Manchmal geht auch eine Polemik daneben

Robert Misik hat eine Streitschrift gegen die "neuen Konservativen" geschrieben -- leider wenig überzeugend...
Robert Misik
Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen.
**Berlin: Aufbau Verlag 2009 **
 
Warum ich das Buch aus dem Regal genommen und gekauft habe, lässt sich im Nachhinein nicht mehr schlüssig erklären. War es der Hinweis auf den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik 2008, der auf dem Umschlag prangte? Der schmissige Titel, der Abrechnung, Unterhaltung und Belehrung gleichermaßen versprach? In jedem Fall, die Neugier war geweckt und wich im Lauf der Lektüre zunehmend der Verärgerung. Sicherlich konnte es für diese Leistung doch keinen Preis gegeben haben, egal, wie die Kriterien der Preisvergabe aussehen? Schon die Tatsache, dass der renommierte Aufbau-Verlag den Titel in sein Programm genommen hat, erstaunt. Misik präsentiert nämlich auf knapp 200 Seiten in sieben Kapiteln keine intellektuelle Auseinandersetzung mit den neuen Konservativen -- wer immer das auch sei, denn auch das ist nach der Lektüre alles andere als klar. Nein, hier mischen sich wohlfeile Empörung und intellektuelle Seichtigkeit zu einem Boulevardniveau, dem zur vollkommenen Abrundung nur noch groß gedruckte, schreiende Überschriften fehlen. Misik bedient alle Vorurteile bei größtmöglichem Verzicht auf Differenzierung. Amerikanische Neokonservative werden umstandslos mit deutschen (Neo)konservativen in einen Topf geworfen, obwohl schon die amerikanischen „Neocons“ keine einheitliche Denkrichtung sind, sondern in unterschiedlichste Gruppen zerfallen. Ein Blick in das kluge Buch von Francis Fukuyama hätte hier die gröbsten Dummheiten verhindern können. Nicht anders bei den deutschen Neokonservativen, die Misik mit den Neoliberalen (auch so eine fragwürdige Plakette) zusammenrührt. Keiner für die deutsche Debatte zentralen Autoren wird behandelt, weder die des klassischen Konservativismus nach dem Krieg (Freyer, Gehlen, Schelsky, Mohler), noch die moderneren Varianten (Bohrer, Lübbe, Spaemann, Marquard, um nur einige zu nennen). Statt dessen Hayek, dessen Buch „Wege in die Knechtschaft“ zur „Bibel aller Neokonservativen und Neoliberalen“ stilisiert wird, und ebenso einfach wird die amerikanische Krawallkolumnistin Ann Coulter zur Kronzeugin für den Umgang mit dem Islam. Und was wir nicht alles aus der „irren Welt der neuen Konservativen“ erfahren: Hartherzig sind sie, glühende Anhänger des liberalen kapitalistischen Systems, befürworten den schnüffelnden Nachbarn, sind aber gegen den starken Staat, lehnen Gleichheit ab, fürchten die muslimische Überfremdung, führen einen Kampf gegen Arme, sind das Reservoir des spießigen Geschmacksbürgertums, sind eine Gefahr für Freiheit, Frieden und Liberalität und haben – vielleicht deshalb? – häufiger Alpträume als Progressive, „wachen also viel häufiger schweißgebadet auf als Linke“. Manchmal, doch viel zu selten, beschleicht den Autor der Verdacht, etwas zu „holzschnittartig“ zu formulieren, doch wird diese Erkenntnis leider nicht handlungsleitend. Nein, über die neuen Konservativen erfährt man in diesem Buch nichts, eher schon über die Ressentiments eines Autors, der genau weiß, in welcher dumpfbräsigen Gutmenschenecke er Brüdern und Schwestern im meinungsstarken und begründungsarmen Lamento findet. Misik hat nicht, wie es auf dem Umschlag vollmundig heißt, die neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren geschickt, er hat sich noch nicht einmal im Ansatz auf die Höhe der dazu notwendigen Diskurse begeben. Fast möchte man den Neokonservativismus bedauern, dass er solche schwachen Gegner hat, denn bekanntlich schärft man seine Argumente ja an den Einwänden seiner Kritiker. Da hilft es auch nicht, dass das Buch am Ende mit einem flammenden „Yes, we can“ zum Widerstand gegen allerlei Zumutungen des Neokonservativismus aufruft. Misik kann es eben nicht, und es bleibt ein Rest an Verwunderung über den Stand der Kulturpublizistik in Österreich.

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