Die Themenstellung des heutigen Abends beruht, wenn ich es recht sehe, auf drei Annahmen. Die erste Annahme ist, dass es so etwas wie ein Kontinuum der politischen Gesäßgeographie gibt, auf dessen linker Seite die progressiven Kräfte des Fortschritts sich befinden, auf der anderen hingegen die der Beharrung, der Reaktion, des Konservativen in einem umfassenden Sinn. Was sich am rechten Rand nun tut und für unsere politische Kultur zu einem Problem wird, die populistische Enthemmung nämlich, die gemeinhin mit der AfD assoziiert wird, wäre dann – dies ist die zweite Annahme – das Problem einer Radikalisierung vom Bürger zum Wutbürger, die durch eine Rückbesinnung auf konservative Tugenden wie Mäßigung und Klugheit einzudämmen wäre, denn: Die dritte Annahme, vorsichtig mit einem Fragezeichen versehen, trägt doch eine Schuldvermutung in sich, die Möglichkeit des Versagens, einer Kapitulation eben gegenüber neuen Herausforderungen. Und es wäre ja einfach, wenn es so stimmte: Dass nämlich der Wutbürger ein enttäuschter Konservativer wäre, dass es der politische Konservatismus mithin nicht schaffe, die gerufenen Geister wieder einzufangen, ganz so wie 1933, als die Gefahr zu spät gesehen worden war und der Konservativismus letztendlich zum Steigbügelhalter derer wurde, die nicht nur die Demokratie zerstörten, sondern alles, wofür auch der Konservativismus stand und kämpfte.

Ein solcher Gedanke liegt auch deshalb nahe, weil nicht wenige der profilierten Vertreter der AfD zuvor in der Union ihre politische Heimat hatten und der profilierteste unter ihnen, Alexander Gauland, nicht nur im Habitus an einen englischen Landadligen erinnert – das Urbild des politischen Konservativismus -- sondern auch ein kluges Buch geschrieben hat mit dem schönen Titel: Anleitung zum Konservativsein.[1]
Allein, der englische Konservative hat sich immer durch ein stilsicheres, förmliches Benehmen im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen ebenso ausgezeichnet wie durch Mäßigung und Klugheit in der Sprache und dem politischen Urteil; beides lässt Gauland seit seiner Konversion nicht nur schmerzlich vermissen, nein: Die ganze Partei zeichnet sich durch eine vor allem sprachliche Enthemmung von Umgangsformen aus, die bisweilen pathologische Züge annimmt. Darüber hinaus rekrutiert sich Anhänger- und Wählerschaft eben nicht durchgehend aus den Enttäuschten der Union, sondern aus allen politischen Lagern, vor allem auch aus dem Wählerreservoir der Linken und dem der bisherigen Nichtwähler. Das führt zu einer gewissen Diskrepanz von Wahlplattform und Wählerreservoir, denn die Programmatik der AfD ist durch ideologische Versatzstücke geprägt, die den Interessen vieler ihrer Wähler wohl diametral entgegen stehen.

Schließlich macht ein Blick über Deutschlands Grenzen hinaus nachdenklich: In fast allen europäischen Staaten haben populistische Parteien ihren Platz im Parteisystem gefunden; mit dem unterschiedlichsten Schwerpunkten: Lega Nord in Italien, die FPÖ in Österreich, die Front National in Frankreich, Fidesz in Ungarn, die Partei für die Freiheit in den Niederlanden – die Reihe ließe sich fortführen. Man mag sich noch fragen, ob Deutschland hier eine Sonderentwicklung genommen hat, ich glaube dies nicht. Aber zwei Dinge will ich mit diesem Vortrag tun: Eine These aufstellen, worin der Grund für den Aufstieg des Populismus liegt; zweitens darüber nachdenken, was denn ein wohlverstandener Konservativismus gegen den Populismus tun könnte. Darüber hinaus ich einige Anmerkungen machen, wo die Soziallehre der Kirche dem Konservativismus hilfreich sein könnte, zumal es ja die eine oder andere Überschneidung gibt.

Zunächst zu der These und dem ersten Teil, und da später auch anregend debattiert werden soll, will ich die These provokativ zuspitzen: Der Aufstieg populistischer Parteien ist aus meiner Sicht die Rache des Neoliberalismus an der Politik. In den 1980er und 1990er Jahren begann die Bewegung hin zu mehr Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung. Sie hatte – der Sammelbegriff war „Neoliberalismus“ – sehr unterschiedliche Auswirkungen in den einzelnen europäischen Ländern, aber der gemeinsame Nenner war: Entkernung des Nationalen und mehr Unsicherheit und Risiko für den Einzelnen. Der Begriff der Risikogesellschaft, von Ulrich Beck geprägt, bringt diese  Entwicklung auf den Punkt.

Die Menschen wurden in die durch den Neoliberalismus vorbereitete Globalisierung gestellt. Wo früher der Nationalstaat verbindliche Regeln aufstellen konnte, wirkten nun zunehmend die anonymen Kräfte von globalen Märkten. Sozialstaatliche Konsense wurden im Namen der Wettbewerbsfähigkeit aufgekündigt: Die Globalisierung verlangte Flexibilität und Mobilität. Zugehörigkeit, Heimat, Herkunft: All das spielt für den entfesselten globalen Kapitalismus keine Rolle. Dinge wurden mit Ähnlichkeit geschlagen: Überall die gleichen Geschäfte, die gleichen Waren und Produkte. Die doppelte Bedrohung von Herkunft und sozialer Sicherheit wurde zur Grundlage des Populismus. Er ist deshalb eine Bewegung, die die Sehnsucht nach Sicherheit und Beheimatung in sich trägt. In der Globalität gibt es keine Beheimatung und keine soziale Sicherheit. Sie ist der Triumph des Homo oeconomicus über die integrative Funktion von Nationalem und Sozialem. Für den Marktbürger sind dabei Bindungen lediglich übernommene und überkommene Fesseln, die dem hemmungslosen Ausleben der Leidenschaften des Menschen im Wege sind. Im Übrigen hat das Karl Marx schon mit eindringlicher Deutlichkeit gesehen, als er davor warnte, dass der Kapitalismus alles Ständige und Stehende verdampft und alles Heilige entweiht, aber ihn hat ein wenig das Schicksal aller großen Konservativen ereilt, dass man ihn nicht besonders ernst genommen hat.

In Deutschland ist das Aufkommen des Populismus vergleichsweise spät erfolgt. Der nationale Vereinigungskonsens trug über die ersten Globalisierungsprobleme hinweg; Deutschland erlebte eine Renaissance des Nationalen, ganz gegenläufig zur Entwicklung im übrigen Europa. Die Exporterfolge des geeinten Deutschland wiederum verdeckten die Ausmaße der eingeschlichenen Globalisierung und des Verblassens nationaler Regelungskompetenz. Erst mit der Doppelkrise des internationalen Finanzsystems und der Flüchtlingskrise waren die Probleme der Globalisierung augenfällig in Deutschland angekommen. Die neuen blühenden Landschaften, bedroht durch die Rettung des Euro und den Flüchtlingen als Boten des Unheils: Nun artikulierten sich die Ängste auch in Deutschland. Es ist kein Zufall, dass der politische Aufstieg der AfD sich diesen – und nur diesen – Krisen verdankt. Ebenfalls ist es nicht zufällig, dass die politische Linke aus diesem Protest kein Kapital schlagen konnte, schlimmer noch: Dass sie überdurchschnittlich Wähler an die AfD verliert. Ihr fehlt der nationale Impuls, das Angebot der Beheimatung in der Auflösung des Sozialen. Internationalismus ist eben kein Mittel gegen Globalisierungsängste.

Inwieweit kann man Vertrauen in eine Politik haben, deren Reichweite begrenzt ist? --  dies ist eine der zentralen Fragen des Regierens im Mehrebenensystem, wie es Politikwissenschaftler heute beschreiben. Die von Populisten präferierte Abschottung ist das Rezept eines nostalgischen Denkens und der Sehnsucht nach einer Zeit, in der der Staat noch alles regeln konnte und die Volkswirtschaft tatsächlich noch im umfassenden Sinn eine Nationalökonomie war. In den USA wird vermutlich gerade die Probe aufs Exempel gemacht, wie weit eine solche Politik tatsächlich trägt. Es wird gleichzeitig die Absage an all jene Theorien, die im Freihandel die Garantie für eine friedliche Entwicklung der Staatengesellschaft sehen. Ich glaube hingegen, unsere einzige Chance, die Prozesse der Globalisierung zu bändigen, sind robuste internationale Strukturen und Regime. Deshalb müssen wir uns politisch auf die Globalisierung einlassen, um sie gestalten zu können – das gilt auch für CETA und TTIP.

Gleichzeitig gilt es, die Kernleistung der Staaten, den Schutz seiner Bürger, sicherzustellen. Auch das geht heute nicht mehr ausschließlich nationalstaatlich. Grenzübergreifende Kriminalität verlangt internationale Kooperation ebenso wie die Sicherung der europäischen Außengrenzen und die Beseitigung von Fluchtursachen. Der Schutzanspruch gilt auch gegenüber den entfesselten Kräften der Globalisierung. Deswegen hat die katholische Kirche gegenüber den populistischen Kräften Recht: Die Lösung liegt nicht in einem Zurück zum Nationalstaat, sondern der Etablierung einer wirklichen Weltautorität, die die Auswüchse der Globalisierung zu bändigen in der Lage ist.

Der Neoliberalismus hat die Berechenbarkeit von Lebensläufen ausgehebelt, der Populismus bietet als Lösung die Beschleunigung des neoliberalen Projekts bei gleichzeitiger Nationalisierung des politischen Referenzrahmens an. Globalisierung braucht einen starken Staat, keinen schwachen; Globalisierung braucht aber auch robuste internationale Kooperation bis hin zu globalem Regieren und einer globalen politischen Autorität. Die Prozesse der Liberalisierung einzufangen und zu temperieren – und zwar durch institutionelle Schranken und Leitplanken -- war seit jeher ein konservatives Anliegen. Der Konservatismus hätte dann vor dem Populismus kapituliert, wenn es diese Idee von Institutionen als Schutzmechanismen und als handlungsorientierende Zielpunkte nicht mehr ernst nehmen würde. Dann hätte es auch vor einem Populismus kapituliert, der in keiner Weise auf der Höhe der Herausforderungen agiert, sondern sich lediglich in den Tiefen des Ressentiments bewegt.

Damit kommen wir zum zweiten Punkt, was denn ein wohl verstandener Konservativismus hier tun könne. Wir haben ja allerlei Gelichter, das neuerdings den Namen „konservativ“ trägt; mehr als das Bedauern, dass die Dienerschaft heute nicht mehr das ist, was sie mal war, ist es aber häufig nicht.

Ich habe selbst einmal eine Definition von „Konservativ“ erarbeitet, zum Teil als Notwehr gegen allzu platte Aneignungen, aber auch, um meine eigene Position zu kennzeichnen. Sie ist etwas umfangreich und umständlich geworden, auch weil ich der Meinung bin, dass es manchmal wichtiger ist, präzise zu sein als aphoristisch-gewitzt.

„Konservativ sein ist eine Haltung, der Präferenzen zugrunde liegen. Konservativ sein heißt: Die Heimat der Welt vorziehen, die Familie der Menschheit, die Erinnerung der Vision, die Gemeinschaft der Gesellschaft, die Identität der Gleichheit, die Entwicklung der Planung, den Mythos dem Logos, die Ordnung der Beliebigkeit, die Bindung der Freiheit, den Ritus dem Experiment, den Zweifel der Gewissheit, die Werte den Normen, die Kultur der Zivilisation. Konservatives Denken entzündet sich an der Zumutung der Universalität. Es steht quer zu einer Philosophie der Aufklärung, die den Menschen zum Souverän macht und ihn aus allen historischen und sozialen Bezügen entbettet. Konservatives Denken ist informiert aus den unterschiedlichen Traditionen des Humanismus, dem Widerschein des Ewigen in der Welt und dem politischen Pragmatismus. Es ist zeitlich und örtlich gebunden und deshalb nicht ideologiefähig. Es verpflichtet dazu, das Neue gegenüber dem Bewährten beweispflichtig zu machen. Als Wille zum Bewahren erweist es der Erfahrung als dem Reservoir des Humanum Respekt. Es warnt vor einer Überforderung des Menschen durch moderne Beglückungsmachinationen.  Es hebt die Bedeutung von Institutionen für die Lebensführung des Menschen hervor, weil es den Menschen als Mängelwesen sieht. Es betont die Offenheit der Geschichte und lehnt geschichtsphilosophische Gesamtwürfe instinktiv ab. Konservativ sein ist also eine Präferenz, der eine Haltung zugrunde liegt.“[2]
Konservativ sein ist also sowohl eine Präferenz, der eine Haltung zugrunde liegt, als auch eine Haltung, der Präferenzen zugrunde liegen. Die Definition war der Versuch, den politischen und den traditionalistischen Begriff des Konservativismus zusammen zu denken. Schauen wir uns beide einmal an.

Der politische Konservativismus entstand als Gegenbewegung zur Aufklärung und vor allem zur Französischen Revolution.[3] Seine Vordenker waren Edmund Burke und Friedrich Gentz; im 19. Jahrhundert verzweigt sich der Konservativismus in viele Richtungen. Die erste große Grundidee des politischen Konservativismus war die unbedingte Opposition zu der Idee, der Mensch könne sich vollkommen neu erfinden, Herkunft und Kultur spielten also keine Rolle. Das war die Zumutung der Französischen Revolution und der geplanten Erfindung des neuen Menschen, die seither alle totalitären Ideen begleitet hat. Der Konservativismus betont demgegenüber die formative Kraft der Herkunft, die prägende Realität von Familie ebenso wie die unverlierbare Mitgift von Herkunft, die in dem Begriff Nation noch konserviert sind. Der Konservativismus ist kultursensibel; Universalismus in jedweder Form liegt ihm nicht. Die zweite große Grundidee des Konservativismus war die Ablehnung jeglicher Großsysteme im Namen einer Idee, oder anders formuliert: Die Rehabilitierung von Erfahrung und Praxis gegenüber reiner Theorie und der Idee als solcher. Damit ist noch keine normative Vorentscheidung getroffen, denn die gesellschaftliche Praxis bleibt damit unbestimmt; das hat man dem Konservativismus auch immer vorgeworfen und hat später zu der von Erhard Eppler gebrauchten, beinahe denunziatorischen Unterscheidung von Wert- und Strukturkonservativismus geführt. Eppler hat damals argumentiert, dass sich „guter“ Konservativismus dadurch auszeichne, dass er sich auf Werte und nicht Strukturen beziehe.[4] Das ist falsch. Wenn ich heute die Familie als Struktur wichtig und erhaltenswert finde, ist das aus meiner Sicht richtiger, als den Wert der Gleichheit in einer klassenlosen Gesellschaft hochzuhalten. Es ist schon erstaunlich wie wenig es braucht, um in der Sozialdemokratie als großer Denker gefeiert zu werden.

Im Zeitalter der totalitären Ideen aber ist der konservative Hinweis darauf, dass der Mensch und seine individuelle Erfahrung vor der Klasse, der Rasse oder dem Markt komme, durchaus subversiv: Denn er bringt den Konservativen in Stellung gegen den Faschismus, den Kommunismus und den Liberalismus als den großen zerstörerischen Grundideologien des 20. Jahrhunderts.

Wir sind es heute gewohnt, im Rahmen der Totalitarismustheorie lediglich Kommunismus und Faschismus gegeneinander zu stellen – und vergessen den Liberalismus. Aber wenn und insofern er den Markt über den Menschen stellt, ist er eben nicht besser als die beiden anderen Großideologien des 20. Jahrhunderts: Eine Zwangsbeglückung des Menschen ist beabsichtigt, und diese Absicht verstimmt den Konservativen. Es macht nämlich keinen Unterschied, ob diese Zwangsbeglückung durch den Staat oder den Markt erfolgt. Der individuelle Mensch spielt keine Rolle, oder nur insoweit, als er mit den Grundprinzipien der Ideologien kompatibel ist. Ist er es nicht, wird er ausgeschieden: Aus dem Volkskörper, aus der Avantgarde des Fortschritts oder der Marktgesellschaft. Welcher Konservative könnte nicht jener furchtbaren Anklage Hölderlins zustimmen, der das Heraufkommen des marktgetriebenen Individualismus‘ und den Verlust alles Höheren seherisch beklagte:

„Ans eigene Treiben/ sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt/ höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden/ mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer/ Unfruchtbar wie die Furien bleibt die Mühe der Armen.“[5]
Der Konservative ist auch skeptisch was die Ziele der Geschichte angeht. Er eilt nicht mit der Rute des Schulmeisters durch die Geschichte, wie es Nicolás Gómez Dávila einmal ausgedrückt hat.[6] Er begeistert sich weder für die klassenlose noch die rassenreine Gesellschaft, auch nicht für das Wachstum, weil es Gleichgewicht, Maß und Mitte zerstört. Freilich ist er nicht indifferent. Er spürt den Eigenwert des Gewachsenen. Nicht, dass ihm Menschenrechte missfielen oder gleichgültig wären. Doch sie sind kein Freibrief für schrankenlose Freiheit, für ein everything goes ebenso wenig wie für die Zerstörung des ordre public. Damit sind auch die beiden Pole genannt, die für unsere Debatte wichtig sind: Der Einzelne und das Gemeinwesen. Oder, katholisch formuliert: Person und Gemeinwohl.

Wie steht der Konservative zur Kirche, zum Glauben, zum Katholizismus? Während dem Protestantismus das Partikulare, das auch durchaus Provinzielle eingeschrieben ist, ist der Katholizismus von Anspruch und Auftreten her universal; Kirche ist Weltkirche, im Protestantismus ist sie Landeskirche. Man mag darüber spekulieren, ob sich gerade hieraus eine besondere Affinität des Konservativismus zum Protestantismus entstanden ist, die dann ja die Allianz von Thron und Altar im Deutschen Kaiserreich so begünstigt hat. Den Konservativen im Kaiserreich jedenfalls waren die Katholiken als Ultramontane suspekt. Noch heute ist das Verhältnis schwierig, zumal die katholische Kirche zu Nationalismus als einer Form des Konservativismus Distanz hält. Sie achtet zwar die nationalen Ordnungen, ist aber gleichzeitig universal ausgelegt und befürwortet zur Lösung der dringenden Menschheitsfragen eine wirkliche Weltautorität. Freilich ist der Aufbau der gesellschaftlichen Welt subsidiär gedacht; dies wiederum bietet einem modernen Konservativismus und dem Katholizismus gemeinsame Anknüpfungspunkte. Ein zweiter Punkt wäre hier noch hervorzuheben: Die Gemeinsamkeiten im Menschenbild. Dem Konservativen gilt der Mensch als Mängelwesen, wie es Arnold Gehlen einmal formuliert hat, also als unvollkommen; er bedarf der Stützen und der Leitung, er bedarf auch zur Weltbeherrschung (im praktischen Sinn, nicht im politischen) der Instrumente zur Handlungserweiterung. Der Kirche gilt der Mensch als Sünder, als fehlbar. Als Person ist er immer schon auf den anderen Menschen bezogen, kann sich also nur in einem solidarischen Miteinander entfalten. Das unterscheidet Konservative und Katholiken von den Liberalen. Armin Mohler hat einmal geätzt, die Erfinder des Liberalismus seien alle Opfer der verbreitetsten Geisteskrankheit, des Intelligibiliätswahns, demzufolge man das, was man im Kopf habe, mit der Welt als Ganzes identifiziere. Und Mohler fährt fort: Das Individuum, wie es sich der Liberalismus vorstelle, gebe es nicht. Der Mensch sei immer schon in einem Lebenszusammenhang; das „Individuum“, wie es sich der Liberalismus vorstelle, existiere „höchstens mitten in der Nacht, wenn er um drei Uhr aufwacht, alles um ihn herum reglos ist, alle Fäden zum Leben abgeschnitten, wenn selbst der Puls nur langsam schlägt – und er das Gefühl hat, in nichts verwoben und verwickelt zu sein. In solchen Augenblicken fängt vielleicht alles Übel an.“[7] Ich denke, einer solchen Kritik kann sich auch der Katholizismus anschließen, denn – und dies wäre die zusätzliche Perspektive, die dieser hier einbringen würde – ein solcher Individualismus mit Intelligibilitätswahn hätte auch alle Bezüge in die Transzendenz zerschnitten und wäre zur Wanderung im Diesseits verflucht, ohne Aussicht auf Erlösung oder Befreiung, ohne Hoffnung. Oder vielleicht doch nicht? Zumindest die Idee des Fortschritts und die Möglichkeit der Vervollkommnung des Menschen ist ja seit der Aufklärung zur Ersatzreligion der Menschheitsbeglücker geworden, zu einem innerweltlichen Heilsversprechen. Dieses Heilsversprechen hat die Moderne gut erfüllt: Die Lebensqualität der Menschen ist in den letzten 250 Jahren deutlich gestiegen, wir leben im Überfluss unserer Möglichkeiten, mit besserer medizinischer Versorgung, mehr Komfort als unsere Vorfahren oder jene bemitleidenswerten Urvölker, deren beklagenswert niedrigen Stand der Zivilisation wir ja noch in Fernsehdokumentationen teilhaftig werden können. Freilich, zumindest die Frage, ob mit dem materiellen Fortschritt denn eine sittliche Vervollkommnung einhergehe, ist seit den Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts abschließend negativ beschieden. Und die Frage, ob wir durch die Art zu leben und zu wirtschaften nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen, dürfte im Laufe dieses Jahrhunderts entschieden werden. Wetten werden noch angenommen. Skepsis ist aber durchaus berechtigt.

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt, denn die Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften, überfordert nicht nur den Planeten, sondern auch uns. Das ist der Fluch der Globalisierung, von dem ich zu Anfang gesprochen habe. Er bietet zwar Möglichkeiten, fordert den Menschen aber auch einiges ab. Die Globalisierung ist das Dominantwerden des Liberalismus und seines Menschenbilds auf globaler Ebene mit der Durchkapitalisierung der Welt. Im ersten Teil habe ich skizzenartig dargelegt, dass viel von dem Populismus, mit dem wir uns heute beschäftigen müssen, seine Ursache in der Verflüssigung sozialer Verhältnisse hat, die wir mit der Globalisierung erleben. Die Ängste einer Abstiegsgesellschaft[8] sind die berechtigten Ängste von Menschen, die durchaus klar sehen, dass ihre Lebensplanung durch Prozesse gefährdet ist, die von außen kommen, also politisch nicht oder noch nicht gestaltbar und einholbar sind. Im zweiten Teil habe ich dargelegt, dass sich hinter dem Neoliberalismus eine Ideologie mit totalisierendem Anspruch versteckt, nämlich der Liberalismus und seine Überbetonung des Individuums. Die spannende Frage für den abschließenden, dritten Teil wäre nun: Was kann ein wohl verstandener Konservativismus dagegen tun?

Ich glaube, das Wichtigste wäre: Den Liberalismus und seine falschen Ideologie endlich einmal ans Licht zu bringen und offensiv zu diskutieren. Irgendwie klingt ja liberal in Deutschland immer noch gut. Ein Liberaler ist so etwas wie ein gesellschaftlich Abgeklärter, einer, dem nichts Menschliches fremd ist, einer, der anerkennt, dass viele Blumen im Garten des Lebens blühen. Liberal klingt immer irgendwie richtig, politisch korrekt sowieso. Und auch bis ins konservative Lager bevorzugt man, sich als liberalkonservativ zu bezeichnen, was in sich widersprüchlich ist, weil ja der Liberalismus die Quelle der Auflösung jener gesellschaftlichen und sozialen Strukturen ist, die dem Konservativen wichtig sind. Gemeint ist allenfalls, dass man als Konservativer vielleicht ein nettes schwules Paar kennt und die auch – ganz ohne Vorbehalte – schon mal am Kaffeetisch sitzen hatte. Oder vielleicht sich eine moderne Inszenierung im Theater angesehen hat, kritisch zwar, aber doch ohne Vorbehalt, weil man dort mit der Zeit gehen kann, wo es letztlich unkritisch ist.

Doch der politische Liberalismus geht ja weit über diese Formen der habituellen Verhaltenssteuerung hinaus. Liberal sein heißt im engen Sinn die Rechte des Individuums zu betonen und alles staatliche Wirken auf den Schutz dieser Rechte hin zu optimieren. Das Individuum wird aber nicht als Person verstanden, sondern als eine Art Nutzenoptimierer; der Utilitarismus ist deshalb nicht zufällig aus dem Liberalismus erwachsen. Zweitens bedeutet Liberalismus das Vertrauen auf die Vernunftfähigkeit des Menschen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, aber das alleinige Vertrauen darauf bringt eben nicht – als Summe des Handelns aller vernunftbegabten Menschen – das Gemeinwohl hervor. Kant hatte ja die Unterscheidung von Vernunft und Verstand gemacht, und allzu häufig ist es nur das kalkulierende Handeln des Verstands, das den Menschen auszeichnet und weniger der Bezug auf die Transzendentalien, die vernünftiges Handeln erst definieren. So degeneriert dann der Begriff der Freiheit zum Freibrief dafür, alles machen zu dürfen und weder die Mäßigung und Gerechtigkeit als Tugenden der Seele noch das Gemeinwohl als Tugend einer Gesellschaft anzuerkennen. Ich muss kein teleologisch eingerichtetes Weltbild haben. Doch die Kritik von Alasdair McIntyre, dass die Aufklärung (und damit der Liberalismus) die klassischen Tugenden zerstört habe, diesem Gedanken vermag ich einiges abzugewinnen.[9] Man muss sich nur einmal ein wenig auf Internetblogs umsehen um festzustellen, wie sehr dann, wenn nur eine kritische Masse an Idioten sich findet, eine inhaltliche Radikalisierung mit einer habituellen Proletarisierung einhergeht. Seither ist auch mein Vertrauen in die These von Jürgen Habermas, es könne so etwas geben wie den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, gegen Null gesunken.

Drittens, und das ist wohl entscheidend, hat der Liberalismus und die ihm zugrunde liegende Ideologie dem Kapitalismus wesentlich zum Durchbruch verholfen. Nun gibt es einiges Positive über den Kapitalismus zu sagen, aber natürlich auch einige deutliche Defizite zu bemängeln. Die Finanzialisierung von sozialen Beziehungen ist eine davon, die Ausbeutung der Welt und des Menschen eine andere. Ich will hier keine Kapitalismuskritik üben, aber doch auf eines hinweisen. Wie alle anderen ökonomischen Systeme ist der Kapitalismus ein historisches Phänomen und wird sicherlich keine Ewigkeitsgarantie haben. Schon in den vierziger Jahren haben ja einige aus der neu gegründeten CDU ihren programmatischen Aufschlag mit einer heftigen Kritik am Kapitalismus garniert, etwa das Ahlener Programm aus dem Jahr 1947, das mit schöner Prägnanz formulierte, dass der Kapitalismus den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden sei. Man mag das als zeitgebunden belächeln, jedoch scheint es mir heute unter den Vorzeichen von Globalisierung, Industrie 4.0, den neuen Formen der Arbeit und allen damit verbundenen Entwicklungen doch sehr angeraten darüber nachzudenken, was denn eine postkapitalistische Ökonomie auszeichnen könne.[10] Ansatzpunkte dafür gibt es genügend, von den Ideen der Postwachstumsökonomie und ihren eigenartigen Verschränkungen in das konservative Denken hinein bis hin zu der Ökonomie der Null Grenzkosten, den Möglichkeiten der Entstofflichung durch Digitalisierung oder den Modellen der Gleichgewichtsökonomie. Ein Konservativer, der ohne Wenn und Aber sich zum Kapitalismus bekennt, hat seine Bestimmung ebenso verfehlt wie ein Katholik, dessen Lebensinhalt das goldene Kalb ist. Wir müssen anerkennen, dass Wachstum und Lebensqualität nicht deckungsgleich sind, sondern sich auseinanderentwickeln können. Oder, wie es Ludwig Erhard einmal formuliert hat: Wohlstand könne zwar Grundlage, aber nicht Leitbild der Lebensgestaltung sein. Die Soziale Marktwirtschaft, und darauf hat Erhard auch immer wieder hingewiesen, ist eben nicht ein System zur Weckung und Befriedung immer neuer Bedürfnisse. Wohlstand ist demnach nicht danach zu bemessen, sich auch noch die entlegensten Bedürfnisse finanzieren zu können, sondern an ein Maß gekoppelt. Das Maß ist aber nicht die Gier, sondern die Balance von individuellem Begehren und der Harmonie des Ganzen.

Daran anschließend wäre hier viel zu sagen über die Reform des Bildungssystems, das weniger auf Wissen, sondern auf Fertigkeiten sich ausrichtet; über die eigenartige Geringschätzung des Nachdenkens über die conditio humana in unserem Bildungssystem, über die Verkehrung von Tugenden in der Wertevermittlung, über das Aussteuern der angeblichen Taugenichtse bei gleichzeitiger Hochschätzung der Rücksichtslosen – ich möchte aber nicht klingen wie all diejenigen, die seit jeher nicht mehr davon überzeugt sind, dass das Bildungssystem seinen Aufgaben gerecht wird. Nur dieses: Nicht für den Profit – mit diesem Buchtitel hat die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum vor einigen Jahren eine kämpferische Schrift vorgelegt, in der sie skizziert, wie eine solche nicht marktgängige Bildung aussehen könnte, die den Namen verdient hat.[11] Was dort aufscheint ist etwas, das auch Karl Marx im Sinn gehabt haben dürfte: Die Möglichkeit einer nicht entfremdeten Bildung, die die Persönlichkeit des Einzelnen entwickelt ohne auf die Verwertungschancen im Rahmen einer kapitalistischen Gewinnmaximierung zu schauen. Als Fan der Serie Star Trek ist für mich ganz klar: Damit werden Anerkennungsregime in Gang gesetzt, die den gesellschaftlichen Status nicht mehr über das Geld bestimmen, sondern über den Beitrag, den der Einzelne zur Erweiterung des eigenen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Erkenntnishorizonts leistet. Eine wunderschöne Utopie unter all den Dystopien, die unsere Zeit hervorgebracht hat.

Nun bin ich aber weit der Fragestellung enteilt – oder eben auch nicht. Wenn der Konservative sich weniger als der Handlanger des bloß Gegenwärtigen und mehr als Sachwalter des Überzeitlichen verstünde; wenn er in politischer Theorie und Praxis weniger die Interessen des Kapitals, sondern mehr die der Menschen als unvollständige Wesen im Auge hätte; und wenn er sich schließlich eingestünde, dass der Liberale nicht sein Wunschpartner ist, sondern sein politischer Gegner – dann hätte auch der Konservativismus hierzulande Chancen, dem rasend gewordenen Populismus eine glaubhafte Alternative entgegen zu stellen. Der Liberalismus hat keine Rezepte für die drängenden Fragen der Menschheit. Er will Technikfolgen durch Folgetechnik abmildern, ihm geht der Schutz der Daten vor den Schutz der Menschen, er sieht Beheimatung nur im Markt: Mit all dem leistet er einem Populismus Vorschub, der durch eine konservative Politik einzudämmen wäre: Konservativ, aber nicht rechts, aus Werten heraus argumentierend, anstatt an die Vorurteile appellierend, und ja: Vielleicht auch mit jenem Stilempfinden, das den echten Konservativen schon immer von dem Rabauken getrennt hat, dessen politische Verwirklichung in einer Ein-Mann-Wirtshausschlägerei besteht. Das würde auch diejenigen ansprechen, die verunsichert sind, aber längst nicht so korrumpiert, dass sie das Argument der Straße gut fänden. Dazu muss meine Partei allerdings deutliche Grenzen ziehen. Der Zweck der Macht heiligt nicht das Mittel einer Koalition mit moralischer Ausschussware; erst das wäre wahrhaftig eine Kapitulation des Konservativismus.

 

[1]  Alexander Gauland, Anleitung zum Konservativsein. Stuttgart und München 2002.
[2] Markus Porsche-Ludwig und Jürgen Bellers (Hrsg.), Was ist konservativ? Eine Spurensuche in Politik, Philosophie, Wissenschaft, Literatur. Nordhausen 2013, S. 230.
[3]  Für Deutschland informiert darüber die gründliche Studie von Klaus Epstein, Die Ursprünge des Konservativismus in Deutschland. Frankfurt am Main 1973.
[4]  Erhard Eppler, Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Stuttgart 1975, S. 28ff.
[5]  Friedrich Hölderlin, „Der Archipelagus“, in: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsgg. von Michael Knaupp. Band I, München 1992, S. 295-304; 302.
[6]  Nicolás Gómez Dávila, Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten. Ausgewählte Sprengsätze. Frankfurt 2007, S. 148.

 

[7]  Armin Mohler, Gegen die Liberalen. Schnellroda 2011, S. 13-15.
[8]  Hierzu vor allem Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Frankfurt am Main 2016.
[9]  Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Frankfurt am Main 1995.
[10]  Statt vieler Paul Mason, Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Berlin 2016.
[11]  Martha Nussbaum, Not for Profit. Why Democracy Needs the Humanities. Princeton, Oxford: 2010.

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