Das System für moderne Dienstleistungen auf dem Arbeitsmarkt (Hartz I-IV) hat eine Gruppe kaum erreicht: Die Langzeitarbeitslosen. Ihre Anzahl ist seit Jahren weitgehend stabil, ihr Anteil an den Arbeitslosen insgesamt jedoch gestiegen. Über viele Jahre ist versucht worden, durch eine Feinjustierung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente diesen Missstand zu beheben. Ziel war dabei immer die schnelle Integration in den regulären Arbeitsmarkt. Aus dem Blickfeld geraten sind dabei allerdings diejenigen, die nur sehr schwer durch die klassischen Instrumente erreichbar sind. Sie fallen durch das Netz der Hilfe durch. Sie gelten einerseits noch als erwerbsfähig, können also nicht in die klassische Sozialhilfe hineingesteuert werden. Andererseits gleiten die Aktivierungsmaßnahmen an ihnen ab, aus den unterschiedlichsten Gründen. Resultat ist eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit verbunden mit einer verfestigten Perspektivlosigkeit. Dieser Teufelskreis sich gegenseitig verstärkender Nachteile ist bislang nicht aufgebrochen worden, wenngleich es an Ideen dazu nicht mangelt.

Ein Grundproblem des Teufelskreises ist das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Dies geht häufig einher mit einer gefühlten Herabsetzung durch den Mangel an sozialer Anerkennung. In der Folge lösen sich soziale Bindungen auf und wichtige soziale Kompetenzen gehen verloren. Feste Tagesstrukturen verschwimmen; das färbt auf die unmittelbare soziale Umgebung ab. Die „Vererbung“ von Langzeitarbeitslosigkeit hat hier eine ihrer Wurzeln.

Aus Sicht einer nachhaltigen Sozialpolitik ist das kontraproduktiv. Der Einsatz von Steuergeldern soll den Kriterien der Effizienz und der Nachhaltigkeit genügen. Effizienz alleine sagt etwas über die gegenwärtige Kosten-Nutzen-Relation aus, Nachhaltigkeit etwas über die langfristige Relation von Kosten und Nutzen. Wenn die Bedingungen der Gewährung von Leistungen nach SGB II zwar das soziokulturelle Minimum sichern, langfristig aber zu schlechteren Beschäftigungs- und Teilhabemöglichkeiten führen, dann sind diese Mittel zwar effizient, aber nicht nachhaltig eingesetzt. Leider ist dies sehr häufig der Fall. Der lange Bezug von Leistungen führt zu verfestigten Verhaltensmustern, die den Beschäftigungs- und Teilhabemöglichkeiten entgegenstehen.

Deswegen sollten wir die Entstehung solcher Verhaltensmuster im Ansatz unterbinden. Das geht allerdings nur, wenn den Menschen der Eindruck vermittelt wird: „Es mag vielleicht auf dem regulären Arbeitsmarkt (augenblicklich) für Dich keine Möglichkeit geben, aber trotzdem wirst Du gebraucht!“ Damit wird man sicherlich nicht alle langzeitarbeitslosen Leistungsbezieher erreichen können, aber doch einen Teil derer, die Wert auf Teilhabe legen und sich dazu auch in der Lage fühlen.

Teilhabe heißt nicht Teilnahme am regulären Arbeitsmarkt, sondern Tätigkeiten in marktfernen, hauptsächlich ehrenamtlichen Bereichen, von denen ein Nutzen für das Gemeinwohl ausgeht. Die öffentliche Hand kann viele dieser Aktivitäten nur begrenzt unterstützen, sie sind aber für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft eminent wichtig: Nachbarschaftshilfen etwa, das Engagement für den Umweltschutz oder Menschenrechte, kulturelle Aktivitäten von freien Theaterprojekten bis hin zu Karnevalsvereinen, Vereinssport auf der Amateurebene und vieles andere mehr. Hinzu kommen Tätigkeiten für die öffentliche Infrastruktur, für die es keine Mittel gibt: Etwa für Kiezläufer, die Probleme von Sicherheit und Sauberkeit melden, im Quartiersmanagement, in der niedrigschwelligen Nachbarschaftshilfe. Das ist, anders als die bisherigen Arbeitsgelegenheiten, gerade nicht auf eine schnelle Integration in den ersten Arbeitsmarkt angelegt, sondern hat ausschließlich den Aspekt der Teilhabe zum Gegenstand. Für die Integration in den Arbeitsmarkt sind marktnahe Tätigkeiten sinnvoll, etwa in Form von Lohnkostenzuschüssen oder einem sozialen Arbeitsmarkt. Es stimmt: Es ist immer besser, Arbeit zu finanzieren als Arbeitslosigkeit. Auch dann, wenn die Arbeit „nur“ auf die gesellschaftliche Teilhabe abzielt. Das entspricht auch dem christlichen Menschenbild.

Der Anreiz für den Langzeitarbeitslosen bestünde neben der Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe in zusätzlichen Leistungen etwa in Form von kostenloser Nutzung des ÖPNV oder einer Mehraufwandentschädigung. Darüber hinaus wäre er während der Teilhabezeit von allen Aktivierungsmaßnahmen der Grundsicherungsstelle ausgesetzt. Mit anderen Worten: Er bleibt während dieser Zeit aktivierungs- und sanktionsfrei. Während die klassischen Arbeitsgelegenheiten arbeitsmarktnah erfolgen müssen um erfolgreich zu sein, sollen die Teilhabemöglichkeiten eben nur auf die (unterstützte und begleitete) gesellschaftliche Teilhabe abzielen und nicht auf eine Integration in den Arbeitsmarkt.

Aber auch für die anderen Beteiligten wäre ein solches Teilhabemodell lohnend: Es könnte die ehrenamtliche Arbeit vor allem dort unterstützen, wo keine eigenen finanziellen Mittel vorhanden sind, aber auch für ein Plus an Lebensqualität sorgen. Für den Grundsicherungsträger könnte es eine deutliche Verwaltungsvereinfachung darstellen. Während der Dauer der Teilhabe muss keine Aktivierungsmaßnahmen mehr geplant oder vorgenommen werden. Allenfalls müsste einmal im Jahr ein Gespräch mit dem Grundsicherungsträger stattfinden; die Maßnahme selbst könnte ohne Begrenzung immer wieder verlängert werden. Sie wäre damit praktisch unbefristet, anders als die bisherigen Arbeitsgelegenheiten. Vielleicht ergibt sich durch die Teilhabemöglichkeit der Abbau von Vermittlungshemmnissen und eine reale Perspektive, wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren zu können. Die Kosten wären jedenfalls insgesamt überschaubar, der Nutzen für den Einzelnen und die Gemeinschaft aber erheblich. Der Arbeitsmarkt kann einen Einzelnen vielleicht nicht „gebrauchen“, aber für die Gesellschaft muss gelten: Wir brauchen jeden Einzelnen und wollen, dass er teil hat an der sozialen Gestaltung unserer Gemeinschaft. 

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