Carlo Schmid, der große Intellektuelle und Politiker, der auch lange  Zeit an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrte, berichtet in seinen Memoiren über die unmittelbare Nachkriegszeit in Tübingen. Schmid war Jurist, aber auch ein hervorragender Kenner Frankreichs und hatte sich durch Übersetzungen französischer Literatur ins Deutsche einen Namen gemacht. 1945 aber, in jenen unübersichtlichen Wochen nach dem Ende des Krieges, geriet er in Verdacht, ein Saboteur zu sein, ein Mitglied des Werwolf, einer Organisation, die sich den Widerstand gegen die Besatzung auf die Fahne geschrieben hatte. Nach einigen Tagen der Inhaftierung, so berichtet Schmid, sei ein französischer Hauptmann in das Vernehmungszimmer gestürmt. Er habe ein Bündel Papiere in der Hand gehabt, in denen Schmid seine eigenen Übertragungen eines Textes aus dem Französischen erkannt hat und laut ausgerufen: „Espece de con! Queleque-un qui a traduit Baudelaire n’est pas un Werewolf!“

Ich bitte zunächst um Nachsicht für die etwas drastische Sprache die, ich versichere es, ich aus Schmids Autobiographie wörtlich übernommen habe. Ich berichte diese Episode hier, weil sie von einem Grundvertrauen beseelt ist: Einer, der den anderen so gut kennt und in seiner Sprache zuhause ist, kann nicht schlecht sein. Sprache konstruiert Welt, sie konstruiert aber vor allem Identität. Diejenigen, die in der Sprache wohnen, sind Hausgenossen. Sie sind keine Fremden. Und diejenigen, die in zwei oder mehr Sprachen wohnen, sind Brückenbauer. Sie sind mehr als Übersetzer, sie sind in der Lage, die Lebenswelten des Anderen verständlich zu machen. Eine zweite Erkenntnis scheint mir aus den Worten des Hauptmanns zu sprechen: Dass nämlich diejenigen, die sich ungezwungen in zwei Sprachwelten bewegen, sich gegenseitig als wahre Humanisten wahrnehmen. Sie können nämlich das Zeitbedingte, das kulturell geprägte von dem Kern des Humanum unterscheiden, das jedem Menschen eigen ist: So jemand kann kein Werwolf sein. Über die Kulturen hinweg, über die Sprachbarrieren hinweg entdeckt man also das Gemeinsame. Und vielleicht, das ist die Hoffnung, hat dies Gemeinsame auch eine friedensfördernde Funktion.

Als mich die freundliche Einladung erreichte, heute in Vertretung des Kollegen Andreas Jung die Festrede zu halten, hatte ich gerade den Briefwechsel zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig gelesen. Rolland, der ältere der beiden, hatte sich mit dem voluminösen Bildungsroman Jean-Christophe einen Namen gemacht, der fiktiven Biographie eines deutschen Komponisten, die hell auch die deutsche Kultur erleuchtete; Stefan Zweigs Hauptwerk sollte die große Biographie über Balzac werden. Der Erste Weltkrieg hatte die beiden Briefeschreiber getrennt und doch auf eigenartige Weise zusammengeführt. Heute unbegreiflich, dass der Jubel über den Ausbruch des Krieges grenzüberschreitend war: Wie ein Rausch, erinnerte sich Ernst Jünger später. In Deutschland hatte der Taumel nationaler Begeisterung die seltsame Sumpfblüte der Ideen von 1914 hervor gebracht, der kulturellen Überhöhung des Krieges in eine Auseinandersetzung von deutscher Kultur und westlicher Zivilisation. Weder Rolland noch Zweig haben diese eigentümliche Begeisterung geteilt. Von Anfang an nehmen beide den Krieg als ein Unheil wahr. „Dieser europäische Krieg ist die größte Katastrophe der Geschichte seit Jahrhunderten“, notiert Rolland am 3. August 1914 in seinem Tagebuch, „der Zusammenbruch auf die heiligsten Hoffnungen der Brüderlichkeit der Menschen.“ Ähnlich klingt es bei Zweig an Rolland.  „Wir sind doch das Herz Europas, Frankreich und Deutschland“, schreibt er am 19.Oktober 1914. Und er fährt fort: „Darum ist alles, was diese Beziehungen – bei Euch und bei uns – vergiftet, ein Verbrechen.“

Wir sind das Herz Europas: Welche kühne Behauptung! Doch es steckt viel Wahres darin. Karl der Große, Charlemagne – sein Porträt hängt an der Stirnseite des Kaisersaals – ist der gemeinsame Stammvater der deutschen und französischen Nation. Seitdem das Reich Karls geteilt worden war, gingen Deutsche und Franzosen unterschiedliche Wege. Das hat immer wieder zu Konflikten geführt, aber auch zu einer gegenseitigen kulturellen Bereicherung. Das waren die glücklicheren Zeiten in der Geschichte unserer beiden Länder und auch Europas. Greifen wir nur ein Beispiel heraus: Carlo Schmid, den ich eingangs erwähnte, hat in der Folgezeit die Universität Tübingen wieder aufgebaut. 1946 kam dorthin ein junger Franzose, Sohn zweier französischer Germanisten, Michel Tournier. Er traf dort auf Claude Lanzmann, der später bekannt wurde durch seinen Film über die Shoah, aber auch durch seine Liaison mit Simone de Beauvoir; und auf Friedrich Sieburg, der von 1926 bis 1930 Auslandskorrespondent der Frankfurter Zeitung in Paris war und dem wir die Frage verdanken, ob Gott möglicherweise ein Franzose sei. Tournier wiederum lässt sich in Tübingen zu seinem ungewöhnlichen Roman Erlkönig inspirieren, für den er 1970 einstimmig den Prix de Goncourt erhält. Hier im Erlkönig nähert er sich in mythischer Verklärung dem Nationalsozialismus und der Verführung der Jugend, ein Roman, der von Volker Schlöndorff 1996 kongenial filmisch umgesetzt worden ist.

Solche eigenartigen und fruchtbaren Wechselwirkungen gibt es viele, und auch ich bin davon persönlich betroffen;  eher  unsystematisch hierzu einige Beobachtungssplitter. Tournier ist mir in Studientagen empfohlen worden von einer Kommilitonin, die ihn  beim Auslandsstudium in Paris entdeckt hatte; nicht der Erlkönig, sondern das auch mythisch überhöhte Werk Kaspar, Melchior und Balthasar zählt seither zu meinen Lieblingswerken. Ich habe während des Studiums die Werke von André Glucksmann verschlungen, ebenso später Michel Foucault und seine Mikroanalyse der Macht und mich noch später durch die Untiefen poststrukturalistischer französischer Philosophie zu kämpfen versucht, allerdings ohne großen Erfolg. Ich bin Ernst Jünger und seiner Begeisterung für Frankreich gewissermaßen rückwärts gefolgt, nachdem Helmut Kohl und Francois Mitterand ihn 1993 in seinem Forsthaus in Wilflingen besucht hatten, und habe durch die Lektüre von Jünger Autoren wie Leon Bloy oder Jean Cocteau kennen gelernt, aber auch Jean Antoine de Rivarol, den Ernst Jünger ins Deutsche übersetzt hat. Und vollends berührt hat mich dann eine Aussage von Jünger aus dem Jahr 1973, als er, von Le Monde interviewt, seine positive Rezeption in Frankreich damit erklärte, dass die Franzosen eben kultivierter seien als die Deutschen. Welch‘ unglaubliche Umdrehung der Ideen von 1914, für die Ernst Jünger damals in die Stahlgewitter gegangen war, welch Bekenntnis für die formative Kraft der Nähe und des kulturellen Austauschs!

Ja, Frankreich ist irgendwie immer da, in vielen Bezügen und Verbindungen, in der kulturellen Symbiose über die sprachliche Differenz. Wir können nicht ohne den anderen und wollen dies auch nicht. Das ist auch in der Politik richtig. Die deutsch-französische Achse, sie ist der Motor Europas. Ich finde sie heute wichtiger als alle anderen Beziehungen in Europa – für mich auch der Grund, Mitglied in der deutsch-französischen Parlamentariergruppe zu sein. Ohne diese Achse wäre Europa sinnlos. Sie hätte ihr Herz verloren.

Schön wäre es allerdings, wäre die französische Sprache so einfach wie die deutsche. Ich habe mich von den Hürden einige Jahre während meiner Schulzeit selbst überzeugen können und empfinde die nur unvollkommene Beherrschung dieser Sprache als ein Manko. Zumal ich vermute, es könne auch besser sein für die Friedfertigkeit dieser Welt, wenn Französisch heute die Universalsprache wäre; Gründe dafür hatte der eben erwähnte Rivarol bereits 1784 dargelegt und damit den Preis der Berliner Akademie gewonnen. Es war nicht die schlechteste Zeit als die Staatsmänner und Diplomaten Europas französisch sprachen. Deswegen beneide ich ein wenig diejenigen, die heute einen Preis bekommen wie auch diejenigen, die an dem Wettbewerb teilgenommen haben: Um ihre sprachlichen Fertigkeiten ebenso wie für die Fähigkeit, zwischen beiden Kulturen zu wandern und sich dadurch den Blick offen zu halten. Und bedanke mich bei der Deutsch-Französischen Gesellschaft, dass sie mit diesem Wettbewerb Anreiz und Plattform schafft.

Als im Jahre 1916 Romain Rolland der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, antwortete er auf ein Glückwunschschreiben von Stefan Zweig: „Ich arbeite, ich sammle und säe für die Zukunft – für jene Zukunft, die wir wahrscheinlich nicht erleben werden, aber die zu einem Teil aus unserem Fleisch und Blut beschaffen sein wird.“ Diese Aussaat ist erkennbar auf fruchtbaren Boden gefallen. Deswegen vermute ich, den beiden Briefeschreibern, die sich, wie es zwischen Deutschen und Franzosen üblich sein sollte, zumeist mit „lieber Freund“ ansprachen, hätte der heutige Abend gefallen.

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