Eine eigentümliche Debatte, die in der Union um die Konservativen geführt wird, und in deren Folge konservativ zu einem Gummibegriff degeneriert, einer catch-all-Phrase. Dabei verkommt der Begriff „konservativ“ mitunter zur marktschreierischen Phrase, während es doch eher eine Haltung, eine Grundeinstellung jenseits bestimmbarer politischer Programme zu sein scheint. Konservativ war nach Franz-Josef Strauß einmal, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren; konservativ ist aber auch die Rückbesinnung auf die ökologischen Grundlagen menschlichen Lebens und einer Kritik des technologischen Fortschritts. Konservativ ist eine Wehmut angesichts der Entwurzelung des Menschen durch den Kapitalismus ebenso wie das Insistieren darauf, dass Grenzen eine normative Bedeutung zukommen. Ein wahrhaft bunter Reigen, ja beinahe ein Potpourri des Wünschbaren im Geiste einer Haltung, die in der politischen Romantik eine wichtige Wurzel hat.

Konservatives Denken hat keine Schule begründet, es war immer Denken Einzelner, meist unverbundener Denker, die aber (wie etwa die Schüler von Joachim Ritter) keine Grundlegung konservativen Denkens im Sinn hatten. Politisch folgenlos blieb der Versuch einer Wiederbelebung des Konservativismus in den siebziger Jahren durch die von Gerd-Klaus Kaltenbrunners herausgegebene Herder-Bücherei Initiative und die von Caspar von Schrenck-Notzing herausgegebene Zeitschrift Criticón. Zu einem fundierten Unterbau konservativen Räsonnierens ist es dabei ebenso wenig gekommen wie in den achtziger Jahren in den Debatten um den Historikerstreit oder den neunziger Jahren in den Debatten um die neue Nation. Das Konservative entzieht sich, gerade in Deutschland, der theoretischen Fundierung. Statt dessen schweben heute Versatzstücke in den Diskursen: Da wird konservativ mit „neoliberal“ gleichgesetzt, obwohl sich doch gerade das Konservative im 19. Jahrhundert in Opposition zu diesem Liberalismus entwickelt hat. Da wird das Epitheton „konservativ“ für Interessengruppen wie die Vertriebenen instrumentalisiert, obwohl Interessen weder liberal noch konservativ, sondern einfach Interessen sind. Oder konservativ wird einfach zum Alibi derjenigen, denen aus Mangel an geistigen Möglichkeiten oder Bequemlichkeit nicht gegeben ist, auf Veränderungen produktiv zu reagieren. Solche Strukturkonservative findet man in allen politischen Systemen und Gesellschaften. Oder „konservativ“ wird zum Vehikel der Kritik an den Verhältnissen an sich, zur Sehnsucht nach dem ganz anderen, dem durch Globalisierung und Risikogesellschaft noch nicht Befallenen.

Und doch, es gibt Gemeinsamkeiten konservativen Denkens. die mit Sekundärtugenden zwar einiges, aber nicht alles zu tun haben. Konservativ sein erschöpft sich nicht in Disziplin, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Treue, Beständigkeit oder Verlässlichkeit – es wäre aber schon viel gewonnen, wenn sich einige Protagonisten der heutigen Debatte dieser Sekundärtugenden erinnerten. Ein tieferes Verständnis von politischem Konservativismus muss bei den Ursprüngen ansetzen, und die liegen in der Opposition zu den Zumutungen der Französischen Revolution, konkret: Zu der Annahme, Gesellschaft könne vom Reißbrett aus gestaltet werden. Der Konservative weist demgegenüber darauf hin, dass Gesellschaft geschichtlich ist und noch jeder Versuch, aus der Geschichte gestaltend auszusteigen, im Terror endete. Er weist darauf hin, dass der Einzelne immer die Klippe der totalitären Geschichtsphilosophien und aller Versuche ist, das Menschengeschlecht zu erziehen. Und er weist darauf hin, dass es keine Finalität, kein Ende der Geschichte gibt, auf das hinzuarbeiten dem Menschen beschieden ist. Der Konservative hat eine antitotalitäre Grundhaltung.

Der Konservative weiß um die Unvollkommenheit des Menschen, um seine Mängelhaftigkeit aus seiner Natur heraus. Deswegen befürwortet er Institutionen. Sie sind handlungsleitend, sie ergänzen den Menschen. An erster Stelle gilt dies für die Familie. Sie ist der Ort, an dem sich Menschen aufeinander beziehen und füreinander einstehen, der Ort, an dem Kinder in ihre sozialen Rollen hineinwachsen – nicht die Kitas als staatlich bereitgestellte Ersatzsozialisations-Agentur. Eine zweite Institution ist der Staat. Er ist Garant für Sicherheit und Freiheit. Er bietet den Freiraum machtgeschützter Entfaltung. Den Thesen einer Auflösung des Staates steht der Konservative skeptisch gegenüber. Wer sollte dann den hobbesschen Naturzustand eindämmen? Aus dieser Befürchtung spricht ein tiefer anthropologischer Pessimismus. So unvollkommen der Mensch ist, so sozial unverträglich ist er auch ohne Bindungen und Grenzen und nur auf sich und seine Rechte zurückgeworfen. Der Konservative hat ein antiindividualistische, eine soziale Grundhaltung.

Der Konservative schätzt Maß und Mitte und weiß um die konstitutive Bedeutung von Grenzen für den Menschen. Er betrachtet die Gesellschaft nicht von den Rändern und den Vororten her, sondern von der Mitte. Der Staat ist ihm wichtig als Garant von Sicherheit und Stabilität, auch sozialer Sicherheit; aber er soll und darf nicht zur Beute partikularer Interessen werden und selbst zur Gefahr für die Freiheit. Staat bedeutet immer auch: Kluge Selbstbeschränkung. Gleichgewicht ist ihm wichtig, das nervös-übersteigerte Nervenleben und die Lust an der Provokation sind ihm zuwider. Er weiß um die Notwendigkeit der Beheimatung des Menschen und des beinahe tellurischen Charakters menschlicher Identität. Er schätzt das Fremde in der Gewissheit des Eigenen, grenzt beides aber voneinander ab. Der Konservative schätzt Heimat und Internationalität, ist aber ein kein Kosmopolit.

Der Konservative lehnt sowohl den liberalen als auch den sozialistischen Internationalismus ab. Gegen den ersten wendet er ein, dass Rechte immer verortet sind, und diese Ortlosigkeit eines liberalen Internationalismus in Form der Weltbürgerfantasien oder kosmopolitischer Demokratie am Ende zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung insgesamt führt. Menschenrechte sind nur staatlich, aber nicht universal verankert. Gegen den sozialistischen Internationalismus wendet er ein, dass der Einzelne vor der Gesellschaft komme und die Idee, eine Klasse oder Rasse könne das Strukturmerkmal des staatlichen oder gar internationalen Zusammenlebens sein, den Menschen unzulässig verkürze.

Der Konservative kann religiös sein, ja sogar die Rituale des Religiösen hoch schätzen; das Religiöse jedoch bleibt private Angelegenheit. Es hat nur insofern politische Dimension als es eine Handlungsanleitung, einen normativen Horizont für den Einzelnen bereit stellt, auch in der Politik; eine Übertragung religiöser Heilserwartungen in die Politik oder gar die Instrumentalisierung der Politik für religiöse Zwecke aber sind ihm fremd: Der Mensch kann irren, auch wenn er meint, Gottes Werk zu tun.

Konservativ sein heißt Misstrauen zu pflegen gegen die großen Systementwürfe in geschichtsphilosophischer und menschheitsbeglückender Absicht. Demgegenüber betont der Konservative die Grenzen des Wissens und der Gestaltung, die grundsätzliche Offenheit der Geschichte, die schrittweise Veränderung. Konservativ sein heißt den Menschen als Person anerkennen, ihn zu bilden, ihn aber nicht im Sinne einer „höheren“ Idee umzubilden. Konservativ meint die Abneigung, Neues gegenüber dem Alten umstandslos zu privilegieren. Erst muss sich das Neue als besser, geeigneter erweisen, und dieser Prüfauftrag wird gründlich vollzogen. Konservativ sein heißt die Menschen nicht zu überfordern, für Verlässlichkeit der Lebensumstände zu sorgen, für Beständigkeit, so weit möglich, für Veränderung, so weit nötig.

Dieser Typus des Konservativen hat in der Union seine politische Heimat. Er sollte nicht verwechselt werden mit den Gestalten, die heute die Bühne beherrschen und den Begriff "konservativ" für sich reklamieren: Demagogen ohne Anstand und politische Kreuzritter ohne Gewissen. Es wäre schade, wenn der politische Konservativismus in Deutschland angesichts des Heransturms dieser neuen Barbaren erneut in Misskredit geriete. Er hat es nicht verdient.

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