Ich will meine Rede mit zwei persönlichen Bemerkungen beginnen. Im Jahr 1989 war ich in der Endphase meiner Dissertation. Das Thema lautete: Die Deutschlandpolitik der Regierung Kohl. Ich war damals fest davon überzeugt: Das Thema Vereinigung Deutschlands steht nicht auf der Tagesordnung. Ich fühlte mich in dieser Einschätzung ziemlich sicher, schließlich wurde sie von fast allen Fachleuten geteilt. Auch als es im Sommer zu den großen Demonstrationen kam, zu den Massenfluchten in die Botschaften war ich nicht beunruhigt. Eine erste Fassung habe ich Anfang November 1989 an meinen Doktorvater geschickt. Der rief mich zwei Wochen später an, mittlerweile war die Mauer gefallen. Sein Kommentar: Wer hart am Rande der Zeitgeschichte segelt, kann mitunter Schiffbruch erleiden. Ich müsse die Arbeit gründlich überarbeiten und auf die neue Situation beziehen. Ich tat es, und es war ein Glücksfall. Meine Arbeit war die erste wissenschaftliche Untersuchung über die Kohlsche Deutschlandpolitik und hat einige Aufmerksamkeit gefunden.

Eine zweite persönliche Reminiszenz. Im Jahr 1991 habe ich in Bonn gewohnt und gearbeitet. Am 20. Juni 1991 war die Stimmung in Bonn zum Zerreißen gespannt. Der Bundestag debattierte die Frage: Berlin oder Bonn als Regierungssitz? Die Frage der Hauptstadt war ja bereits mit dem Einigungsvertrag entschieden. Zu meinem damaligen großen Entsetzen entschied die Mehrheit von 338 gegen 320 Stimmen für Berlin. Auf dem Marktplatz in Bonn haben viele Menschen geweint. Ich war damals vor den Kopf gestoßen. Ich war in der Bundesrepublik aufgewachsen, der Bonner Republik. Bonn war für mich, anders als Weimar oder Berlin, der Ort, der erstmals dauerhaft mit einer funktionierenden demokratischen Staatsordnung verbunden war. Politik lebt von Symbolen, von Gefühlen. Bonn war unprätentiös, stand für ein neues Bild von Deutschland, für einen Neuanfang nach dem Dritten Reich, für die erfolgreiche Integration in den Westen. Warum sollte man das aufgeben? Würde eine starke Hervorhebung Berlins nicht wieder Geister der Vergangenheit heraufbeschwören? Jürgen Habermas allerdings, ein aufmerksamer und kritischer Beobachter der deutschen Politik, hat in einer Rede in der Paulskirche bereits 1995 Entwarnung gegeben und von der Normalität einer Berliner Republik gesprochen. Berlin passt besser zu den neuen Herausforderungen, denen wir gegenüber stehen. Ich bin der Meinung: Er hatte Recht. Die Berlin-Entscheidung war in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall. Aber ich füge hinzu: Wenn 1949 die Entscheidung für Frankfurt am Main und nicht für Bonn als Regierungssitz gefallen wäre, die Entscheidung von 1991 wäre vermutlich auch anders ausgegangen.

Warum habe ich diese beiden für mich ja nicht gerade schmeichelhaften Fehleinschätzungen erwähnt? Zum einen um deutlich zu machen: Die Geschichte ist offen und nicht vorhersagbar. Aber sie hält nicht nur unvorhergesehene Wendungen bereit, sondern auch ausgesprochene Glücksfälle. Die deutsche Einheit war ein solcher Glücksfall. Nicht nur für die Deutschen, die nun die Einheit in Freiheit vollenden konnten, sondern auch für Europa. Sie hat der europäischen Integration einen kräftigen Schub gegeben. Und zum anderen: Wir können zwar aus der Vergangenheit lernen, aber manchmal ist die Besinnung auf die Vergangenheit auch irreführend. Berlin steht heute nicht für deutsche Großmachtfantasien oder eine Abkehr von den politischen Ideen des Westens, sondern für die Vollendung der Einheit Deutschlands im Geiste der demokratischen Tradition der Bonner Republik. Wer einmal gesehen hat wie viele hundert und tausend Besucher tagtäglich den Reichstag und das Regierungsviertel besuchen, dem wird klar: Berlin ist sehr viel stärker Kristallisationspunkt demokratischer Hoffnungen und Erwartungen als es Bonn jemals war. Berlin steht eben auch für die freiheitliche Selbstbehauptung in den Jahren der Blockade und der Teilung, es steht symbolisch für den Aufbruch der Mauer, für die friedliche Überwindung des SED-Regimes.

Wir haben mit dieser Vereinigung Deutschlands historisch Glück gehabt. Es war keineswegs selbstverständlich. Die erste deutsche Vereinigung 1871 wurde mit Blut und Eisen vollbracht, so wie es Bismarck einmal formuliert hat. Die Vereinigung 1990 war friedlich, sie entstand nicht in der Gluthölle eines Krieges. Sie war demokratisch, nicht autoritär; sie ist ein gegenseitiger Lernprozess. Und sie war europäisch eingebettet. Als das Reich 1871 gegründet wurde, hat es die europäische Balance nachhaltig gestört. Es bedurfte der Staatskunst von Bismarck die Konflikte abzuleiten, zu neutralisieren; seine Nachfolger hatten eine weniger glückliche Hand. Die Vereinigung 1990 ist mit der Zustimmung der europäischen Nachbarn erfolgt und in einem europäischen Rahmen. Der europäische Kontinent ist damit nachhaltig befriedet worden. Ich will es einmal deutlich sagen: Der 2+4-Vertrag war nicht nur ein Meisterstück der Diplomatie, sondern der vermutlich wichtigste europäische Vertrag seit dem Ende des 30jährigen Krieges.

Und die deutsche Vereinigung 1990 hat die nationale und soziale Frage miteinander verknüpft, anders als dies 1871 der Fall war. Diesen Punkt will ich gerne ein wenig weiter ausführen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Leben mit einem CDU-Politiker besonders verknüpft ist, nämlich mit Jakob Kaiser. Ich habe über ihn meine Magisterarbeit geschrieben, dadurch meinen Doktorvater kennen gelernt, mit ihm zusammen an einer Edition der Reden von Kaiser arbeiten dürfen. Ich bin aktiv in der CDA, den Sozialausschüssen der CDU, deren erster Vorsitzender Kaiser von 1949 bis 1958 war. Und mein Büro in Berlin ist im Jakob-Kaiser-Haus. Ich fand Kaiser, der ja eine Zeitlang innerparteilicher Widersacher von Adenauer war und auch inhaltlich den einen oder anderen Akzent anders setzte, immer spannend. Vor allem aber seinen Hinweis darauf, dass die nationale und soziale Frage zusammengehörten. Das ist natürlich für einen Politiker, dessen Wurzeln in der Zentrumspartei liegen und den Christlichen Gewerkschaften, nicht weiter verwunderlich. Der Gedanke, dass die nationale Einheit eine soziale Einheit voraussetzt war zukunftsweisend. Wir sind keine Nation wenn ein großer Teil der Menschen dieser Nation sozial ausgegrenzt sind. Wir sind aber dann eine Nation, wenn alle die Chance haben, am gleichen Projekt mitzuarbeiten. Wenn keiner ausgegrenzt wird, wenn wir jedem die Chance geben, mitzumachen. Das geht über das kulturelle Verständnis des Nationalen weit hinaus. Nation ist mehr als eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Geschichte. Es ist mehr als das Bekenntnis zu den kulturellen Leuchttürmen von Johann Sebastian Bach bis Thomas Mann. Nation ist auch das Bekenntnis zur Solidarität, zum Miteinander. Nation heißt teilen können und wollen, heißt: die Schwachen nicht alleine lassen und die Armen nicht ausgrenzen.

Die Grundlage dafür haben wir in der Sozialen Marktwirtschaft gelegt. Sie ist aus zwei Gründen sozial: Weil sie den Markt reguliert und den Wettbewerb fördert, also nicht alles dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überlässt. Und weil sie dafür sorgt, dass diejenigen, die unserer Solidarität bedürfen, diese auch bekommen. Weil wir also ein sozialer Staat sind, wie es im Grundgesetz steht. Kaiser hätte gesagt: Das ist der Dritte Weg zwischen dem grenzenlosen Individualismus des Westens und dem umfassenden Kollektivismus des Ostens. Wir sind Personen und keine Mitglieder in Kollektiven, die über uns entscheiden. Als Personen sind wir solidarisch und nicht dem darwinistischen Kampf um das Überleben verpflichtet. Die Soziale Marktwirtschaft ist ein Mittleres zwischen Kapitalismus und Kommunismus.
Wir haben dieses System der Sozialen Marktwirtschaft in der Bonner Republik aufgebaut. Es war eine Erfolgsgeschichte. Und wir haben zu dem Zeitpunkt, als die Einheit auf der Tagesordnung stand, geteilt. Wir waren solidarisch. Die Einheit der Nation hat sich im Willen zu einer sozialen Einheit bewährt. Das ist auch das Neue gegenüber der staatlichen Einheit von 1871. Die Grundlagen unseres Gemeinwesens heute sind stärker, trotz aller Diskussion im Detail, die wir politisch zu führen haben.

Die deutsche Frage, die Europa und uns Deutsche seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Atem gehalten hat, sie ist beantwortet. Als neues Deutschland, als Berliner Republik stehen wir vor neuen Aufgaben. Wir brauchen unseren Platz in Europa und der Welt nicht mehr zu suchen, wir haben ihn gefunden. Wir brauchen keinen Platz an der Sonne, wie es Wilhelm II. formulierte. Und wir sind keine Wanderer mehr zwischen Ost und West; wir haben unseren Platz im zusammenwachsenden Europa. Mit dem 3. Oktober 1990 ist eine lange Geschichte zu Ende gegangen. Nicht nur die Nachkriegsgeschichte und die Geschichte des Kalten Krieges, sondern auch die Geschichte eine viel länger währenden deutschen Identitätskrise, die eigentlich immer den Kern der deutschen Frage ausgemacht hat. Die Frage, was deutsch sei, sei eben die deutscheste aller Fragen, hat Friedrich Nietzsche einmal geätzt. Darüber wird seit 20 Jahren kaum noch geschrieben oder debattiert. Diese Frage ist von der Geschichte beantwortet.

Längst schon stehen wir vor neuen Herausforderungen. Wir stehen nicht mehr im Zentrum der Weltpolitik, wie dies über die vielen Jahrzehnte der Nachkriegszeit der Fall war. Die Soldaten aus Ost und West sind abgezogen. Wir haben abgerüstet. Die Bruchlinien in der neuen Weltordnung, die manchmal eine Unordnung ist, verlaufen in anderen Teilen der Welt. Längst ist der 11. September 2001 zum Kürzel für eine Weltlage geworden, die unübersichtlich ist. Steuern wir, wie es Samuel Huntington in den 90er Jahren prägnant formuliert hat, auf einen Kampf der Kulturen hin? Die Globalisierung tut ein Übriges. Welche Zukunft haben souveräne Staaten in der Globalisierung? Stellt die Entgrenzung der globalen Finanz- und Wirtschaftsströme nicht längst unsere politische Handlungsfähigkeit in Frage?

Ich bin der Überzeugung dass dem heutige Tag der deutschen Einheit auch hier einige Hinweise zu entnehmen sind. Ich will sie ein wenig zugespitzt formulieren. Auch in der Globalisierung braucht der Mensch Heimat, und die hat er konkret in der Familie, in seiner Heimatgemeinde, in seinem Land. Wir sind keine bindungslosen Kosmopoliten, sondern unser Kosmos und unsere Polis sind ganz genau bestimmt. Das ist für mich die Lehre aus dem 3. Oktober und der Geschichte der vergangenen zwanzig Jahre. Wir sind erfolgreich wenn wir unserer Wurzeln gewiss sind.

Wir sind ein offenes und tolerantes Land, aber wir sind nicht beliebig. Unser Zusammenleben beruht auf Wertentscheidungen. Das ist unsere eigentliche Leitkultur. Wir grenzen uns ab, denn nur Grenzen definieren den für uns wichtigen Kern, ohne den wir unser Zusammenleben nicht organisieren können. Das tun andere Nationen auch. In einem zusammenwachsenden Europa ist eine Abgrenzung, die keine Abschottung ist, eine gegenseitige Bereicherung. So wie es Berthold Brecht in der Kinderhymne aus dem Jahr 1950 formuliert hat:

„Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's.
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Der große Historiker Friedrich Meinecke hat Weltbürgertum und Nationalstaat gegenüber gestellt. Wir finden dies häufig: Als Spannung zwischen Kultur und universalen Werten, aber auch im Bewusstsein dessen, das uns unterschiedliche Kulturen zwar trennen, aber es ein gemeinsames Humanum gibt, das uns eint. Wir gehen nicht in der Menschheit auf, denn die Menschheit ist keine Heimat. Aber wir sind bei aller Wertschätzung unserer Traditionen, unseres Gemeinwesens, unserer Kultur und unserer Werte auch weltoffen, neugierig, gastfreundlich, tolerant. Ein fröhlicher Patriotismus, wie er sich etwa bei den Fußball-Weltmeisterschaften 2006 und 2010 gezeigt hat, wäre vor 1989 noch völlig undenkbar gewesen. Vielleicht hat die Vereinigung 1990 auch hier vieles entkrampft, entdramatisiert, aufgelockert. Wir erstarren nicht mehr in verbiesterter deutscher Nabelschau, sondern feiern wie selbstverständlich mit unserer Nationalfahne. Nicht drohend, nicht überheblich, nicht abgrenzend oder ausgrenzend, sondern aus Lust und Lebensfreude. Ich hätte es 1990 nicht für möglich gehalten, das wir so gründlich einmal die Abkehr von der grüblerischen und von Selbstzweifeln geprägten Selbstbespiegelung erleben.

Aber das ist nun bereits die dritte Fehleinschätzung, zu der ich mich bekenne. Und bevor ich im Laufe der Rede versucht bin, noch weitere zu entdecken, will ich hier zum Ende kommen. Ich freue mich über meine Fehleinschätzungen von damals. Ich freue mich über die unerwartete geschichtliche Chance von 1989 und 1990 und was wir daraus gemacht haben. Nicht nur Einigkeit und Recht und Freiheit; sie sind, wie es im Text der Nationalhymne heißt, des Glückes Unterpfand. Sie sind Voraussetzung für ein gutes Leben, für ein glückliches Leben. Im Glanze dieses Glückes zu blühen, wie es im Text dann weiter heißt, geht weit über die Politik hinaus. Es geht in das Private und zeigt, wie sehr die Ordnung eines Staates und die Möglichkeit, ein gutes Leben zu führen, sich gegenseitig bedingen. Und vielleicht ist wenigstens das typisch deutsch: Nicht vom Stolz zu sprechen, von Blut und Kämpfen, Ruhm und Ehre, sondern schlicht vom Glück. Das schließt ein wenig den Kreis. Ich hatte zu Anfang von einem Glücksfall gesprochen, jetzt bin ich beim Thema Glück gelandet. Der 3. Oktober markiert einen Glücksfall. Denn wer außer uns kann schon den Nationalfeiertag, den Tag der deutschen Einheit nutzen, um vom Glück zu sprechen?

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