Auf der Flucht vor dem Klimawandel

Vier Tage mit einer Delegation des Deutschen Bundestages in Bangladesch

Die 25jährige Rifah zeigt uns voller Stolz ihre wenigen Habseligkeiten: Ein paar Hühner scharren in einem Vorgarten, in einem Stall finden wir zwei Ziegen. Der Stall ist auf Stelzen gebaut, etwa einen knappen Meter über der Erde. Das kleine Häuschen ist sehr provisorisch, eine fragile Konstruktion aus Brettern und Wellblech. Ihr Mann, erzählt sie, sei als Tagelöhner unterwegs, um das Familieneinkommen zu verbessern. Rifah hat ein kleines Kind, etwa drei Jahre alt. Sie macht einen fröhlichen, aufgeschlossenen Eindruck, der durch das bunte Gewand, das sie trägt, nur noch verstärkt wird. Dabei hat sie wenig Grund zur Freude. Vor vier Jahren musste sie ihre Heimat im Süden von Bangladesch verlassen. Steigende Wasserpegel hatten dazu geführt, dass ihr Dorf unbewohnbar wurde. Nun ist sie hier in Khulna, einer Stadt im Südwesten und lebt dort mit achtzig weiteren Familien in einem Slum am Rande der Stadt. Die hygienischen und sanitären Bedingungen sind schlecht, sauberes Wasser ist Mangelware. Alleine in Khulna, so wird uns erzählt, leben knapp 400,000 Klimaflüchtlinge. Steigende Wasserpegel und die Versalzung der Süßwasserzonen haben sie gezwungen, die Heimat zu verlassen. In ganz Bangladesch sind es über sechs Millionen Menschen. Und es können mehr werden. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgetragen was passiert, wenn die Polkappen komplett schmelzen: Für Bangladesch bedeutet dies den Verlust von 90 Prozent des Territoriums. Das Szenario ist keinesfalls unwahrscheinlich, so Schellnhuber, denn bereits heute sehen wir Veränderungen in dem Profil der Erde. Der Mensch ist selbst eine geologische Kraft geworden, so Schellnhuber; die Bezeichnung dafür ist „Anthropozän“.

Rifah weiß nichts über das Anthropozän. Sie will nur drei Dinge: Ein eigenes Haus, sauberes Wasser, gute sanitäre Bedingungen. Aber woher nehmen? Der Bürgermeister von Khulna, Talukder Abdul Khaleque, erzählt uns, dass die Stadt aus allen Nähten platzt. Die Einwohnerzahl ist in den letzten zwanzig Jahren deutlich angestiegen; Landflucht ist einer der wichtigsten Gründe. Ob denn die Regierung hier Hilfestellung leiste? Der Bürgermeister zuckt mit den Schultern. 85% der Sozialausgaben gehen in den ländlichen Raum, sagt er. Für die Städte und ihre Anpassungsprobleme bleibe nur wenig. Er verweist auf die Hilfe, die von der Europäischen Union und der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit geleistet werde. Dafür sei man dankbar.

Wenig später sind wir im Trainingszentrum für Landwirte; es geht um Ziegenzucht für Klimamigranten. Dort treffen wir Rifah wieder. Die Idee ist es, Ziegenzucht zu einer Nebeneinkunft zu machen. Vor allem Frauen sind hier angesprochen. Sie werden in Grundlagen der Ziegenzucht unterrichtet: Von der Zubereitung des Futters bis hin zu häufigen medizinischen Problemen von Ziegen und dem Umgang damit. Der Klassenraum ist mit weiteren 30 Frauen gefüllt, alle mit dem gleichen Schicksal: Sie sind irgendwann einmal in der Stadt angespült worden. Sie haben ihre Heimat verloren und müssen neu anfangen. Häufig haben die Männer als Fischer gearbeitet, nun werden die Frauen zu Landwirtinnen ausgebildet. Und die Männer? Wer nicht das Glück hat eine reguläre Arbeitsstelle zu finden, der arbeitet auf dem Tagelöhnermarkt. Der Druck ist groß, denn immer neue Migranten erreichen Khulna. Nicht alle haben die Möglichkeiten, die sich für Rifah nun eröffnet haben; ob es reichen wird, ein zufriedenes, auskömmliches Leben zu führen?

Der Klimawandel ist für diese Migranten bereits zur Klimakatastrophe geworden. Dabei ist klar: Die globale Erwärmung, die dies alles verursacht, wird wesentlich durch fossile Brennstoffe befeuert. Umso erstaunter sind wir als wir ein Vorzeigeprojekt in der Nähe von Khulna besichtigen: Ein riesiges Kohlekraftwerk, gebaut von einem indisch-bengalischen Konsortium in Rampal von einer deutschen Firma. Der indische Direktor erklärt uns, man wolle vor allem Kohle aus Südafrika und Australien verarbeiten, die sei energieeffizienter. Dazu müssen die riesigen Kohleschiffe aber die Flussläufe hinauf fahren, vom Golf von Bengalen aus. Würde das, so fragen wir, nicht die Sundurbans gefährden, den größten Mangrovenwald der Welt, der als UNESCO Weltnaturerbe eingetragen ist? Der Direktor winkt ab, es seien alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen und man sei sich der Probleme bewusst. Wir fragen einen Vertreter der deutschen Firma. Er erweist sich als sehr offen. Ja, man habe in der Firma intensiv darüber diskutiert, ob man ein solches Projekt verantworten könne. Zwei Überlegungen hätten letztendlich den Ausschlag gegeben. Zum einen habe man über 50 Jahre gute Beziehungen nach Bangladesch aufgebaut, die wollte man nicht gefährden. Und zweitens sei Bangladesch entschlossen, das Kraftwerk zu bauen. Wenn nicht mit Deutschland, dann mit Russland oder China, und die seien weniger klimabewusst. Das ist eine der Antworten, die zwar einleuchten, aber nicht befriedigend sind. Warum muss das Kraftwerk ausgerechnet hier gebaut werden? Wir haben den Verdacht, man wolle mit dem Kraftwerk die Grundlage für eine größere Industrieansiedlung legen, in unmittelbarer Nähe zu dem Nationalpark. Ökologie und Ökonomie – in Deutschland sind wir immer schnell dabei, dies für miteinander vereinbar zu erklären. Hier scheint es das nicht zu sein.

Wir besuchen die Premierministerin, Sheikh Hasina Wajed. Sie ist eine stille Frau mit einem berührenden Schicksal: Sie ist die Tochter des Staatsgründers Sheikh Mujibur Rahman. Ihr Bild und das ihres Vaters sind beinahe allgegenwärtig in Bangladesch. Schon am Flughafen grüßten uns die Porträtfotos der beiden. Als ihr Vater und mehrere Familienmitglieder 1975 bei einem Putsch ermordet wurden, war sie mit ihrem Mann in Deutschland. Sie entschied sich für ein Leben in der Politik. Nur sechs Jahre später wurde sie im Exil zur Vorsitzenden der Partei Awami League gewählt. Es ist die Partei ihres Vaters, die Partei, mit der ihr Vater die Unabhängigkeit von Pakistan erkämpft hatte in einem grausamen Krieg, dem mehr als 3 Millionen Bengalen zum Opfer gefallen waren. Ich erinnere mich vage: Die Konzerte 1971 für Bangladesch, die von George Harrison organisiert worden waren als eine Reaktion auf den brutalen Massenmord und den Krieg. Bob Dylan hatte damals mitgewirkt, Eric Clapton, Ravi Shankar und viele andere. Ich erinnere mich an das Lied Bangladesch: „Bangla Desh, Bangla Desh, / Where so many people are dying fast“ von George Harrison. Juliane Werding hat dieses traurige Lied dann ins Deutsche übertragen. Es war eine Zeit des Mordens, die noch heute Wunden hinterlässt. Das 1996 errichtete Museum des Befreiungskrieges zeigt teilweise kaum erträgliches Anschauungsmaterial dieses vergessenen Krieges.

Das ist der Hintergrund der Premierministerin, die 1996 zum ersten Mal in das Amt gewählt worden ist und seit 2009 ununterbrochen regiert. Sie kennt das Leiden, die Entbehrung, das Schicksal der Vertreibung. Deutschland habe sei damals gut aufgenommen, sagt sie. Wir fragen sie nach Rifah, ihrem Wunsch nach einem Grundstück. Die Premierministerin lächelt und sagt: Wir sind das am dichtesten besiedelte Land der Welt. Ich brauche alles verfügbare Land, um Landwirtschaft zu betreiben. Ich muss meine Menschen ernähren können.

Bangladesch ist weniger als halb so groß wie Deutschland, hat aber doppelt so viele Einwohner. Hinzu kommt: nur ein kleiner Teil des Landes ist bewohnbar. Und was ist mit dem Kohlekraftwerk, fragen wir? Man brauche Entwicklung in Bangladesch, antwortet die Premierministerin. Und dafür brauche man Energie. Noch steige die Bevölkerungszahl in Bangladesch, und das mit der Aussicht, durch den katastrophalen Klimawandel absehbar weniger Land zur Verfügung zu haben. Deshalb muss es auch eine Perspektive für industrielle Entwicklung geben.

Sheikh Hasina war kürzlich in München, als Teilnehmerin der Münchner Sicherheitskonferenz. Sie war eine Podiumsteilnehmerin, die auf die Thesen von Hans Joachim Schellnhuber antwortete. Man habe viele Maßnahmen ergriffen, um der Versalzung entgegen zu wirken, besserer Schutz für die Menschen, Maßnahmen, um die Widerstandskräfte zu stärken. Ob dies ausreicht? Wir bleiben skeptisch, denn die globale Erwärmung ist das Hauptproblem und entzieht sich einer rein nationalen Lösung. Uns wird aber deutlich: Dieser Klimawandel ist als Klimakatastrophe eine Bedrohung der Sicherheit, nicht nur in Bangladesch. Was passiert, wenn die Wasserpegel steigen und in Bangladesch mehr und mehr Menschen auf immer weniger Raum zusammengedrängt werden? Auf diese Fragen weiß auch Sheikh Hasina keine Antwort. Der Schlüssel zur Lösung der Klimakatastrophe liegt in den Händen derjenigen Länder, die am meisten dazu beitragen, also auch bei uns in Deutschland. Und hier, sagt Sheikh Hasina, haben wir seit den ersten Klimakonferenzen wenig Fortschritt gesehen. Schellnhuber hatte hierzu unlängst einen Vorschlag gemacht: Ein Klimapass für diejenigen, die von der Klimakatastrophe betroffen sind, zur Einreise in diejenigen Länder, die sie verursacht haben. Ein tollkühner Vorschlag mit wenig Aussicht, jemals umgesetzt zu werden. Er macht aber deutlich, wo die Verantwortung liegt und wer sich ihr stellen muss.

Wir tun uns in Deutschland unendlich schwer mit der Erreichung unserer Klimaziele. Der Kohlekompromiss sieht vor, dass das letzte Kohlekraftwerk erst 2038 abgeschaltet wird. Die Umstellung auf klimaneutralen Verkehr geht nur schleppend voran. Immer wieder kommen kurz- und langfristige Ziele miteinander in Konflikt. Ja, wir wollen das Klima retten, aber nicht zu Lasten der Arbeitsplätze. Ja, wir wollen eine andere Verkehrspolitik, aber dabei nicht die deutsche Automobilindustrie zerstören (und damit viele Arbeitsplätze). Und in der Logik der Politik will man bei der nächsten Wahl wiedergewählt werden, nicht bei den Wahlen 2038. Ich denke an Rifah und ihre Ziegen. Vielleicht werden es in 2038 ihre Kinder sein, die erneut wegen des Klimas flüchten müssen. In Bangladesch könnten diesem Klimawandel mehr Menschen zum Opfer fallen als durch den Unabhängigkeitskrieg. Vielleicht wird es Bangladesch sein, dass einen ersten Klimakrieg erlebt als ein Kampf ums Überleben auf einer immer kleiner werdenden Landfläche. Auf jeden Fall aber, so fürchte ich, werden es Rifahs Kinder sein, die erneut ein trauriges Lied über Bangladesch singen und uns dabei klagend ansehen.

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