Über Abgeordnetenwatch erreicht mich die Frage: Gehört der Islam zu Deutschland? Hier meine Antwort:

Ich habe über Ihre Frage lange nachgedacht; nun gut, ich gestehe: Ich denke darüber nach seitdem der damalige Bundespräsident Wulff gesagt hat, der Islam gehöre zu Deutschland.

Mir ist nicht so ganz klar was damit gemeint ist. Dass Muslime zu Deutschland gehören ist selbstverständlich, und ebenso selbstverständlich finde ich, wenn Gebetshäuser und Moscheen entstehen. Wir sind ein säkularer Staat, der jeden nach seiner eigenen Facon selig werden lässt.

Was unsere Kultur angeht wird die Frage schon schwieriger. Wir haben wesentlich eine jüdisch-christliche Tradition, aber wir haben auch Elemente islamischer Tradition in unsere Kultur mit einbezogen. So verdankt sich ein großer Teil der Scholastik (also der theologischen Tradition, die mit Thomas von Aquin verbunden wird) der Leistung muslimischer Gelehrter, die die Schriften von Aristoteles überliefert haben (vor allem Averroes). Unser heutiges Zahlensystem stammt zwar aus Indien, ist aber über arabische Tradition zu uns gekommen; der italienische Mathematiker Fibonacci (bekannt aus den Romanen von Dan Brown) hatte sie in Algerien kennen gelernt und 1202 in seinem "Liber abaci" in Europa vorgestellt. Oder denken Sie daran welche Beiträge zur Medizin und der Wissenschaft insgesamt über Avicenna (ibn Sina) und Averroes (ibn Rusd) in das christliche Abendland gekommen sind. Wesentliche Teile unserer Kultur verdanken wir also der islamischen Kultur.

Richtig ist aber auch, dass sich Deutschland seit dem 19. Jahrhundert als eine Kulturnation verstanden hat, und zwar als eine christlich geprägte. Um es genauer zu sagen: weitgehend protestantisch geprägt, denn im Kaiserreich gab es einen Kulturkampf gegen die Katholiken. Damals hätte man vermutlich durchaus Anstoß erregt mit der Formulierung, der Katholizismus gehöre zu Deutschland, aber das ist eine andere Debatte. Reste der christlichen Prägung haben wir heute noch: Kirchen gelten als Körperschaften des öffentlichen Rechts -- allerdings auch die jüdischen Gemeinden und die muslimische Ahmadiyya. Bleibt als Alleinstellungsmerkmal, dass unser Jahreskalender durch christliche Feiertage geprägt ist. Die Feiertage anderer Religionsgemeinschaften sind keine gesetzlichen Feiertage. Wenn das allerdings der Maßstab sein sollte, dann gehörte auch das Judentum nicht zu Deutschland, und das ist natürlich Unsinn.

Sie sehen also, wie schwierig es ist, diese Frage zu beantworten, und deswegen wäre meine Antwort: Wenn die Muslime selbst sagen, sie gehören zu Deutschland, dann gehört auch ihre Religion zu Deutschland. Das in Kürze die etwas längere Antwort auf Ihre kurze Frage.

 

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