Meine Gründe für ein Verbot der PID sind, neben den vielen hier vorgetragenen, im wesentlichen zwei.

Der erste Grund ist, dass wir mit allen Varianten einer eingeschränkten Zulassung der PID aus einem prinzipiellen Verbot einen graduellen Erlaubnisvorbehalt machen. Das ist ein bedeutender qualitativer Unterschied. Wir unterwerfen eine Frage, die zutiefst an das Humanum greift, dem Reich der Utilitäten.  Ich anerkenne die Beweggründe der beiden anderen Gruppenanträge. Jedoch: Ist erst einmal die Tür geöffnet, mit dem das Verwerfen von Embryonen gerechtfertigt wird, können neben den vorgebrachten Gründen lebensbedrohender Krankheiten und der Lebensfähigkeit andere Kriterien treten, ohne grundsätzlich nachrangig zu sein. Es gibt keinen systematischen Grund, nicht auch andere Krankheitsbilder oder sonstige  genetische Fehldispositionen zum Verwerfungskriterium zu machen. Aber gerade genetische Fehldispositionen können in besonderer Weise gesellschaftlichen Moden oder Zwängen unterworfen sein. Der Abschied von einem prinzipiellen Verbot führt unweigerlich in Erlaubnisspiralen, an deren Ende das Designerbaby steht. Günther Anders hat einmal von der prometheischen Scham des Menschen gesprochen, weil er ein Gewordener, nicht ein Gemachter ist. Diese prometheische Scham wäre mit der Möglichkeit, Kinder nach Wunsch zu erschaffen, ebenso überwunden wie die Differenz von Schöpfer und Geschöpf. Dies bedeutet aber das endgültige und nicht mehr reversible Eindringen technischer Rationalität in das Geschenk der Schöpfung.

Demgegenüber gilt, und dies ist der zweite Grund meiner Ablehnung der PID, dass Christus alle Menschen gerettet hat. Wir haben deshalb kein Recht, die Schwachen am Betreten der Welt zu hindern. Ich habe den Verdacht, dass dahinter durchaus eine problematische Sichtweise auf die Natur Gottes und seiner Schöpfung steht. Wenn es Gott nicht gebe, sei alles erlaubt, hat Dostojewski einmal gesagt. Aber auch, wenn der Begriff Gottes, wie es die nominalistische Theologie getan hat, nicht mehr in der Liebe und der Personalität, sondern im Willen, also dem Absolutismus von Gott als Vater begründet wird, stellen sich unbequeme Folgefragen. Carl Schmitt hat darauf hingewiesen das theologische Debatten in die Politik einwandern. Dies ist auch in der Frage erfolgt, ob der Wille Gottes über allem steht oder die Welt und der Ratschluss Gottes der Vernunft zugänglich sind, Gott mithin als ein an die Vernunft gebundener Gott wesensmäßig zu erkennen ist. Diese unterschiedlichen, unvereinbaren Konzeptionen haben direkten Einfluss auf die Frage, ob wir Menschen uns als ein Teil der Natur und der natürlichen Ordnung empfinden oder, wie es in der Moderne bisweilen im Anschluss an Descartes oder Nietzsche diskutiert worden ist, ob wir selbst die souveränen Einheiten sind, die auch gegen die Natur und die natürliche Ordnung agieren können. Die Natur dadurch zu beherrschen, dass wir entscheiden, welcher Art von Menschen wir es erlauben, die Welt zu bevölkern, war Ausgangspunkt der eugenischen Bewegung etwa in den USA der 1920er Jahre. Euthanasie, Geburtenkontrolle und eine radikale Form des Darwinismus wirkten hier zusammen mit dem Ziel, eine Form des genetischen „social engineering“ zu betreiben. Diese Konzeption der unbegrenzten Souveränität des Menschen in der Geschichte führt letztlich in den moralischen Nihilismus; gerade in Deutschland sind wir dafür in besonderer weise sensibel.

Der Mensch ist nicht souverän, sondern Teil einer natürlichen (und historischen) Ordnung. Als Person ist er dialogisch angelegt und mit Würde ausgestattet, die es ihm gebietet, andere Menschen als Zwecke in sich selbst anzuerkennen. Die Rechtspflicht, das ungeborene menschliche Leben zu schützen hat Vorrang gegenüber der Möglichkeit des bloß technisch Machbaren. Deshalb plädiere ich für ein Verbot der PID: Sie geht von einem problematischen Menschenbild aus, von einer beinahe göttlichen Anmaßung, die für mich weder theologisch noch philosophisch auf der Höhe der Zeit zu sein scheint.

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