Die Zeiten sind hart, aber modern: so ein italienisches Sprichwort. Eine seltsame Umkehrung einer Hoffnung, die am Anfang der Moderne stand: Den Menschen nämlich aus Abhängigkeit und Unmündigkeit zu befreien, ihm das Leben auf vielfältige Art angenehmer zu machen, durch moderne Errungenschaften das harte Los der Menschen zu erleichtern. Am Beginn der Moderne stand der souveräne Staat, der den Menschen beschützte, seine Sicherheit garantierte, schrittweise zum Rechtsstaat wurde und sich um das Gemeinwohl bekümmerte. Am Beginn der Aufklärung stand der Satz des Königsberger Philosophen Immanuel Kant, die Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Am Beginn der modernen Wirtschaftsordnung stand die Hoffnung des schottischen Moralphilosophen Adam Smith, die Arbeitsteilung könne zu einer Steigerung der Produktivität führen, die das Volkseinkommen insgesamt hebe. Und am Beginn der Industrialisierung stand das Versprechen, die harte menschliche Arbeit durch Maschinen zu erleichtern und damit das biblische Verdikt, der Mensch müsse sich im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen, abzumildern.

Hehre Ziele, gewiss. Damit stellte sich der Mensch in den Mittelpunkt des Universums. Nicht mehr Gott ist nun das Maß aller Dinge, sondern der Mensch. Wahr wird, was der Mensch gemacht hat oder machen kann, verum quia faciendum: Hans Freyer spricht von der Machbarkeit der Sachen, die bis tief in die Gestaltung der Gesellschaft hineingeht und sich häufig unhistorisch geriert.

Tiefer Ausdruck dieser Geisteshaltung ist der Versuch, menschliches Zusammenleben rational zu erfassen, zu planen, nach Art der Geometrie, more geometrico: Das betrifft sowohl die Staatsphilosophie etwa eines Thomas Hobbes, aber es schlägt sich auch in den städteplanerischen Visionen barocker Residenzstädte nieder, die in einem Wurf geplant werden. Auch bestehende Stadtstrukturen blieben davon nicht verschont. Die qualvolle Enge und verschachtelte kleinräumige Architektur der Kernstädte wurde als nicht mehr zeitgemäß empfunden. An vielen Orten wurden die alten Wallanlagen abgeräumt, mittelalterliches Erbe bisweilen ganz unsentimental aufgegeben. Neue Stadtteile wurden großzügiger und luftiger angelegt, im 19. Jahrhundert wurden Bahnhöfe die Kathedralen der neuen Zeit. Das moderne industrielle Zeitalter hat seine eigene Formensprache entwickelt, vom verspielten Jugendstil bis hin zu der strengen Sachlichkeit des Bauhauses, vom großzügigen Bürgerhaus bis zum aufwärts strebenden Wolkenkratzer.

Sicherlich, auch die Moderne hat den Eigenwert des historisch Gewachsenen anerkannt; zu einem kompletten architektonischen Kahlschlag älterer Bausubstanz ist es selbst im modernisierungsfreundlichen Paris des 19. Jahrhunderts nicht gekommen. In Deutschland war schon die historistische Grundstimmung des 19. Jahrhunderts eine Garantie gegen eine allzu modernisierungsorientierte Stadtplanung. Aber der Kahlschlag ist vielerorts durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erfolgt. In Städten wie Köln, Kassel oder Frankfurt sanken die historischen Stadtkerne in die Trümmer des Dritten Reiches. Dies wurde nicht nur als Verlust, sondern nun auch als eine Chance des Neubeginns gesehen: Anstelle der zerstörten kleinräumigen Strukturen entstanden neue Gebäude, Nutzungen und Wegestrukturen, in denen sich zeitgemäßes stadtplanerisches Denken manifestierte. Ein Übermaß an gestalterischem Enthusiasmus bescherte uns die autofreundliche Stadt oder ein Bauen gemäß dem als zeitgemäß empfundenen internationalen Bauhausstil. Aber schon in den sechziger Jahren wurde diese Art des Bauens beklagt, weil sie einen Lebensraum schaffe, der der Anonymisierung und der Individualisierung Vorschub leiste.

Die Unwirtlichkeit der Städte hat dies Alexander Mitscherlich einmal genannt; Städte würden zu kontrastlosen Lebensräumen, funktionell entmischt und seien einem konstruktivem Sozialverhalten eher abträglich. Hier zeigte sich die ganze Ambivalenz der Moderne, aber auch die Grenzen sozialtechnologisch verstandener Planung. Städte, die auf einem Reißbrett entstehen, können Menschen nicht beheimaten. Und auch der bisweilen rastlose Veränderungsdrang mancher nordamerikanischer Städte scheint sich daraus zu erklären. Hier ist nichts was den Menschen emotional einzuhausen in der Lage ist. Folglich ist dort auch wenig, was den Menschen wichtig ist. Kein Mensch käme auf die Idee, die Twin Towers zu rekonstruieren.

Nach dem Krieg wurden in Frankfurt nur wenige historische Gebäude wieder hergestellt, so etwa die Paulskirche und der Römer als Orte nationaler Erinnerung, aber durchaus den Erfordernissen der Zeit angepasst. In anderen Fällen ist der Wiederaufbau aus vielerlei Gründen über Jahre hinweg unterblieben, so in Frankfurt mit der Ostzeile des Römerberges oder der Alten Oper, in Dresden mit der Frauenkirche. Aber hier hatte der Wiederaufbau ein starkes Argument, da über viele Jahre eine Bauruine oder eine Leerstelle das Zerstörte markiert hat. Anders verhält es sich jedoch, wenn das Alte schon verschwunden und durch Neues ersetzt war, wie etwa im Fall des Stadtschlosses in Berlin oder auch der historischen Altstadt in Frankfurt. Die kollektive Erinnerung daran ist erloschen, weil keine Bauruine Statthalter des Gewesenen war. Nachfolgende Generationen sind nicht mit einem Schmerz über eine offene Wunde aufgewachsen, sondern in der Gewöhnung an eine andere Bebauung und Nutzung.

Nun mag man sowohl im Fall des Palasts der Republik in Berlin wie auch des Technischen Rathauses in Frankfurt seine Zweifel haben, ob diese sich gelungen in das Stadtbild einfügten. Zumindest das Technische Rathaus galt zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung in der Fachwelt als architektonisch vorbildlich. Es abzureißen war dennoch richtig; aus dem als Kontrast geplanten Waschbetonbau ist mehr und mehr eine bleibende, eine schrille architektonische Dissonanz geworden. Woher kommt aber die Nachdrücklichkeit, mit der eine Rückkehr zu einer alten, einer vormodernen Bebauung eingefordert wird? Hat es vielleicht weniger mit der Ästhetik zu tun als mit dem Eindruck, das Versprechen der Moderne habe sich nicht erfüllt? Ist die Flucht in die Vision einer kleinteiligen Fachwerkbebauung nicht eine Flucht aus der Moderne, aus ihren Brechungen und Anforderungen, aus ihren Zumutungen und Mühen?

Richtig ist ja: Die Moderne ist ausgesprochen ambivalent. Der Befreiung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit steht seine Entwurzelung entgegen. Der Sicherheit im Rechtsstaat steht die Unsicherheit im wirtschaftlichen Geschehen gegenüber. Die Steigerung von Produktivität ist vielfach von einer Entfremdung der Menschen begleitet. Und das technische Mirakel der Maschinen hat für viele auch die Bedrohung eines nicht mehr kontrollierbaren Leviathans angenommen. Kurz, die vielen verlockenden Zukunftsperspektiven der Moderne haben ihren Preis gehabt. Das Leben ist unübersichtlicher, unsicherer geworden, die Risiken sind gestiegen. Die Zeiten sind hart, aber modern.

Kann es da verwundern dass der Begriff der Heimat heute wieder anrührend klingt und verheißungsvoll? Heimat suggeriert etwas organisch Gewachsenes, unterstellt Zugehörigkeit und Geborgenheit, die gerade im Zeitalter der Globalisierung verloren zu gehen drohen. Heimat hat etwas mit Geschichte zu tun, mit dem langsamen Werden von Strukturen, dem Hergekommenen, dem Bleibenden. Beheimatet zu sein heißt, in einer Tradition zu stehen und sich zu dieser zu bekennen, Heimat verheißt Schutz vor allzu schnellem Wandel, festen Grund in einer Zeit beschleunigten Wandels, vielleicht auch ein wenig Abwehr gegen die modernen Zeiten und ihre Zumutungen. Da liegt der Gedanke nahe, auch sonst die Tradition wieder herauf zu beschwören. Das Berliner Stadtschloss wird zum Statthalter einer Zeit, in der ein benevolenter Absolutismus noch die Geschicke des Einzelnen bestimmte, die gotische Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt zu einer vormodernen Stätte zum Platzhalter einer Sehnsucht nach Gemeinschaft, der die Risiken moderner Lebensführung noch unbekannt waren.

Diese Sehnsucht nach dem Anderen ist aber problematisch. Gehören nicht zur Geschichte der Frankfurter Altstadt auch die drangvolle Enge der Bebauung, die unzureichenden sanitären und hygienischen Verhältnisse, die Ärmlichkeit der Lebensführung? Gehört nicht zum Berliner Stadtschloss auch die wilhelminische Großmannsucht, die unruhige und ziellose Politik, die letztendlich zur Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs geführt hat? Überkommene Baudenkmäler tragen diese Ambivalenz immer mit sich. Sie sind Stein gewordene Zeugen der Vergangenheit, und zwar in all ihren Dimensionen. Rekonstruierte Baudenkmäler aber sind der Versuch einer nur partiellen Aneignung der Vergangenheit; sie stehen in Gefahr, Kulisse zu werden, weil sie keine Lebenswirklichkeit einschließen. Sie stellen die Gegenwart unter die Vergangenheit. Sie verneinen die Möglichkeit einer modernen Formensprache für historisches Gelände. Sie sind letztlich eine nachholende Traditionalisierung. Die entscheidende Frage aber lautet: Lässt sich Heimat und Tradition ganz im Sinne des instrumentellen Denkens der Moderne einfach machen? Stehen wir nicht in Gefahr die richtigen Ziele mit den falschen Mitteln erreichen zu wollen?

So sagt die ganze Diskussion über die Altstadt etwas über unsere doch sehr unsichere Identität aus. In der Moderne fühlen wir uns nicht zu Hause, wir wollen vor ihren Anforderungen kapitulieren, vor allem aber: Wir trauen ihr keine Formensprache in der Architektur zu, die uns anspricht, gerade an einem historischen Ort. Wir wollen zurück in die Vergangenheit, aber entleert von der Lebenswirklichkeit, die diese Vergangenheit geprägt hat. Wir wollen zurück in eine Zeit in der das Gewicht der Tradition gilt und wir nicht aufgefordert sind, uns immer wieder neu zu erfinden und zu definieren. So verrät die Bebauung der Altstadt etwas über unsere Befindlichkeiten, unsere Sehnsüchte, aber auch unsere fragmentierte Identität. Der Erfolg Frankfurts als global city beruht nicht zuletzt darauf, dass wir uns auf die Moderne eingelassen haben. Damit sind wir international, aber auch verwechselbar geworden. Das Herzstück, die Seele dessen, was den Bürgerstolz ausmacht, droht im Strom der Globalisierung unterzugehen. Wir sind mit Gleichartigkeit geschlagen. Die überall gleichen Ketten und Marken dominieren. Richtig ist aber auch: Identität wird durch Unterscheidbarkeit gewonnen. Hier setzt die Debatte um die Altstadt an. Sie ist eine Debatte um die Möglichkeit von kultureller Unterscheidbarkeit in einer globalen Konsumkultur, eine Debatte über das Konfliktverhältnis von kosmopolitischem Weltbürgertum und lokaler Identität. Aber sie ist eben auch ein Verdikt über die Moderne und der Versuch der Wiederaneignung einer bereinigten Tradition, über die die Moderne vielleicht schon ihr abschließendes Urteil gefällt hat.

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