In einer vom Ursprung her protestantischen Studentenverbindung über die katholische Soziallehre zu sprechen bedarf einer einleitenden Rechtfertigung. Sie mag zum einen darin liegen dass ich selbst katholisch und in dieser Tradition groß geworden bin. Über die evangelische Sozialethik verstehe ich weniger, aber die Soziallehre ist für mich persönlich auch Richtschnur des politischen Handelns. Sie mag zum zweiten darin liegen dass gerade in Mainz nicht nur der Katholizismus eine lange und große Tradition hat, sondern auch die Soziallehre. Ich nenne nur den als Arbeiterbischof bekannt gewordenen Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler, der auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung gegründet hat. Und eine dritte Rechtfertigung mag darin zu sehen sein dass sich katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik in den letzten Jahrzehnten deutlich aufeinander zubewegt haben. Gerade dort, wo es ihnen gelang, gemeinsame Hirtenworte zu verfassen, hat sich die Stimme der Kirchen besonders deutlich und stark artikulieren können. Die von beiden Konfessionen getragene Sozialphilosophie hat eben mehr Überschneidungen als Trennendes.
 
Es ist reizvoll, angesichts der beiden Jubiläen heute – 64 Jahre Mainzer Wingolf, 142 Jahre Wingolf zu Breslau – einmal in der Zeit zurück zu gehen. Gehen wir also – das Mittel von 64 und 142 liegt bei 103 – in das Jahr 1910 zurück. Im Deutschen Reich leben damals 63 Millionen Menschen, 28 Millionen sind erwerbstätig, davon 18 Millionen Männer. Ein gutes Drittel ist im Bereich der Land- und Forstwirtschaft tätig, 40% in Industrie, Handwerk, Baugewerbe, 25% im Dienstleistungsbereich. Die wirtschaftlichen Wachstumsraten der vergangenen Jahre konnten sich sehen lassen, und auch die Entwicklung der Nominallöhne. Trotz allem aber war die Gesellschaft gespalten. Die Wohnungsverhältnisse und hygienischen Bedingungen waren für viele nach heutigem Standard völlig inakzeptabel. Die Belegung eines Zimmers mit mehreren Personen war durchaus üblich. Es gab noch ein Proletariat: eine große Schicht, die gerade so ihr Leben bestreiten konnte, dabei aber in der Industrie Arbeitszeiten über 60 Stunden erbringen musste. Das wurde durchaus als Fortschritt empfunden, denn noch zu Zeiten der Reichsgründung 1871 lagen die wöchentlichen Arbeitszeiten bei bis zu 78 Stunden.
 
Schon lange war das Arbeiterproblem auf der politischen Tagesordnung. In seiner berühmten Schrift „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ aus dem Jahr 1864 hatte der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel Ketteler geschrieben:
 
„Christus ist nicht nur dadurch der Heiland der Welt, dass er unsere Seelen erlöst hat, er hat auch das Heil für alle anderen Verhältnisse der Menschen, bürgerliche, politische und soziale, gebracht. Er ist insbesondere auch der Erlöser des Arbeiterstandes.“
 
Kettelers Worte fielen auf fruchtbaren Boden. Die katholische Kirche begann, sich intensiv mit dem Problem der Industrialisierung und der Frage der gerechten Ordnung auseinander zu setzen. Ein erster Höhepunkt war die 1891 von Leo XIII. vorgelegte Enzyklika Rerum novarum. Sie ist die Geburtsurkunde der modernen katholischen Soziallehre. Die Enzyklika hatte eine Stoßrichtung gegen den Sozialismus, gegen die, wie es heißt, „wühlerische Partei, die nur allzu geschickt das Urteil irreführt und Aufregung und Empörungsgeist unter den unzufriedenen Massen verbreitet.“ Gleichzeitig war sie aber auch von echter Sorge getragen, „weil Unzählige ein wahrhaft gedrücktes und unwürdiges Dasein führen.“
 
Leo betrieb in seiner Enzyklika durchaus heftige Kritik an der kapitalistischen Wirtschaft, sprach von Herzlosigkeit reicher Besitzer, von Habgier und Gewinnsucht, von dem Geist der Neuerungen, der die natürliche Ordnung zu gefährden drohe. Er ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass er wesentliche Forderungen der Sozialisten ablehnte: Die Abschaffung des Privatbesitzes widersprach für ihn dem göttlichen Plan ebenso wie die Leugnung der natürlichen Ungleichheit der Menschen. Eine besondere Bedeutung kam der Familie zu, die als Institution des Zusammenlebens älter sei als der Staat. Sie dürfe nicht durch den Staat unterlaufen werden. Die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens sei auf das Gemeinwohl hin ausgerichtet.
 
Nach Einschätzung von Leo XIII. störten sowohl ein unbegrenzter ökonomischer Liberalismus als auch der Sozialismus Ordnung und Ruhe des Gemeinwesens. Deswegen müsse der Staat schützend in die Wirtschaft eingreifen. Er müsse das Privateigentum ebenso schützen wie die Würde des Menschen, der im Produktionsprozess nicht zu einer Sache degradiert werden dürfe. Bei dem Appell an die Fairness des Arbeitgebers alleine dürfe es aber nicht bleiben, sondern der Staat müsse auch die Arbeitsverhältnisse überwachen und sicherstellen, dass die unterschiedlichen Teile der Gesellschaft harmonisch auf das Gemeinwohl hin orientiert seien. Alles aktuelle Gedanken noch heute!
 
Es würde an dieser Stelle zu weit führen die Entwicklung der Soziallehre durch die verschiedenen Enzykliken weiter skizzieren zu wollen. Mir kommt es auf zwei Punkte hier besonders an.
 
Von Beginn an war die Soziallehre sowohl gegen den liberalen Individualismus als auch gegen den sozialistischen Kollektivismus gerichtet. Im Begriff der Personalität wurde dies auch konzeptionell verdichtet. Der Mensch ist Abbild Gottes und mit besonderer Würde ausgestattet. Eine gerechte Gesellschaft kann nur eine sein, in der sich diese Würde im menschlichen Zusammenleben verwirklichen kann. Dabei gehört zu der Würde auch die Freiheit des Menschen, die Fähigkeit also, seinem Gewissen gemäß zu handeln. Im Übrigen hat die Soziallehre Freiheit nie nur als bloßes Abwehrrecht gegen staatliche Willkür definiert, sondern immer auch als Gestaltungsmöglichkeit. Freiheit ist nicht voraussetzungslos, sondern als Verwirklichungschance zu begreifen. Überspitzt gesagt: Die Freiheit, unter den Brücken zu schlafen, ist eben eine verkürzte. Zu einer wirklichen Freiheit gehört Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit.
 
Zur Personalität gehört ebenso, dass der Mensch den Menschen braucht, um sich zu verwirklichen. Weil er auf den anderen Menschen hingeordnet ist, kann er nur als soziales Wesen gedacht werden. Das wird schon im Begriff der Person deutlich: das „lateinische „per“, hindurch, zu, drückt Bezogenheit auf Andere aus. Der Mensch ist eben nie atomisiertes Individuum, sondern Mitgeschöpf. Das ist auf der einen Seite tröstlich, aber es macht auch demütig: Der Mensch erschafft sich nicht selbst, sondern braucht zu seiner Verwirklichung andere Menschen. Martin Buber hat das einmal mit dem schönen Wort von der „Wiedererkennung des Ich im Du“ beschrieben.
 
Der zweite wichtige Grundsatz ist aus dem Menschenbild abgeleitet und betrifft die Gestaltung der Gesellschaft. Solidarität und Subsidiarität sind die Grundprinzipien dieser Gestaltung. Solidarität ist „die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind“ – so die schöne Definition aus der Enzyklika Sollicitudo rei socialis aus dem Jahr 1987. Solidarität ist eine Rechtspflicht, aber eben auch und vor allem eine moralische Tugend, ohne die die Rechtspflicht kein Fundament hätte. Bezeichnet die Solidarität gewissermaßen das horizontale Strukturprinzip einer Gesellschaft, ist mit dem Prinzip der Subsidiarität das vertikale Prinzip angegeben. Subsidiarität ist ein Kompetenzanmaßungsverbot und ein Hilfestellungsgebot. Alle Hierarchien des sozialen Lebens stehen grundsätzlich im Dienst des Einzelnen. Dem Einzelnen darf keine Zuständigkeit entzogen werden, die er aus eigener Kraft wahrnehmen könnte. Alle Hilfeleistung ist subsidiär auf die Verwirklichung der Person gerichtet.
 
Ich denke, es wird schnell deutlich, dass sich die Soziallehre damit sowohl gegen ein Zuviel an Staat als auch ein Zuviel an Markt abgrenzt. Der Staat ist subsidiär zu verstehen. Er ist kein Selbstzweck, ihm wird auch keine eigenständige Persönlichkeit zugesprochen, auch nicht die Funktion, den Menschen mit ausgefeilten Programmen zu beglücken. Er ist dienstbar nur dort, wo Einzelne oder Gemeinschaften aus eigener Kraft nicht mehr weiter kommen. Gleichzeitig verhindert das Solidaritätsprinzip die Auflösung des menschlichen Zusammenlebens in ein Nebeneinander unverbundener Interessen. Das gilt auch für die wirtschaftliche Betätigung und den Markt. Auch der Markt ist an das Gemeinwohl gebunden und nicht lediglich an den Profit. Der Markt dient dem Menschen, nicht umgekehrt. Die Soziallehre ist, mit anderen Worten, ein dritter Weg zwischen Markt und Staat, zwischen individualistischem Liberalismus einerseits und staatszentriertem Sozialismus andererseits. Sie nimmt den Menschen in seiner Freiheit und seiner Sozialität ernst, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Das ist das Bleibende, das Attraktive der Soziallehre: Das sie nämlich ein Bild des Menschen hat das viel realistischer ist als die doch stark ideologisch geprägten Vorstellungen von Liberalismus und Sozialismus.
 
Diese Aussage ist mir wichtig, und deswegen habe ich mir den kleinen Exkurs auf das schwierige Terrain der philosophischen Grundlagen der Soziallehre auch erlaubt. Denn allzu häufig leiden die politischen Diskussionen, die wir führen, unter starken Verkürzungen: Mehr Markt meinen die einen, mehr Staat wollen die anderen. Dazwischen gibt es noch die Vielzahl derer, die sich überhaupt nicht der Mühe des Nachdenkens unterziehen und politische Entscheidungen nach aktuellen Gefühlslagen treffen. Wenn es aber mit der Idee des Gemeinwohls uns ernst sein sollte, verbietet sich ein prinzipienloser Opportunismus. Und wenn es uns mit der Idee von Personalität, Solidarität und Subsidiarität ernst ist, müssen wir differenzierter argumentieren als die Schlagworte von „Mehr Staat“ oder „Mehr Markt“ in ihrer groben Vereinfachung suggerieren. Das ist eine Frage der politischen Glaubwürdigkeit. Die großen Vereinfacher sind häufig auch die großen Verführer mit den allzu schnellen und wohlfeilen Antworten. Eine menschenwürdige Ordnung bringen diese ideologischen Großentwürfe allerdings nicht hervor.
 
Das ist es also, das Bleibende: Die Ideen von Personalität, Solidarität und Subsidiarität und ihre Umsetzung in politisches Handeln. Aus der Bibel lassen sich keine Handlungsanweisungen für die Politik ableiten. Das ist so richtig wie es eigentlich banal ist. Aber wenn man das christliche Menschenbild ernst nimmt, dann ergeben sich daraus schon eine Reihe von Folgerungen für die politische Debatte unserer Tage. Ich will einige besonders deutliche Beispiele nennen:
 

    Mindestlohn: Aus der Soziallehre ergibt sich sicherlich nicht die Forderung nach einem einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn, wohl aber die Forderung nach einem gerechten Lohn, von dem ein Arbeitnehmer und seine Familie leben kann. Dieser gerechte Lohn kann in Frankfurt am Main anders ausfallen wie in Frankfurt an der Oder. Wichtig ist aber die dahinter stehende Einsicht, dass ein Lohn, der nicht den Unterhalt sichert, den Menschen zum Mittel degradiert und ihn seiner Würde beraubt.

    Gute Arbeit: Ich höre häufig: Sozial ist, was Arbeit schafft. Das ist natürlich Unfug, denn nicht jede Arbeit ist sozial. Das hängt auch zusammen mit dem Verständnis von Arbeit, wie wir es aus der Soziallehre kennen. Arbeit ist zwar einerseits Notwendigkeit, sie ist aber auch Ausfluss der Personalität des Menschen und hat deshalb auch eine Würde. Zwangsarbeit ist nicht sozial, und ebenso wenig ist es Kinderarbeit oder Arbeit unter entwürdigenden Bedingungen.

    Bedingungsloses Grundeinkommen: Eine bestechende Idee, und sie irrlichtert bei einigen Grünen und Linken durch die Debatte. Aber sie widerspricht zum einen dem Prinzip der Subsidiarität, weil es staatliche Transferleistungen nur dann geben soll, wenn der Einzelne sich nicht aus eigener Kraft zu helfen vermag. Zum anderen macht sie den Menschen zum reinen Zuwendungsempfänger. Damit wird die Solidarität als Grundbedingung menschlichen Zusammenlebens ausgehebelt und durch eine reine Rechtspflicht ersetzt.

     
    Diese Beispiele sind nun eher eindeutig; aber es gibt auch weniger eindeutige Antworten aus der Soziallehre heraus. Sind die Hartz IV-Regelungen und die Philosophie des Förderns und Forderns eine Rückkehr zu den Prinzipien der Subsidiarität, oder wird mit Hartz IV die gesellschaftliche Solidarität aufgekündigt? Brauchen wir Quoten? Welche Einkommens- und Vermögensverteilung ist gerecht? Alle diese Fragen kann man mit Hilfe der Soziallehre diskutieren, das Für und Wider abwägen, aber man kann sie nicht mit Hilfe der Soziallehre entscheiden. Die Soziallehre ist keine Ideologie, die verbindlich bis ins Kleinste eine Entscheidungshilfe gibt. Aber sie gibt Leitlinien vor, an denen man sich orientieren kann.
     
    Diese eigentümliche Mischung aus Offenheit und Verbindlichkeit ist einer der zentralen Gründe für die ungebrochene Attraktivität der Soziallehre. Sie bietet Orientierung, engt aber nicht ein. Sie lässt in der Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft viele Möglichkeiten zu. Und ihr Geist durchweht auch die zentralen Bestimmungen des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen, die gebundene Freiheit, das Sozialstaatsprinzip, die Garantie des Eigentums und seine gleichzeitige Rückbindung an das Gemeinwohl, die Bedeutung von Ehe und Familie, die unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes stehen.
     
    Was kann uns aber das Bleibende, die Soziallehre, für die Aufgaben der Zukunft bieten? Ich will es hier bei wenigen Anmerkungen belassen. Eine der großen Aufgabe unserer Zeit ist es, die Globalisierung zu gestalten. Globalisierung wird, nein sie ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Sie ist eine Chance, wenn die Rahmenbedingungen vernünftig gestaltet werden. Dort, wo dies nicht der Fall ist, kann Globalisierung ähnlich krasse soziale Missverhältnisse bewirken wie die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Ich bin im Übrigen an dieser Stelle recht optimistisch. Viele junge Menschen setzen sich weltweit für eine gerechte Wirtschaftsordnung ein, auch mit öffentlichkeitswirksamem Protest. Ein Antrieb für diesen Protest kommt aus der Soziallehre und der Sozialethik, also von einem Gerechtigkeitsimpuls, der durch das christliche Menschenbild geprägt ist. Aber auch im Kleinen zeigt sich dieses Engagement: Durch die Eine-Welt-Läden, die Fair-Trade-Idee, durch die vielen kirchlichen Basisinitiativen, die sich mit der so genannten Dritten Welt auseinandersetzen. Der große Philosoph Hans Jonas hat dies einmal mit dem schönen Begriff der Ethik der Fernstenliebe umschrieben. Das ist ein richtiger Begriff, denn im Zeitalter der Globalisierung ist der Fernste uns zugleich der Nächste.
     
    Ein zweiter Bereich, in dem sich die Soziallehre aus meiner Sicht bewähren wird ist die Bewahrung der Schöpfung. Das ist gewiss ein altväterlich klingender Begriff, aber er verweist doch nur auf eines: Dass wir heute Gerechtigkeit auch als Generationengerechtigkeit denken müssen. Das gilt vor allem für unseren Umgang mit natürlichen Ressourcen. Hier hat sich heute der Begriff des nachhaltigen Wirtschaftens eingebürgert. Nachhaltigkeit verweist auf die Zukunft, auf den Zeithorizont unseres Handelns. Nachhaltigkeit gibt unseren Wertvorstellungen Zukunftsbezug. Wir müssen mit den vorhandenen sozialen, ökonomischen und ökologischen Ressourcen mit Blick auf die Sicherung der eigenen Lebenschancen sowie die der zukünftigen Generationen angemessen umgehen.
     
    Ein dritter Bereich, den ich für die Bewährung der Soziallehre sehe, ist ihr antitotalitärer Impuls. Sie warnt uns davor die Arbeit zu vergötzen, erinnert uns daran, dass der Mensch nicht vom Brot alleine lebt. Das ist in einer Zeit, in der viel von Leistungsgesellschaft, von Flexibilität die Rede ist nicht eben wenig. Die Soziallehre zeigt auf, dass der Mensch sich nicht in der Arbeit, sondern in der Familie verwirklicht. Hier lernt er, Person zu sein. Deswegen gilt es, die besondere Bedeutung der Familie auch gegen die Marktgesetze zu behaupten. Familien brauchen Freiraum, nicht unbeschränkte Shopping-Zeit. Nur so können Familien auch als grundlegende Bausteine einer Gesellschaft funktionieren, in der weder der Markt noch der Staat das letzte Wort hat.
     
    Ich sehe eine der großen Aufgaben der Soziallehre darin, der ungeheuren Beschleunigung unseres Wandels die Besinnung auf das Bleibende entgegen zu setzen. Die res novae, von denen Leo XIII. sprach, die neuen Dinge, waren ja durchaus kritisch gesehen. Das gilt auch heute. Im Hervorbringen des Neuen alleine beweist sich nicht der Mensch, sondern in der Besinnung auf das Bleibende.
     
    Gute Ideen sind eines, die Umsetzung ein anderes. Stalin hat einmal zynisch gefragt, wo denn die Legionen des Papstes seien. Weniger zynisch lautet die Frage für mich: Wer ist denn der Träger eines solchen Bewusstsein, wie kommt die Soziallehre in die Welt? Ich bin hier durchaus optimistisch. Erinnern wir uns  an den Weltjugendtag in Köln vor acht Jahren. Für mich war dieser Weltjugendtag mit seinen 1,2 Millionen Teilnehmern vor allem ein Zeichen dafür, dass eine christlich geprägte Sinnsuche und Gemeinschaft wieder auf der Tagesordnung steht, wie im übrigen ja auch die vielen Kirchentage, die doch sehr von der Teilnahme gerade junger Menschen geprägt sind. Auch wenn vielleicht der spirituelle Anteil bisweilen überwiegt: Als Christen werden auch diese jungen Menschen im Alltag vor die Frage gestellt, wie ein Leben aus dem Glauben praktisch möglich ist. Dieses Potential gilt es, für die katholische Soziallehre zu nutzen.
     
    Zweitens, gewissermaßen aus der umgekehrten Perspektive: Die Soziallehre vorzutragen und aus ihr heraus zu argumentieren ist Teil des Verkündigungsauftrags der Kirche. Die Soziallehre ist Instrument der Evangelisierung, weil sie die menschliche Person und die Gesellschaft mit dem Licht des Evangeliums sieht. Die Kirche wächst nicht nur über die Hoffnung auf Erlösung, die sie vermittelt, sondern auch als Sachwalter einer diesseitigen Botschaft, die den Menschen und seine Würde in Wirtschaft und Gesellschaft ernst nimmt.
     
    Und drittens: Die Soziallehre richtet sich ja eben nicht ausschließlich an katholische Christen. Sie ist nicht ad intra, nach innen gerichtet, sondern soll auch Impulse geben für andere Christen, für Gläubige anderer Religionen und für alle Menschen guten Willens. Gerade weil wir in einer globalisierten Welt immer mehr zusammen rücken; gerade weil wir in unserer schnelllebigen Zeit häufig den Sinn für das Wesen der Dinge verlieren; und gerade weil wir die Sorge für künftige Generationen ernst nehmen, bedarf es eines starken Fundaments wie der Soziallehre. Es ist im übrigen meine feste Überzeugung dass die abrahamitischen Religionen in diesen Fragen näher sind als es der öffentliche Dissens meist ahnen lässt, aber dies ist eine andere Frage.
     
    Mit persönlich sind Politiker suspekt die keine Auskunft über das Herkommen ihres Wertehorizonts geben können. Ihnen fehlt dann ein verlässlicher Kompass nach dem sie sich richten können. Die katholische Soziallehre ist ein solcher Kompass, die Sozialethik ebenso. Sie wurzeln in der christlichen Überzeugung und der christlichen Überlieferung. Wenn wir das Christianum als Wingolfiten besonders hervorheben dann doch nicht um nach außen zu dokumentieren, dass wir eifrige Kirchgänger sind. Sondern weil wir überzeugt davon sind, dass in diesem Christianum eine verlässliche und sinnvolle Grundorientierung steckt, die unserem Leben nicht nur Sinn, sondern auch einen Beurteilungsmaßstab zu geben vermag. Das ist in unserer schnelllebigen Welt, in der nach einem Diktum von Paul Feyerabend „anything goes“, nicht eben wenig. Aber darin liegt unser Stolz und unsere Zukunft. Und deswegen sind die Wahlsprüche sowohl des Mainzer Wingolf wie auch des vertagten Wingolf zu Breslau aktueller denn je und auch richtiger als das anything goes: Di Henos Panta.
     
    Dem Mainzer Wingolf ein Vivat, Cresceat. Floreat.
     

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