Der Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer beobachtet die zunehmende Entfremdung zwischen seiner Partei und den Kirchen mit Sorge.

Herr Zimmer, Sie haben ein Buch geschrieben, „Alte Werte in neuer Zeit“, als Sie noch nicht wussten, dass Sie von Ihrer Partei nicht noch einmal als Kandidat für den Bundestag aufgestellt werden. Es liest sich stellenweise dennoch wie ein politisches Testament. Was ist Ihre Botschaft?

Mir ging es darum, den Menschen in seinen vielfältigen Bezügen und das Gemeinwohl als Thema mal grundsätzlicher aufzugreifen: Jede Struktur der Gesellschaft muss so beschaffen sein, dass sie der einzelnen Person die optimale Entfaltungsmöglichkeit bietet. Als Abgeordneter hat man ja oft die Schere im Kopf: Bekomme ich dieses innerparteilich oder jenes in der Koalition durchgesetzt? Man unternimmt also eher kleine Schritte. Aber viele kleinere Schritte ergeben längere Wegstrecken. Politik muss auch darüber Auskunft geben, wo man grundsätzlich hin will. Politik ist nicht nur das kurzfristig Machbare, sondern auch die langfristige Perspektive, die sich aus dem Grundsätzlichen ergibt.

Sie stehen innerhalb der CDU links – und mahnen immer wieder das Soziale an. Das „C“ sei für viele eine „Zumutung“, schreiben Sie. Inwiefern?

„Zumutung“ möchte ich durchaus positiv verstanden wissen. Da steckt nämlich auch der Mut drin. Ich war gerade ein Jahr oder zwei Jahre im Deutschen Bundestag, da saß ich neben Peter Gauweiler. Ich fragte ihn: „Haben Sie nicht ein bisschen Angst, weil Sie häufig so quer im Stall stehen und es Ihrer Partei nicht gerade leichtmachen? Bei der Euro-Rettung zum Beispiel?“ Da schaute mich Gauweiler an und sagte: „Junger Freund, Christus hat uns zur Freiheit befreit.“ Das fand ich eine unglaubliche Aussage. Diese Freiheit, die in der christlichen Tradition immer eine gebundene Freiheit ist, ist im positiven Sinne eine Zumutung. Sie ermutigt uns, für unsere Überzeugungen einzustehen.

Welche Rolle spielt das Christliche in der CDU noch?

Ich sehe, dass die CDU und die Kirchen immer weiter auseinanderdriften. Das fängt bei Themen wie Eigentum an. Bei uns in der CDU ist das Eigentum beinahe sakrosankt. Aber in der katholischen Soziallehre wird Wert darauf gelegt, dass Eigentum an das Gemeinwohl zurückgebunden sein muss. Das entfaltet beim Thema Wohnen zum Beispiel eine unglaublich explosive Kraft. Wenn ich bisweilen bei den katholischen Akademien mitdiskutiere, merke ich, dass Themen wie das Gemeinwohl eher bei den Grünen und den Linken anschlussfähig geworden sind. Das muss einer Partei, die das „C“ im Namen trägt, doch weh tun!

Das Christlich-Soziale hat bei der Gründung der CDU eine große Rolle gespielt.

Ja, die Auffassung war ja damals, dass der reine Liberalismus versagt hat. Übrigens auch bei den späteren Ordoliberalen. Die Wertedebatte spielte in der unmittelbaren Nachkriegszeit deshalb eine enorme Rolle. Da war nichts Konservatives dabei, denn an welche konservativen Traditionen hätte man sich denn zu jener Zeit nach dem Krieg anlehnen können? Übrigens auch später nicht, denn der intellektuelle Konservativismus und die CDU haben meist Abstand voneinander gehalten. Heute erliegen wir einer konservativen Versuchung, und die hängt sehr eng mit Friedrich Merz als Projektionsfläche zusammen.

Friedrich Merz als Aushängeschild einer „konservativen Versuchung“? Das müssen Sie erklären.

Ich werfe ihm das persönlich gar nicht vor. Aber manche glauben, mit ihm komme „die gute alte Zeit“ zurück. Das ist ein Irrtum. In den vergangenen 16 Jahren – der Ära Merkel – hat sich die Gesellschaft stärker verändert als jemals zuvor. Und es gibt kein Zurück mehr. Das bedeutet, dass wir uns dem Wandel stellen müssen, wenn wir als Volkspartei überleben wollen. Wir müssen die Mitte besetzen, nicht den rechten Rand.

Sie nennen in Ihrem Buch zwei Namen, die Sie vermissen: Heiner Geißler und Norbert Blüm. Fehlen Ihnen solche Stimmen in der CDU?

Ja, absolut! Geißler und Blüm fehlen! Ich hatte Geißler vor ein paar Jahren mal im Wahlkreis, das war eine wunderbare Veranstaltung. Da setzte sich der Geißler hin und sagte: „Es gibt Geld wie Dreck, es haben nur die falschen Leute!“ Da hat bei einigen der Atem gestockt. Aber er hatte recht und hat es dann souverän erklärt! Oder Norbert Blüm, der in die griechischen Flüchtlingscamps gegangen ist. Die haben die christliche Botschaft glaubhaft verkörpert.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Kapitalismus viel besser ist als sein Ruf – trotzdem kritisieren Sie das Wachstums-Paradigma, das „Immer mehr“ auch in Beruf und Karriere.

Ein wohlgeordneter Kapitalismus ist der Königsweg aus der globalen Armut heraus. Es kommt darauf an, wie man die Kräfte, die der Kapitalismus entfaltet, nutzt und wieder an das Gemeinwohl zurückbindet. Wir müssen stärker in den Blick bekommen, dass das Wachstum bei uns woanders zu Folgeschäden führt. Wachstum muss sich vom Ressourcenverbrauch entkoppeln, zudem muss sich daraus ein Kreislauf entwickeln. Mit anderen Worten, am Ende eines Produktionsprozesses sollte kein Abfall entstehen, sondern Produkte, die wieder in den Produktionsprozess eingespeist werden können. Schließlich, aber das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage: Was ist eigentlich ein gutes, gelingendes Leben? Schon Ludwig Erhard hat geschrieben, dass man sich ab einem gewissen Wohlstandslevel fragen kann, was nach dem Wachstum kommt. Das hat er damals als die zweite Phase der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnet.

Eine Gratwanderung, denn der Wohlstand muss auch weiterhin erwirtschaftet werden. Ohne Wachstum wird das kaum gelingen.

Kein Mensch will, dass wir plötzlich Mönche werden auf dem Berg Athos. Mir geht es nur darum, dass wir uns mal die Frage stellen: Wie viel ist uns genug? Denn in einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben.

Gibt es im Bundestag, der sich meistens mit sehr konkreten Politikentscheidungen des Alltags befasst, genügend Raum für solche Grundsatzdebatten?

Mein Eindruck ist, dass bei vielen die Debatte über Werte deutlich zu kurz kommt. Es sind die Pragmatiker des Möglichen, die den Ton angeben. Sich die Frage zu stellen, was das „C“ von einem verlangt, das ist eher selten der Fall, gibt es aber gelegentlich auch. Ich finde diese Entwicklung bedauerlich, denn Glaubwürdigkeit bedeutet, nicht nur darüber Auskunft zu geben, was man als nächsten Schritt tut, sondern auch, warum man das macht. Ich habe in dem Buch etwas geträumt und vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle etwas sehr weit gegriffen, aber ich finde, das muss man auch mal dürfen als Politiker.

Politiker haben oft das Image, von Gemeinwohl zu sprechen – aber dann vor allem für sich selbst zu arbeiten. In der Maskenaffäre Ihrer Fraktion ist das Klischee wahr geworden. Ein Einzelfall?

Das sind beschämende Vorgänge, aber Einzelfälle. Gemeinwohl hat mit Dienen zu tun, nicht mit verdienen.

Die Fragen stellte Martin Benninghoff.

Das Buch von Matthias Zimmer, „Alte Werte in neuer Zeit“, ist erschienen im Nomen-Verlag (Frankfurt),. Es kostet 15 Euro.

Das Interview wurde am 28. März 2021 veröffentlicht unter:

https://zeitung.faz.net/fas/rhein-main/2021-03-28/0728ab71165c8ac3b68f19babece7279/?GEPC=s5

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