Am Anfang scheinen alle Optionen offen, dem Anfang liegt dieser Zauber inne. Die Zukunft ist offen und die Möglichkeiten schier unbegrenzt. Erst später merkt man: Eine Begrenzung ist der Horizont der Gegenwart, des Zeitbezuges. Von Hegel hätte man das lernen können. Wir sind Kinder unserer Zeit ebenso wie ihre Gefangenen. Wir nehmen den Zeitgeist mit jedem Atemzug auf, damit auch das falsche Bewusstsein, dass sich erst viel später als ein Falsches entlarvt. Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden. Lebenslügen werden nie bewusst gelebt, sondern erst mit dem Zeitlauf bewusst gemacht. So auch in unserer, in meiner Generation.

Die Pläne fürs Leben begannen zu Ende der siebziger Jahre Gestalt anzunehmen; schwankend, als mögliche Umrisse für die Lebensplanung. Was nach der Schule tun? Wenn Studium, dann was? Die Fragen wurden drängender, je näher der Termin des Abiturs rückte. Wir lebten einerseits in einer bleiernen Zeit, geprägt von hoher Jugendarbeitslosigkeit, von schlechten Berufsaussichten für viele akademische Berufe. Andererseits stand unsere Zeit spürbar unter dem Ruf nach Selbstverwirklichung. Die Unterordnung in die Zwänge der Tradition galten ebenso wenig wie feste Lebensbilder, Rollenerwartungen oder vorgefertigte Rollenmuster. Wie denn auch: Wir waren die Generation der Bildungsexpansion, die Antwort auf Georg Pichts 1965 diagnostizierte „Bildungskatastrophe“. Wir waren vielfach die ersten in unseren Familien: Die ersten mit Abitur, die ersten an den Hochschulen. Wir waren Pioniere der Bildungspolitik, gefördert durch BaföG und bereit, neue Wege im Leben zu gehen, die Welt zu erobern.

Für die Frauen in meiner Klasse war ausgemacht: Man hatte das Abitur nicht gemacht um Hausfrau zu werden. Warum sich durch die lange Schulzeit kämpfen, begleitet von den manchmal stolzen, manchmal zweifelnden Blicken der Eltern, wenn der Bildungsgang dort endete, wo auch die Mütter und Großmütter gelandet waren? Familie ja, aber nicht als alleiniger Lebensinhalt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde erst später zum Schlagwort. Aber die Probleme waren schon damals deutlich. Vor dem Kindergarten gab es kein Betreuungsangebot. Der Anspruch auf einen dreijährigen Erziehungsurlaub sollte erst Jahre später kommen. Aber: Anders als die Mütter und Großmütter waren die Frauen meiner Generation weitgehend gleichberechtigt. Erst in den siebziger Jahren war die absurde Vorschrift gefallen, dass die Ehefrau nur mit Einwilligung ihres Mannes arbeiten durfte. Das Scheidungsrecht wurde reformiert. Nicht mehr die Schuldfrage stand im Mittelpunkt, sondern das Zerrüttungsprinzip. Das machte Trennungen einfacher. Das Abtreibungsverbot wurde reformiert. Ich zögere, dies als Meilenstein der Gleichberechtigung zu benennen, doch von vielen Frauen wurde es genau so empfunden. Ehe, Berufstätigkeit, Kinder: All das fand für unsere Eltern in einem ganz anderen Referenzrahmen statt als für uns.

Im Rückblick überrascht, wie viele Frauen aus meiner Generation keine Kinder bekommen haben. Oder vielleicht auch nicht, denn die Reproduktionsrate in Deutschland ist wenige Jahre nach Einführung der Pille deutlich gefallen und auf einem niedrigen Stand geblieben. Kinder wurden vielfach geplant und „passierten“ nicht einfach wie noch in der Generation vor uns. Mein Abiturjahrgang hat sich nicht mehr vollständig reproduziert, sondern ist schätzungsweise 30% unter dieser Zielmarke geblieben. Ich vermute, das ist typisch; die Kinderlosigkeit verteilt sich dabei auf Männer ebenso wie auf Frauen.

Fragt man nach den Gründen, spielt zum Teil eine Rolle, dass einige Frauen bei der Frage, ob Familie und Beruf miteinander vereinbar sind, nicht die Probe aufs Exempel machen wollten. Nicht immer war das eine von Anfang an bewusste Entscheidung, vielmehr wurde der Kinderwunsch zunächst aufgeschoben und hat sich später nicht mehr realisieren lassen. Nichts symbolisierte dies mehr als eine Postkarte, die in den 1980er Jahren in Umlauf war. Darauf war eine von Roy Lichtenstein gemalte Frau abgebildet, die erschreckt ausrief: „O my God, I forgot to have kids!“

Nein, für unsere Generation war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem. Es waren die Frauen, die entweder beruflich oder mit dem Kinderwunsch den Kürzeren zogen. Selbst dort, wo es unter angespannter Aufbietung aller Kräfte und Ressourcen gelang, war der Preis hoch. Nicht wenige Frauen sind vor dem Erreichen der Altersgrenze bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden, erschöpft, ausgelaugt, verbraucht durch die jahrelange Doppelbelastung. Das hat Konsequenzen für die eigenständige Alterssicherung. Am Ende, so stellt die eine oder andere Frau heute fest, ist sie genauso auf ihren Mann angewiesen wie ihre Mutter oder Großmutter. Der noble Traum der Selbstverwirklichung, er hat Opfer gefordert. Gleichberechtigung stand auf dem Papier, ja. Gelebt aber wurde sie nur zögerlich, zumal die neuen Männer, die das Land dafür gebraucht hätte, eben nicht auf Wunsch zur Verfügung standen. Vielleicht konnten sie sich nicht umstandslos aus den herkömmlichen Rollenbildern befreien, vielleicht war die Idee schneller als die gesellschaftliche Wirklichkeit. Es auf jede Wand zu sprühen, wie es Ina Deter singend vorgetragen hatte, brachte die neuen Männer eben noch nicht in die Existenz.

Nein, die achtziger Jahre sind zum Glück vorbei – und nicht nur wegen der „Cherry Lady“. Aber haben wir aus den Fehlern gelernt? Wie ist die Situation heute? Besser, weil wir heute die Elternzeit haben? Oder sind wir in andere Konflikte hineingeraten? Ich meine ja. Das machte die Debatte um das Betreuungsgeld deutlich. Kritiker haben die Regelung damals als „Herdprämie“ denunziert; dabei ging es eigentlich um die Entscheidungsfreiheit der Frauen und der Familien. Warum sollten Familien, die keine staatlichen Betreuungsstrukturen in Anspruch nehmen, unentgeltlich das tun, was andere durch den Staat verrichten lassen? Wir haben in Deutschland die Betreuungsstruktur massiv ausgebaut und stellen sie häufig kostenfrei zur Verfügung: Kindergärten und Kindertagesstätten. Damit wird ein Lebensmodell von Familien indirekt bevorzugt, nämlich die Berufstätigkeit beider Eltern. Die Alternative wäre gewesen: Die kostendeckende Bezahlung der staatlichen Leistung im Gegenzug zu einer deutlichen Erhöhung staatlicher Zuwendungen an die Familien bis zur Höhe der Entgeltpflichtigkeit. Diese hätten dann entscheiden können das Geld entweder als Anerkennung staatlicher Erziehungsleistung einzubehalten oder fremde Erziehungsleistung damit einzukaufen – auch private! Das entspräche dem Prinzip der Subsidiarität. Wir haben nicht Menschen mit staatlichen Geldern gefördert, sondern Strukturen, Objekte, Planstellen finanziert. Damit haben wir den Traum der Sozialisten erfüllt, die ohnehin der Meinung sind, Kindererziehung sei Aufgabe des Staates. Tatsächlich lautete ein Argument gegen das Erziehungsgeld, damit würden für soziale schwache und bildungsferne Familien Fehlanreize gesetzt, die den Bildungschancen der Kinder abträglich sind. Der Staat weiß immer noch am besten, wie man die Bildungschancen der Kinder gewährleistet, und zwar von Anfang an. Eltern sind dabei nur störend. Der Traum des platonischen Staats, dieses Urbilds aller staatlichen Erziehungsmodelle, hier gerinnt er als Anreiz zur Realität. Die Union beklatscht dies zu großen Teilen als sozialpolitische Großtat; Subsidiarität und die im Grundgesetz festgelegte Elternpflicht zur Erziehung sind dann ganz weit weg. Dabei finden die Sozialisten Unterstützung von der Wirtschaft. Frauen werden als Fachkräfte gesucht. Bleiben sie zuhause, können sie für den Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden. Die Bedingungen sind heute anders als vor dreißig Jahren. Heute akkommodieren viele Firmen den Wunsch, Familie und Beruf miteinander zu vereinen. Kindererziehung ist zwar volkswirtschaftlich notwendig, betriebswirtschaftlich betrachtet aber Kosten, die auf den Staat überwälzt werden. Den Sozialisten die Kinder, dem Kapital die Mütter: Das ist die grandiose Gesamtverwertung, die sich als Familienpolitik missversteht.

Die Lebenslüge meiner Generation war der Glaube an die problemlose Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Voraussetzung einer umfassenden Selbstverwirklichung. Als man die Probleme erkannte und benannte hat man die Lösung in einem verhängnisvollen Irrtum gesehen: Dass nämlich der Staat diesen Konflikt dadurch lösen könne indem er Aufgaben übernimmt anstatt Familien eine echte Wahlfreiheit zu belassen. Damit wird ein Familienmodell produziert und präferiert, das den Interessen der Wirtschaft entspricht. Die Interessen der Familien bleiben zweitrangig. Ob aus diesem Irrtum eine glücklichere Generation hervorgeht, dies mag man füglich bezweifeln.

„Die Lebenslüge meiner Generation“, Civis mit Sonde 2018, H. 3, S. 84-87.

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