen. Verdienstvoll ist das Buch dort, wo es die Lebensläufe der Akteure, die für die Stadt Frankfurt von Bedeutung wurden, Revue passieren lässt: Jonny Klinke und sein Tigerpalast, die heute nicht aus der Stadt wegzudenken sind; Matthias Beltz, der die politische Arbeit als Kabarettist fortsetzte; Martin Wentz, später Planungsdezernent der Stadt; Rupert von Plottnitz, linker Rechtsanwalt und später hessischer Minister für Justiz: Milan Horacek, der Dissident aus Prag, später Stadtverordneter in Frankfurt; Harry Oberländer, ab 2010 Leiter des Hessischen Literaturforums. Die Reihe lässt sich fortsetzen, und das tun die Autoren auch. Es muss eine bunte, aufregende, Zeit gewesen sein, in der sich pubertäre Allmachtsphantasien und kritische Theorie umstandslos mischten. Die Sentenz von William Wordsworth passt wohl auch auf diese Jahre: „Bliss it was in that dawn to be alive, but to be young was very heaven.“

Aber die Revolutionäre von damals sind grau geworden. Sie sind musealisiert. Mittlerweile, die Autoren notieren es, gibt es schon Führungen auf dem Hauptfriedhof zu den verstorbenen 68ern. Bizarr, möchte man meinen, als ob auch hier die Kulturindustrie das letzte Wort behalten hat. Aber der Mythos lebt. Vor vierzehn Jahren habe ich das selbst erlebt, bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Adorno. Da trafen sie sich, die Überlebenden von damals, eine gesetzte, honorige Gesellschaft, die in den Erlebnissen des Jahres 1968 lebten wie in einer Heldensage. Alle hatten sie bei Adorno gehört, irgendwie, ein Klassentreffen der besonderen Art. Heldengedenktag auf frankfurterisch. Noch heute scheint in den damals geknüpften Netzwerken eine besondere Vertrautheit zu bestehen, eine Kameradschaft eines besonderen Fronterlebnisses. Aus der Frankfurter Szene entstand in den 1970er Jahren ja auch ein starker Zweig der Grünen; darüber hat Claus-Jürgen Göpfert unlängst in einem anderen Buch berichtet.

Am Ende bleibt für die Autoren ein nostalgischer Blick zurück. Angesichts der rechtspopulistischen Erfolge stehe eben auch viel von dem auf dem Spiel, was durch die 1968er erreicht worden ist. Dem Buch vorangestellt ist ein Vierzeiler von Matthias Beltz: „Parmesan und Partisan/ Wo sind sie geblieben/ Partisan und Parmesan/ Alles wird zerrieben.“ Alles umsonst also? So pessimistisch bin ich persönlich nicht, denn 1968 ist zu großen Teilen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man merkt es im Vergleich zu den ostdeutschen Bundesländern, die ihr 1968 nicht hatten: Die kreativen Energien von damals haben in Westdeutschland Gesellschaft, Denken und Politik modernisiert. Das ist nicht eben wenig und sollte bei aller Kritik auch vermerkt werden. Auch in der CDU hat ja das Erlebnis 1968 in einer Generation junger Politiker nachgewirkt, die darangingen, alte Zöpfe abzuschneiden und die CDU neu zu erfinden. Aber dies ist eine andere Geschichte – und schon eher die meine.

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