Ein Gastbeitrag des Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer (CDU) zur Kleiderordnung im Bundestag

Es ist eine Institution, die beinahe aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Der Saaldiener im Deutschen Bundestag, den es seit einigen Jahren auch gibt. Offiziell sind sie zuständig für den reibungslosen organisationstechnischen Ablauf der Bundestagssitzungen. Sie stehen an den Einlasspunkten und wachen darüber, da ss kein Unbefugter den Plenarsaal betreten darf. Sie sorgen dafür, dass das Rednerpult immer auf der richtigen Höhe eingestellt ist, die Redner ein Glas Wasser zur Verfügung haben, und sie erledigen gelegentlich Botengänge. So kommt der Saaldiener nach Abschluss einer Rede zum Redner und bittet um das Manuskript für den Stenographischen Dienst, oder er bringt Unterlagen in den Plenarsaal – Mitarbeiter von Abgeordneten haben nämlich keinen Zutritt. In den Fernsehübertragungen fallen vor allem die männlichen Saaldiener auf: Sie tragen einen dunkelblauen Frack mit Goldknöpfen und Bundesadler sowie weißer Weste, die weiblichen Mitarbeiter als Dienstkleidung dunkelblaues Kostüm mit weißer Bluse, die Leiterin zusätzlich eine weiße Weste. Diese Dienstkleidung wird den Mitarbeitern vom Deutschen Bundestag gestellt. Sie spiegelt die hohe Stellung des Bundestages im Verfassungsgefüge. Die Mitarbeiter erweisen der Institution und ihren Mitgliedern Respekt.

Respekt erweisen: Das ist ein wenig aus der Mode gekommen. So gab es vor einigen Monaten im Deutschen Bundestag eine merkwürdige Diskussion um die Frage, ob die aus den Reihen der Abgeordneten gewählten Schriftführer des Deutschen Bundestages als Beisitzer im Präsidium des Deutschen Bundestages während der Plenarsitzung zu einer Krawatte verpflichtet seien. Nun kann man gegen das mitunter als Kulturstrick belächelte Kleidungsaccessoire trefflich lästern. Es gibt sicherlich viele Ereignisse, wo sie auch eher fehl am Platze ist. Keiner würde heute beim häuslichen Grillfest oder dem Besuch eines Fußballspiels auf einer Krawatte bestehen wollen. Aber es gibt natürlich Anlässe, bei denen wir nicht darauf verzichten wollen: Weil uns der Anlass wichtig ist, weil wir uns des Anlasses als würdig erweisen wollen, oder weil wir damit unsere Achtung und unseren Respekt ausdrücken wollen. Kleiderordnungen sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ungeschriebene Ordnungen. Sie sagen aber einiges über den Menschen aus und seine Fähigkeit, Konventionen als Ausdruck gesellschaftlicher Wertschätzung zu beachten. Wohlgemerkt, sie sagen nichts über den Charakter eines Menschen aus. Lumpen und Schufte gibt es sowohl im Anzug wie in Jeans und T-Shirt. Aber Dinge wertzuschätzen und dies auch zum Ausdruck bringen zu können ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung zivilisierten Verhaltens. Deshalb ärgere ich mich mitunter, um der Saaldiener willen, die den Abgeordneten und ihrer verfassungsrechtlichen Stellung Respekt erweisen, wenn einige Kolleginnen und Kollegen den Plenarsaal betreten als seien sie gerade aus dem Bett gefallen. Dies zeigt einen fehlenden Respekt vor der Arbeit des Parlaments und vor sich selbst. Wer aber keinen Respekt gegenüber dem Parlament und sich selbst zeigt, wie kann er als Abgeordneter dann Respekt vor den Wählerinnen und Wählern haben? Kleinigkeiten, mögen einige einwenden. Vielleicht. Aber die Verletzung solcher Kleiderordnungen zeigt im Kleinen das Defizit, unter dem wir in großen Fragen mitunter auch leiden.

 
Artikel vom 14. Januar 2013, 03.22 Uhr (letzte Änderung 17. Januar 2013, 12.30 Uhr)

http://www.fnp.de/fnp/nachrichten/politik/die-krawatte-und-der-respekt_rmn01.c.10419461.de.html

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