Vortrag in der Liebfrauengemeinde, 2. Juli 2013

Im Frühjahr 1891 berichtete die französische Zeitschrift „L’Illustration“ über eine eigenartige Aktion: Auf Geheiß der französischen Regierung wurden in der Seine bei Paris 40,000 Jungfische ausgesetzt, die eigens zuvor gezüchtet worden waren. Damit sollte versucht werden, die nicht mehr vorhandenen Fischbestände wieder aufzufrischen. Der Fluss war also weitgehend leblos. Aber wie waren diese Fischbestände abhanden gekommen? Nun, im Winter zuvor hatte man versucht, die Seine eisfrei zu halten und dabei eine neue Erfindung verwendet: Dynamit. Damit hatte man die Seine eisfrei bekommen, aber eben auch weitgehend fischfrei. So musste jetzt Ersatz her, teuer bezahlt und aufwändig transportiert, um den Schaden wieder zu beheben.

Nun ist diese kleine Anekdote aus vielerlei Gründen aufschlussreich. Sie zeigt zum einen, dass wir manchmal über die Nebenwirkungen unseres technologischen Fortschritts nichts wissen. Hierzu gibt es eine Reihe von Beispielen, aus denen wir aus Schaden klug geworden sind. In den zwanziger und dreißiger Jahren etwa war es Mode, Körperbehaarung mittels Röntgenstrahlung zu beseitigen – Nebeneffekte bemerkte man erst später. Erinnern Sie sich noch an die Fluoroskope, mit denen man Schuhe durchleuchten konnte? Die dort freiwerdende Strahlendosis lag pro Minute zehnmal höher als der Grenzwert, den wir heute medizinischem Personal pro Jahr zumuten. Oder nehmen sie das dramatische Beispiel des Arzneistoffes Thalidomid, der als Schlaf- und Beruhigungsmittel Ende der fünfziger Jahre unter dem Namen „Contergan“ in den Handel kam. In all diesen Fällen sind wir aus Schaden klug geworden, was aber nicht heißt, dass wir nicht bereit sind, umstandslos neuen Schaden anzurichten.

Problematischer ist aus meiner Sicht der Schaden den wir anrichten, ohne klug zu werden. Oder vielleicht erst zu spät klug werden. Nehmen Sie etwa die Belastung der Umwelt mit Kohlendioxyd (CO2). Wir wissen, dass die Emission dieses Gases zur globalen Erwärmung beiträgt. Gleichwohl gelingt es uns nicht, international selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Der CO2-Ausstoß steigt weiter an, mit allen dramatischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Nehmen sie zum zweiten die so genannte Aussterberate in der Natur. Diese ist heute etwa um ein hundertfaches höher als vor Beginn der Industriellen Revolution. Es hat immer Arten gegeben, die aussterben, keine Frage. Aber diese hohe Rate heute ist auf die Tätigkeit des Menschen zurückzuführen, und wir wissen nicht, welche Konsequenzen das haben wird weil wir zu wenig über die biologischen Kreisläufe wissen, in denen diese Arten eine Rolle spielen. Einige Wissenschaftler haben deswegen auch argumentiert dass wir uns im Zeitalter des Anthropozäns befinden, also einem Zeitalter, in dem der Mensch der Gestalter der Natur ist. Mehr noch aber der Verbraucher, der Nutzer. Der Schweizer Wissenschaftler Mathis Wackernagel hat ein Konzept entwickelt, mit dem er den Verbrauch von Natur durch unsere Lebensweise in Fläche berechnet. Er nennt das den ökologischen Fußabdruck. Er hat berechnet dass wir rechnerisch die zur Verfügung stehende Fläche der Erde pro Jahr 1,5 mal verbrauchen. Das ist wohlgemerkt unter Einschluss aller Menschen. Wenn aber alle so leben und wirtschaften würden wie wir in Deutschland würden wir die Erde 2,4 mal pro Jahr verbrauchen. Wenn alle Menschen Amerikaner wären: 4,4 mal. Und es wird nicht besser, da immer mehr Menschen dazu kommen und sie sich uns als Vorbild nehmen. Sie wollen leben wie wir, den gleichen Wohlstand haben. Das bedeutet: Mehr Energie, mehr Abfall, ein höherer ökologischer Fußabdruck. Die Erde wird dramatisch übernutzt, bereits jetzt schon.

Vor vielen Jahren, im Jahr 1968, ist auf einer der amerikanischen Apollo-Missionen erstmals die Erde von außen fotografiert worden. Das Bild hat heute einen beinahe ikonischen Status. Das, was da so blau schimmernd in der Dunkelheit des Weltalls schwebt, das ist alles, was wir haben. Es ist unsere gemeinsame Heimat, unsere Herkunft, unsere Zukunft. Der amerikanische Dichter Archibald McLeish hat das in dem schönen Wort zusammengefasst: Wir sind gemeinsam Reisende auf der Welt, Brüder in der ewigen Kälte. Tatsächlich hat dieses Foto auch dazu geführt, das Bewusstsein für die planetarischen Zusammenhänge unseres Tuns zu wecken. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft als Menschheit. Und wir haben eine Verpflichtung auch gegenüber unseren Nachkommen: Ihnen nämlich ebenfalls die Möglichkeit eines guten Lebens zu belassen, also nicht auf ihre Kosten zu leben und zu wirtschaften: Das ist der Sinn des Begriffs von Nachhaltigkeit.

Was aber hat das alles mit Religion zu tun, zumal der christlichen? Diese Frage ist berechtigt, aber auch in gewisser Weise erschreckend. Um es zugespitzt zu formulieren: Nur in der christlich geprägten Welt hat es eine Entwicklung gegeben, die auf eine immer stärkere Naturbeherrschung und Naturausbeutung zielte. Nur im Christentum hat sich die Idee eines stetigen und kontinuierlichen Wachstums der Wirtschaft entwickelt. Das sind die eigentlichen Ideen, mit denen wir die Welt missioniert haben. Keine andere Kultur außerhalb des Christentums hat die Idee hervorgebracht, dass es in Ordnung sei, die Natur für eigene Zwecke auszubeuten; dass es in Ordnung sei, nach immer mehr Wohlstand zu streben. Und das, finde ich, verlangt schon nach einer Erklärung. Und dazu schauen wir zunächst einmal in die Bibel.

Im Alten Testament sind wir Zeugen, wie Gott dem Menschen die Schöpfung überantwortet. Zur Hege und Pflege allerdings, nicht zur Ausbeutung. Macht euch die Erde untertan, heißt es in Genesis 1,28. Damit ist gemeint: uns die Erde dienstbar machen, aber in verantwortlicher Weise. Neuer exegetische Forschungen zeigen: Wenn Gott dem Menschen im gleichen Atemzug befiehlt über die Fische des Meeres, die Vögel und die Landtiere zu herrschen, ist dies sprachlich nahe bei der Sorge eines Hirten für seine Kleintierherde. Es ist also eine Herrschaft, die auch den Schutz für die Erde beinhaltet, nicht eine ausbeuterische Herrschaft. Das erschließt sich auch aus einer anderen Stelle der Schöpfungsgeschichte. Im zweiten Kapitel des ersten Buch Moses gibt es eine Stelle, in der Gott dem Menschen die Tiere vorführt damit der Mensch sie benennt. Etwas benennen heißt aber, es nicht nur als ein Objekt anzusehen. Damit unterscheidet sich das Tier von einem Stein oder einem Tisch. Es hat einen anderen, einen höheren Wert.

Die Schöpfungsgeschichte legt also zunächst ein Naturverständnis nahe, das von Ehrfurcht geprägt ist. Die Natur ist dem Menschen zwar anvertraut, aber er hat sie in Ehren zu halten. Er darf ihr entnehmen was er für seinen Lebensunterhalt benötigt. Er ist Herr und Hüter der Natur, aber die Oberherrschaft ist immer noch Gottes. Man kann auch sagen: Er ist Treuhänder der Natur und der Schöpfung. Damit sind auch Grenzen der Aneignung der Natur benannt. Es geht nicht um den Erwerb von Reichtümern durch die Ausbeutung der Natur, sondern um ein harmonisches Verhältnis der Schöpfung insgesamt. Und: Der Mensch ist ein Teil dieser Schöpfung.

Das ist ein Selbstverständnis das sich auch noch lange in der christlichen Tradition findet. Die frühen Christen lebten zunächst unter der Verheißung einer unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft des Herrn. Da war es wenig angebracht sich um irdische Reichtümer zu kümmern. Auch bei den Kirchenvätern des Mittelalters spielten Besitztum oder Forschungsdrang kaum eine Rolle. Arbeit diente dem Lebensunterhalt, war vielleicht auch, wie bei den Benediktinern, in einen kontemplativen Zusammenhang gestellt. Zwar gab es Reichtum in der Welt, dies war aber keinesfalls etwas, wonach das Trachten des Christen ging: Die seltsame Aussage, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel ein machte deutlich, das irdischer Besitz eben nur vorübergehend und damit nicht im eigentlichen Sinn wertvoll war.

Es sind drei Entwicklungen, die dieses Verständnis völlig auf den Kopf stellen: Erstens, ein sich änderndes Verhältnis von Glauben und Vernunft; zweitens, die Entdeckung des Ich als Glaubensgrundsatz und drittens ein sich änderndes Verständnis der Arbeit.

Zum ersten Punkt, Glauben und Vernunft. Häufig denkt man: Glauben und Vernunft sind entgegengesetzt. Der Glaube fängt dort an, wo die Vernunft aufhört. Ich glaube, weil es widersinnig ist: So hatten es einst die frühen Kirchenväter diskutiert. Glaube ist ein Sprung über die Vernunft hinaus. Nun aber ging es, seit der Scholastik, um die Bemühung, Glaube und Vernunft zu vereinen. Ich glaube, damit ich erkennen kann: Das war das Programm von Anselm von Canterbury, der durch Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ auch zu einiger populärer Berühmtheit kam. Bei Thomas von Aquin war es dann die Vernunft, die den Glauben durchwaltete. Der emeritierte Papst Benedikt war ein großer Vertreter dieser Tradition, in der es darum ging, Glauben und Vernunft, Glauben und Aufklärung miteinander zu versöhnen. Die Vernunft als Erheller des Glaubens: ein wahrhaft humanes und menschliches Anliegen, denn es setzt den Glauben in die Notwendigkeit der Begründung seiner Aussagen und Handlungen. Nicht mehr alleine die Priester entscheiden, was glaubensgemäß ist, sondern jeder Mensch ist, weil vernunftbegabt, dazu bei rechtem Gebrauch der Vernunft in der Lage. Das bringt natürlich auf lange Sicht eine Demokratisierung des Glaubens, der Priester als Mittler zwischen dem Gläubigen und Gott spielt weniger eine Rolle. Alle Menschen sind vernunftbegabt, und alle Menschen können über die Lektüre der Bibel und dem nachdenken über das Wort die Wahrheit des Glaubens erfahren. Aber für unseren Zusammenhang ist eine zweite Entwicklung wichtiger. Wenn  Gott durch die Vernunft erkannt werden kann, dann können auch die göttlichen Werke durch die Vernunft erforscht werden, allen voran die Schöpfung. Die hatte Gott nämlich geschaffen und sie der menschlichen Erkenntnis zugänglich gemacht: Durch allgemeine Regeln und Gesetze, die der Mensch nur entdecken müsse. Die Welt war also logisch und nachvollziehbar aufgebaut, es galt, ihre geheime Gesetze zu entschlüsseln, um er Mechanik ihres Wirkens auf die Spur zu kommen. Wissen ist Macht, so Francis Bacon: Nämlich Macht über die Natur, und deswegen müsse man die Natur auf die Streckbank der Erkenntnis legen um ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Es gab keine Tabus der wissenschaftlichen Erkenntnis. Mehr noch: Wissenschaft hieß, die Schöpfung zu entdecken und zu veredeln.  Das ist der Kern des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Verständnisses.

Zum zweiten Punkt, der Entdeckung des Ich als Glaubensgrundsatz. Kann man im Glauben Gewissheit bekommen? Was ist der nicht mehr hintergehbare Grundtatbestand der Erkenntnis? Diese Frage stellte sich der Franzose René Descartes. Seine Antwort: Der methodische Zweifel. Ich kann die Existenz aller Dinge anzweifeln, und dies vielleicht aus guten Gründen. Eines kann ich aber nicht anzweifeln: Die Existenz desjenigen, der den Zweifel äußert. Ich denke, also bin ich: Diese Grundformel von Descartes erwies sich auch für das moderne Weltbild als revolutionär. Descartes reduzierte alle Erkenntnis auf das erkennende, auf das denkende Subjekt und baute von dort aus Glauben und Welt neu auf. Das hatte Folgen für unser Verständnis von Natur und Schöpfung: Wir sind nicht mehr in ein Ganzes des Lebenszusammenhanges eingebunden, sondern sehen die Natur als Objekt, als etwas, das uns gegenübersteht. Insofern vertrugen sich die neue Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Ideen von Descartes nicht nur sehr gut, sie ergänzten und verstärkten sich gegenseitig.

Zum dritten Punkt, ein sich änderndes Verständnis von Arbeit. Arbeit war für das Christentum immer wichtig, anders als für die antike griechische Welt. Jesus selbst hat wohl ein Handwerk gelernt, und die Jünger ebenfalls. Durch die protestantische Theologie aber wird der Arbeit ein beinahe überhöhter Wert zugeschrieben. Bei der Frage, wie man denn erkennen könne, ob man im Stand der Gnade sei, lautete eine der wirkmächtigsten Antworten: Wenn Du erfolgreich bist, dann hat Gott Dein Werk gesegnet. Hinzu kam nun eine zweite sehr folgenreiche Idee des Engländers John Locke: Die Idee nämlich, dass Eigentum dadurch entsteht, das man Dinge mit seiner Arbeit vermischt und auch über den unmittelbaren Gebrauch hinaus aneignen kann. Das war ein Abschied von der christlichen Idee, dass letztlich Gott Eigentümer aller Dinge ist, der Mensch allenfalls Besitzer. Der Mensch wird nun zum Eigentümer über die Natur, sofern er seine Arbeit in sie mischt. Er hat Gott als Eigentümer – enteignet.

Fassen wir kurz zusammen, weil dieser Gedankengang wichtig ist. Die Revolution im Verhältnis des Menschen zur Natur liegt in diesem Dreischritt begründet: Die Natur ist etwas, das dem Menschen gegenübersteht: Descartes. Die Natur ist etwas, das beliebig für eigene Erkenntniszwecke genutzt und manipuliert werden kann: Bacon. Die Natur ist etwas, das dem Menschen auch zum Eigentum dient: John Locke. Kontrastieren wir dagegen folgende Aussage: Der Mensch ist Teil der Natur. Er muss die Natur achtsam und pfleglich behandeln, denn sie gehört nicht ihm, sondern der Menschheit insgesamt, auch den noch nicht Geborenen. Ich vermute einmal: Rein instinktiv würden wir zu letzter Aussage neigen. Sie ist aber dem modernem Technik- und Wirtschaftsverständnis beinahe diametral entgegen gesetzt.
Verbleiben wir noch einen Augenblick bei unseren neuzeitlichen Helden Bacon, Descartes und Locke und fragen uns: Hat ihre Grundphilosophie auch Gutes hervor gebracht? Hier ist die Antwort ein eindeutiges Ja. Die Entwicklung der Wissenschaften und der Technik hat ungeahntes Wachstum erzeugt, hat die Menschen von vielen Jämmerlichkeiten des Daseins befreit, Hunger und Seuchen weitgehend eingedämmt, den Lebensstandard erhöht, die Lebensdauer deutlich verlängert. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Das ist nicht von vorneherein schlecht wenn man weiß, wie eine Welt beschaffen ist, in der selbst lebensnotwendige Güter knapp sind. Da gilt das böse Wort von Thomas Hobbes das in einer solchen Welt das menschliche Leben einsam, ekelhaft, tierisch und kurz ist. Und, bei aller Liebe: In einer solchen Welt möchte keiner leben. Deswegen haben einige Philosophen der Aufklärung auch gesagt: Mit den materiellen Möglichkeiten, mit der Anhebung des Lebensstandard verbessert sich auch der Mensch als sittliches Wesen. Einige haben sogar davon gesprochen, dass wir selbst die Schöpfung vollenden und uns auf ein neues goldenen Zeitalter hin bewegen, ein Zeitalter, das keinen Hunger kennt, kaum Krankheiten, und darum auch keinen Neid, keine Missgunst unter den Menschen, paradiesische Zustände also. Die zweite Schöpfung: Der Mensch besiegt die Natur und damit auch die primitive Natur in ihm selbst. Ein schöner Traum, aber ein Traum.

Nun sind wir seit dem 20. Jahrhundert über die Möglichkeiten unserer sittlichen Vervollkommnung durch den Fortschritt von Technik und Naturwissenschaften doch einigermaßen desillusioniert. Ein einflussreicher Buchautor hat wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben, es können keine Kriege mehr geben. Das sei nämlich irrational und unlogisch. Das traf eine weit verbreitete Stimmung, und sie wurde gründlich enttäuscht. Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der weitere folgen sollten – unter anderem auch die Monstrosität des Holocaust mit der industriellen Vernichtung menschlichen Lebens.  Die Moderne hatte sich gegen sich selbst gerichtet.  Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts treten wir dann in etwas ein, was der Historiker Joachim Radkau als das Zeitalter der Ökologie bezeichnet. Wir werden uns der Folgewirkungen unserer Technikorientierung zunehmend bewusst. Umweltzerstörung, die Veränderung des natürlichen Klimas, Giftmüllskandale: Es steigt die Bereitschaft, Kosten-Nutzen-Analysen vorzunehmen. Unter keinem Aspekt einer Kosten-Nutzen-Analyse ist Atomkraft gerechtfertigt. Dazu brauchten wir nicht erst die Katastrophen von Tchernobyl und Fukushima. Aber auch fossile Brennstoffe bergen erhebliche Gefahren: Durch die Verbrennung fossiler Energieträger wird CO2 freigesetzt, und dies führt zu einer allmählichen Erwärmung der Erde mit katastrophischen Konsequenzen. Und an anderer Stelle: Die Aussterberate der Tiere und Pflanzen hat ein noch nie in der Erdgeschichte gesehenes Hoch erreicht. Was bedeutet das für unsere Umwelt? Was bedeutet es für die biologischen Kreisläufe? Wir wissen es nicht, weil vieles noch unerforscht ist.

Der niederländische Wissenschaftler Paul Crutzen hat im Jahr 2000 den Begriff „Antropozän“ vorgeschlagen zur Kennzeichnung der neuen Epoche, in der wir uns befinden: Eine Epoche in der die Menschheit selbst zu einem geologischen Faktor geworden ist. Ich will einmal einige Faktoren aufzählen, die hierzu gehören:
Artensterben: Die Artenvielfalt auf der Erde ist zwischen 1970 und 2005 um 27 Prozent gesunken. Derzeit sind laut WWF 34,000 Arten vom Aussterben bedroht.

Versauerung der Meere: Dies ist eine Folge der Zunahme von CO2 in der Atmosphäre. Der so genannte pH-Wert im Meerwasser sinkt durch die Aufnahme von CO2. Folge ist, das die Fähigkeit bei kalkskelettbildenden Lebewesen die Fähigkeit sinkt, sich Schutzhüllen bzw. Innenskelette auszuprägen. Da diese Lebewesen gleichzeitig Basis der ozeanischen Nahrungsketten sind, sind potentiell auch andere Meeresbewohner davon betroffen.
Die Verschmutzung mit Plastik: Eines der größten Probleme auf den Ozeanen ist heute die Verschmutzung mit Plastikmüll. Zwischen Kalifornien und Hawaii gibt es heute einen etwa 100 Millionen Tonnen schweren Müllstrudel. Auch in anderen Strömungswirbeln der Weltmeere können wir ähnliches beobachten. Zersetzt sich das Plastik, werden Giftstoffe frei und gelangen in die Nahrungskette.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Verunreinigungen in der Atmosphäre, in den Meeren; Übernutzung natürlicher Ressourcen. Die Erde ist dabei, zu einem unwirtlichen Ort zu werden. Ein wenig sind wir wie der Zauberlehrling aus Goethes gleichnamigen Gedicht der die Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird. Was sollen wir tun? Auf Wachstum verzichten? Auf Konsum verzichten? Unseren Wohlstand aufgeben? Maschinen und Technik verbieten?
Und selbst, wenn wir das in Deutschland täten und auf dem Eiland der Gutmenschen uns einrichteten: Es hülfe nicht, denn globale Probleme brauchen globale Antworten. Wir haben uns von vielen Naturzwängen befreit. Nun könnte es sein dass sich die Natur von uns befreit.

Es gibt eine Reihe an Antworten, wie wir mit dieser Situation umgehen können. Ich will drei davon skizzenartig aufführen und kurz begründen, warum dies alles nicht ausreicht.
Die erste Antwort lautet: Wir haben bislang noch jede Technikfolge durch Folgetechnik in den Griff bekommen. Wir müssen nur weiter Technik und Wissenschaft fördern und für Marktchancen sorgen, dann können wir auch diese Krise überwinden. Das ist im Wesentlichen die Haltung der FDP.

Die zweite Antwort lautet: Wir müssen uns vom Fetisch des Wachstums befreien. Wir müssen unsere Wirtschaft so organisieren dass wir weniger konsumieren, nicht mehr wachsen und in einem Gleichgewicht mit der Natur leben. Das ist die Position der so genannten Postwachstumsökonomie. Sie wird aber auch von einigen konservativen Wachstumskritikern geteilt. Bei den einen geht sie einher mit einer grundlegenden Kritik am Wirtschaftssystem, bei den anderen mit einem Plädoyer dafür, Maß und Mitte wiederzugewinnen und die klassischen Tugenden neu zu beleben.
Die dritte Antwort ist: Wir müssen nur richtig wachsen. Dazu müssen wir die Weichen richtig stellen, nämlich hin zu grünem Wachstum. Das bedeutet: Bestimmte Bereiche unserer Wirtschaft müssen schrumpfen (z.B. die Automobilindustrie), andere müssen wachsen wir etwa die Technologien für erneuerbare Energien.

Ich glaube, dass alle Antworten zu kurz greifen weil sie letztlich davon ausgehen, dass Technik im weitesten Sinn auch die Probleme der Technik wird lösen können. Bis zu einem gewissen Grad können wir das, ohne Zweifel. Ich glaube aber, unsere Probleme liegen etwas tiefer, und deswegen habe ich mit Ihnen auch einen kleinen Ausflug in die Philosophie gemacht. Unsere Probleme haben mit einem sich über lange Jahrhunderte entwickelten Grundverständnis von Mensch und Natur zu tun. Dies kann man nicht von heute auf morgen durchbrechen. Max Weber spricht von einem ehernen Gehäuse der Hörigkeit, und da ist einiges dran: Unser ganzes Leben ist mit dieser Denkungsweise durchtränkt, und wir können uns nicht von heute auf morgen davon lösen. Schauen wir nur einmal in die südeuropäischen Länder: Das Allheilrezept für die ökonomischen Probleme dort ist Wachstum – nicht zuletzt deshalb weil wir gesehen haben, welche verheerenden Folgen es haben kann, wenn wir kein Wachstum haben.

Ich will sie noch einmal etwas zurückführen, in das 13. Jahrhundert. Eines der berühmtesten Gedichte jener Zeit ist der „Sonnengesang“. Er preist den Herrn mit allen seinen Kreaturen: Bruder Wind, Schwester Wasser, Mutter Erde. Also alles zu Land, zu Wasser, in der Luft. Die Seele preist den Herrn dadurch, dass sie sich seinen Geschöpfen öffnet. Modern ausgedrückt: Dass sie die Schöpfung als Mitschöpfung sieht und sich nicht als Herr über sie erhebt. Das ist das alte, voraufklärerische Verhältnis zur Natur: Es ist ein ganzheitliches Verhältnis, dass die Natur nicht als Umwelt, sondern als Mitwelt sieht. Der Mensch ist Teil dieser Natur und nicht, wie es Descartes und Bacon interpretiert haben, außen vor. Die Natur als Bruder, Schwester und Mutter zu bezeichnen ist dann doch etwas anderes als sie auf die Streckbank zu legen um ihr Erkenntnisse zu entreißen, wie es bei Bacon einmal formuliert war. Eine solche Achtsamkeit im Umgang mit der Natur als Grundlage der Naturerkenntnis und Wissenschaft zu etablieren wäre aus meiner Sicht Voraussetzung für alle anderen Antworten auf unsere gegenwärtigen Probleme. Aller Fortschritt zählt nämlich wenig wenn die Opfer des Fortschritts zu groß werden und wir am Ende Schaden an unserer Seele nehmen.

Ein letztes noch: Der Autor des Sonnengesangs war Franziskus von Assisi. Deswegen sehe ich seinem Pontifikat mit großer Spannung entgegen, denn der Name ist Programm. Die katholische Kirche hat in ihrer Soziallehre schon längst das Prinzip der Nachhaltigkeit etabliert und häufig auch die verderblichen Wirkungen unserer gegenwärtigen Wirtschaftsform gegeißelt. Der Name Franziskus könnte aber zu einem Programm werden um an die Ehrfurcht und Achtsamkeit zu erinnern, die wir der Natur schulden: Damit wir nicht Zerstörer, sondern Bewahrer der Schöpfung werden.

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