Konservativ ist, das wissen wir spätestens seit Edmund Burke, eine politische Haltung, die ihr Reflexivwerden einem externen Schock der Veränderung verdankt – im Falle Burkes war das die Französische Revolution, deren „Geist der Neuerungen“ Burke als Produkt kalter Herzen und umnebelter Köpfe wortgewaltig bekämpfte. Konservativ werden ist aber bisweilen auch ein Phänomen des Älterwerdens. Wenn die Prostata zwickt, die Gelenkigkeit flöten geht und die Dritten nicht so kraftvoll zubeißen wollen wie es notwendig wäre, dann neigt man dazu, die eigene Zukunft auch weniger rosig zu sehen, wenig Verständnis für diejenigen aufzubringen, die es tun und statt dessen in den Schätzen der Vergangenheit zu graben und das angelaufene geistige Silbergeschirr zu polieren. Leise Melancholie umweht dann die Analyse, gespeist aus dem Bewusstsein dessen, was verloren gegangen ist. Der Konservative will nicht mehr zu neuen Ufern aufbrechen, er misstraut der See ebenso wie der Schiffscrew; die Weite der Zukunft ersetzt er durch die Tiefe des Historischen; dort, im geschichtlichen Urschleim der eigenen Herkunft, befindet sich das Abbild des Ewigen, das ihm Trost und Läuterung gleichzeitig ist.

Man wäre versucht, das kleine Büchlein von Ulrich Greiner eben jener Gattung ausschließlich und umstandslos zuzuschreiben, wäre da nicht noch ein zweiter Aspekt. Greiner macht aus seiner Herkunft aus dem Geist der 1968er keinen Hehl. Sicherlich, die utopischen Energien haben sich verzehrt und so mancher Visionär ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus geistig heimatlos geworden – auch Greiner, wie er an der einen oder anderen Stelle durchblicken lässt. Mehr noch ist aber der Zeitgeist heute ein anderer, er weht nicht mehr links; mein Verdacht ist, dass Greiner genau dies erfasst hat und mit seinem Kniefall vor dem Konservativismus sich weiterhin dort behaupten will, wo er sich vermutlich schon immer gesehen hat: In der Avantgarde des gesellschaftlichen Diskurses, in der Zutatenküche des Zeitgeistes, in der der natürliche Platz eines ehemaligen Feuilletonchefs und ZEIT-Autors auch zu sein hat.

Der Konservative reibt sich an den Irritationen des Gegenwärtigen, nicht mit einer eleganten und abgeschlossenen Theorie, sondern der Präsentation eines bunten Straußes des Missbehagens: Die Flüchtlingskrise, die deutsche Identität, der Islam, die technische Manipulation des menschlichen Lebens, Europa, der starke Staat, der ausgreifende Sozialstaat, das Wesen des Christentums. Nun weiß ich nach der Lektüre beispielsweise, dass Greiner eine Vorliebe für den lateinischen Ritus hat, dass er die Anschnallpflicht als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit ansieht und dass er das Durchforsten von Kinderbüchern nach Kriterien der political correctness für auch literarisch fragwürdig hält. Meist aber bleibt Greiner auf der Ebene des Bekenntnisses, der Explikation eines Lebensgefühls. So hätte ich beispielsweise gerne mal ein paar Argumente gehört für die recht steile Behauptung, unter Angela Merkel sei die CDU so weit nach links gerutscht, dass sich der Konservative darin nicht mehr wiederfinde – aber, Fehlanzeige, bei Greiner wird nicht die Tiefe der Probleme argumentativ oder mit belastbaren Zahlen ausgeleuchtet, sondern mit Grandezza nur das behauptet, was das Lebensgefühl so hergibt. Das ist genau jene Sorte von Autoren, von der Karl Kraus einmal abschätzig geurteilt hat, sie hielten auch Kopfjucken für eine Gehirntätigkeit. Aber genau auf dieser Ebene bewegt sich der Buchtext.
Man merkt dem Text an, dass es für Greiner eine Entlastung gewesen sein muss, die mitunter platten Parolen des Populismus selbst einmal wonnevoll-affirmativ aussprechen zu dürfen – natürlich intellektuell und stilistisch angehübscht. Da fehlt das Gurken-Argument gegen die EU ebenso wenig wie das Geschwätz vom „Kontrollverlust“ des Staates, der Warnung vor Islamisierung, die Sorge, der extensive Gebrauch des Englischen könne die deutsche Leitkultur unterminieren oder die Warnung vor der realen Gefahr der Islamisierung. Das hat man alles schon einmal gehört und es ist in der Plattheit weder richtig noch falsch, es ist nur oberflächlich und undifferenziert. Aber Greiner kann mehr, er beherrscht auch die subtile Auslassung. So schreibt er, dass er merkwürdig finde, dass „junge deutsche Männer unter hohem Risiko an der Front in Afghanistan stehen, während junge afghanische Männer hierzulande in der Behörde auf die Bearbeitung ihres Asylersuchens warten müssen“ – den Nachsatz, die jungen Afghanen sollen sich gefälligst in ihrem eigenen Staat totschießen lassen statt in Deutschland rumzulungern, spart er sich, weil er weiß: Genau das denkt jetzt der geneigte Leser. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wird mal eben mit der Polyamorie vermischt und dann den Schwulen beschieden: Es ist halt Schicksal, wer schwul ist, hat keine Nachfahren und sollte deshalb auch keine Ehe eingehen dürfen. „Ich hab‘ ja nix gegen Schwule“, ruft es da unterschwellig, „aber das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“, und man ist dankbar, dass nicht noch die Pädophilie im Nachklapp angesprochen wird. Dass Greiner dann auch das Lob des Stammtischs singt, überrascht nicht: Sehr weit davon entfernt ist er ja ohnehin nicht, wenn auch in ansprechender Verpackung. Jedoch: Mist bleibt immer Mist, auch wenn er noch so parfümiert daher kommt.

Da hilft auch nicht, dass Greiner zu Kronzeugen seiner Phantomschmerzen Safranski, Sloterdijk, Mosebach oder Lewitscharoff heranzieht: die Vermessung der Greinerschen Gefühlswelt wird damit weder salonfähig noch diskursiv überzeugend. Der heimatlose Konservative bewegt sich auf der Höhe des Ressentiments und man wünscht ihm, dass es ihm nun, da er sich formvollendet ausgekotzt hat, besser gehen möge. Den Leser hinterlässt der Autor angesichts seiner altersbedingten Schwurbeleien allerdings einigermaßen fassungslos. Es mag ja sein, dass „man (…)sich seine Weltanschauung nicht aus(sucht), sondern das Leben, die Umstände, das Alter (…) einen zu bestimmten Haltungen und Anschauungen hin(führen)“. Die Phantomschmerzen des Sentimentalen aber dann als Bekenntnis zu verschriftlichen, das wäre entbehrlich gewesen.

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