Rede zum Festkommers des Frankfurter Wingolf am 3. März 2018

In alten Karten aus dem 16. Jahrhundert findet sich am Rande der bekannten Welt, dort, wo die terra incognita ansetzt, der Hinweis: Hic sunt dracones, hier sind Drachen. Häufig war diese Welt dann auch von anderen Fabelwesen bevölkert, in jedem Fall war sie aber fremd, unheimlich, eben jenseits der Grenzen des Zivilisierten. Die Aufklärung machte sich daran, die terra incognita zurück zu drängen in der rationalen Durchdringung und Vermessung der inneren und äußeren Welt. Wir kennen sie mittlerweile gut, unsere äußere und auch innere Welt, durch die Arbeit von Forschern und Entdeckern, von Medizinern und Psychologen, von Physikern, Geographen und Kosmologen: Keine Drachen, nirgendwo. Und doch entsteht heute zunehmend der Eindruck von Rissen in der Raum-Zeit, in der die Drachen wiederkehren: Nicht am Rande der bekannten Welt, sondern mitten unter uns. Hic sunt dracones, hier und jetzt. Das, was einmal gebannt schien, ist wiedergekehrt. Nicht im beschaulichen Hogwarts, sondern in unserer Gegenwart.

Drei Beispiele:

Als Student glaubte ich den Stein der Weisen gefunden zu haben mit der habermasschen Figur des zwanglosen Zwangs eines besseren Arguments. Das war die Lebensweise, die sich für vernunftbegabte Menschen ziemte: Sich nur von Argumenten und ihrer Kraft überzeugen lassen. Die Wirklichkeit konnte argumentativ erfasst, aufgearbeitet werden. Für Probleme gab es nur eine begrenzte Anzahl von Lösungen, hatte man erst einmal die Dimension des Problems erfasst. Sicherlich, dahinter steckten noch Reste der Planungseuphorie der siebziger Jahre, aber die Grundidee war doch bestechend einfach: Der Herrschaft der Vernunft den Weg ebnen.

Nicht nur die Facebook-User wissen, wie eitel diese Hoffnung ist. Postfaktisch heißt die neue diskursive Ausrichtung, gegen die auch kein Argument mehr hilft. Es ist die Adelung des Bauchgefühls gegen den Verstand und die Vernunft. Da treffen sich die Verschwörungstheoretiker aller Welt. Früher haben die sich in ihren beschränkten kleinen Kreisen bewegt. Standen sie in der Kneipe und haben ihre kruden Theorien vorgetragen, wurden sie schnell in ihre Schranken verwiesen. Sie ahnten: Ich stehe mit meinen Theorien allein. Im Internet finden sie nun Gleichgesinnte und empfinden sich auf einmal als Teil von etwas Größerem. In der Gerüchteblase treibt und gärt alles. Barack Obama sein gar kein Amerikaner, sondern ein schwuler indonesischer Muslim. Seine Frau Michelle sei ein Mann, die Kinder seien adoptiert. Nun mag man das noch hinnehmen als Reaktion des weißen Abschaums in den USA, der durch diesen amerikanischen Präsidenten demonstriert bekommen hat, wie weit es mit der Überlegenheit der weißen Rasse tatsächlich ist. Im Wahlkampf 2016 wurden solche Mechanismen aber auch gegen Hillary Clinton in Stellung gebracht. Höhepunkt: Ein amerikanischer Revolverheld stürmte eine Pizzeria in Washington weil das Gerücht verbreitet worden war, Hillary Clinton betreibe dort im Keller mit ihrem Wahlkampfmanager John Podesta einen Kinderpornoring und cheese pizza meine dort eben child pornography. Der losgelassene Idiot feuerte auf das Türschloss zum Keller und ließ sich, nachdem er dort wohl nur Vorräte fand, widerstandslos festnehmen. Dieses Mal war es glimpflich ausgegangen. Doch das Beispiel zeigt: der Weg von der Lüge zum Mord ist kurz. Und nachdenklich macht es ohnehin, dass solche Mechanismen nur in freien und demokratischen Gesellschaften funktionieren. Man mache mal die Probe aufs Exempel und bezeichne in Russland Putin als schwulen Moslem. Dieses Gedankenexperiment verweist auf eine Erklärung für unsere missliche Lage. Wahrheit ist nicht mehr die Übereinstimmung einer Aussage mit einem Sachverhalt, sondern eine Funktion der Macht. Diktatoren wussten das schon immer. Deswegen ist in Russland auch kein Sportler gedopt und Putin wird nie als schwuler Moslem bezeichnet – und wenn, ist nach spätestens einem Mal Schluss. In demokratischen Gesellschaften entscheiden Mehrheiten. Wenn ich durch Lügen genügend Menschen zusammenbringe, dann findet der Klimawandel eben nicht statt, dann waren die Amerikaner nie auf dem Mond und die Bibel hat gegen Darwin recht. Oder, weniger offenkundig: Dann profitieren von Steuersenkungen für Reiche auch alle anderen, der irakische Diktator Saddam Hussein hatte Giftgas und Ölbohrungen in Naturschutzgebieten sind ungefährlich. Aus der Vision des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments ist das Fegefeuer der Mehrheit halbgebildeter Idioten geworden. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments beruhte auf einer noblen Vision: Dass Menschen eben nicht nur erkenntnisfähig, sondern auch erkenntniswillig seien. Leider ist das ein Irrtum. Viele finden nichts dabei, andere zum Vormund ihrer Einfalt zu machen, wie es John Locke einmal böse ausgedrückt hat. Formulieren wir es etwas freundlicher: Nicht jeder Mensch hat die geistige Disziplin und intellektuelle Rigidität die Habermas unterstellt. Deswegen mag sich der zwanglose Zwang des besseren Arguments in wissenschaftlichen Debatten bewähren, nicht aber in Debatten, in denen Wahrheitsfragen immer auch Machtfragen sind. Die Machtfrage allerdings kriege ich aus den politischen Diskursen nie heraus.

Zweites Beispiel: Die oft geschmähte political correctness startete einmal als der löbliche Versuch, Sprache von den Dornen der sozialen Exklusion zu befreien. Sprache kann ausschließen. Etwa durch den Gebrauch nur einen grammatikalischen Geschlechts, durch Kennzeichnungen von Minderheiten (Zigeuner, Schwule, Neger, Eskimos), sie kann abwertend oder beleidigend sein. Political correctness geht von der nicht falschen Annahme aus, dass Sprache inkludieren soll, dass sie also die besonderen Identitäten von Menschen oder Gruppen von Menschen anerkennen und nicht durch Sprache abwerten soll.

Sie hat mittlerweile Formen angenommen, die sich in ihrer Lächerlichkeit selbst diskreditieren und selbst zum Instrument der Unterdrückung geworden sind, denken wir an die sprachliche Reinigung von Kinderbüchern: In Pippi Langstrumpfs Biographie ist der Vater nun nicht mehr „Negerkönig“, sondern „Südseekönig“, Huckleberry Finn darf seinen Begleiter Jim nicht mehr „Nigger“ nennen, obwohl dies in der Zeit, in der es spielt, üblich war. Im Alltag finden wir Formen der political correctness ebenfalls. Heute würde niemand mehr Einwände gegen geschlechterinklusive Anreden einer Versammlung haben, aber die mögliche Vielzahl von Geschlechtern durch Sternchen, Unterstriche oder sonstige sprachliche Albernheiten zu kennzeichnen geht deutlich zu weit. Schon vor mehr als zwanzig Jahren habe ich einmal weitere Beispiele gesammelt, vom eher Unauffälligen bis zum Skurrilen: Wir sagen vollschlank, wenn wir einen Dicken meinen, der Penner von früher wird zum Wohnungssuchenden von heute; ein Krüppel wird zum Behinderten oder zum Menschen mit Einschränkungen, das Weihnachtsfest zum Lichterfest. Manchmal wird es dann noch deutlicher: Ein Geisteskranker wird zu einem mental Gestörten, ein follikular Eingeschränkter ist ein Glatzkopf, eine Person mit Bedürfnissen, die schwer zu befriedigen sind, ein Serienkiller. Wo jetzt genau die Grenze von political correctness und Satire war überlasse ich jedem Einzelnen.

Das bedeutet aber nicht, dass ihr Grundanliegen falsch ist und die Ausgrenzung von Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen zum normalen Modus einer Gesellschaft gehört. An der Sprache, wusste schon Karl Kraus, erkennt man den Willen zum Mord. Am anderen Ende der political correctness lauert das Pogrom. Es erklärt „den Juden“ zur homogenen Gruppe, ebenso „die Schwulen“ oder „die Zigeuner“. Der Einzelne verschwindet hinter dieser Kennzeichnung: Sprache wird zum Gatter, das um Minderheiten herum gebaut wird. Und aus einem Gatter wird schnell ein Konzentrationslager. Insofern wohnte in der political correctness durchaus ein aufklärerischer Impuls, eine verbale Abrüstung als Mittel der Pazifizierung einer Gesellschaft.

Drittes Beispiel: In unserer aufgeklärten Welt finden sich plötzlich Politiker, die gegen alle sozialen Konventionen verstoßen: Ausgemachte Verbrecher wie Modi und Duterte, testosterongesteuerte Sexmonster wie Berlusconi und Trump, Geisterfahrer wie Farage und Johnson, Künder des geistigen Bürgerkriegs wie Le Pen und Wilders, Kryptonationalisten wie Orban und Duda, Zocker wie Kurz und Tsipras. Tugenden sind in der Gesellschaft des Spektakels aus der Mode gekommen, veraltet, für Politiker ohnehin. Fast ist man dankbar für einen wie Putin, dessen Politik wenigstens rational nachvollziehbar ist. Nehmen wir hier einmal zwei Beispiele heraus, Trump und Le Pen. Sieht man bei Trump einmal von den peinlichen Geschmacklosigkeiten ab, hat er ein ganz bestimmtes Milieu hinter sich gebracht, indem er die dort vorhandenen Vorurteile bedient: Das sind zum einen die innerrepublikanische Tea Party Bewegung, für die alles Unheil dieser Welt von Washington ausgeht und schon viel gewonnen wäre, wenn dieser Moloch geschwächt würde. Das verbindet sich mit radikalen Evangelikalen, die ebenfalls den großen Satan in Washington sehen. Die von Steve Bannon und anderen angeführte „Alt Right“ Bewegung ist ein Sammelbecken von Verschwörungstheoretikern, Verteidigern der Rechte der Bundesstaaten, religiösen Fundamentalisten und enttäuschten klassischen Konservativen. Dazu gehören aber auch Neonazis und der rassistische Ku Klux Klan, von denen sich Trump nur halbherzig distanziert. Gemeinsamer Nenner dieser verschiedensten Bewegungen innerhalb der alternativen Rechten ist die Überzeugung, dass political correctness ein Kampfinstrument des linken Establishments vor allem an der Ost- und Westküste ist, um die kulturelle Hegemonie zu verteidigen. Auch wenn Trump selbst sicher kein Neonazi oder Anhänger des Klans ist, er hat durch gezielte und bewusste Verletzungen des Sprechcodes immer wieder deutlich gemacht, dass er dieses Grundanliegen teilt. Es ist die gleiche Methode nach der in Deutschland immer wieder nachgeschoben wird: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Trump braucht solche Entschuldigungen nicht. Er weiß, was seine Anhänger wollen, und er bedient die Ressentiments, weil er reich und unabhängig genug ist, weil es ihm völlig egal sein kann, was das Establishment von ihm denkt. Nun ist ein Milliardär vielleicht ein wenig plausibler Kandidat um als Frontmann für die sozial und kulturell Entrechteten aufzutreten. Das gehört zu den Merkwürdigkeiten der Lage in den USA. Aber für viele muss es etwas ungemein Befreiendes gehabt haben, dass nun einer endlich mal sagt, was Sache ist. Und dabei den arroganten Schnöseln aus Washington und Hollywood richtig auf die Füße tritt. Vor allem Hillary Clinton, die alles verkörpert, was diese Alt-Right Bewegung ablehnt: Eine starke Frau, links, eine Intellektuelle, die Bücher schreibt und fest zum politischen Establishment in Washington gehört. Der Kampfruf „Lock her up“ war der Kampfruf von Menschen, denen es nur vordergründig um Hillary ging: Hauptsächlich geht es um eine Befreiung aus vermeintlichen kulturellen Zwängen, aus den Sprachcodes, der „affirmative action“, also der positiven Diskriminierung bestimmter Minderheiten, eine Befreiung von der dunklen Macht Washingtons, dem Einfluss von Wall Street, der linken Umerziehungselite, des Feminismus, kurz: Eine Befreiung des eigentlichen Amerika von allem Fremden, Aufgezwungenem, Künstlichem. Es geht also um Kultur, nicht Politik. Aber letztlich ist natürlich alle Kultur auch politisch. Trump ist also aus den so genannten „culture wars“ in den USA zu verstehen, der Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft. Und er ist natürlich auch eine Antwort auf den ersten schwarzen Präsidenten, der für viele weiße Amerikaner seine Sache auch noch provozierend gut gemacht hatte. Das war eine besonders erniedrigende Erfahrung. Rassismus spielt schon eine unterschwellige Rolle in den USA, nach wie vor.

Das Phänomen Le Pen ist schwieriger. Ihr Vater war ein politischer Schmutzfink, selbst für viele Franzosen. Die Tochter ist geschmeidiger, unanstößiger. Und damit auch für Menschen wählbar, die ihr rabaukiger Vater nie erreicht hatte. Le Pen spricht ein großes Verlustthema an: Den Verlust von Heimat durch den kalten, anonymen Kapitalismus und durch die Zuwanderung und mangelnde Integration, die viele Franzosen fremd im eigenen Land erscheinen lässt. Auch hier spielt der bewusste Verstoß gegen den sprachlichen Comment der Elite eine Rolle. Dort, wo gebildete Franzosen die Nase rümpfen, rekrutiert Le Pen ihre Wähler, und zwar sowohl im alten klassischen rechten Milieu wie auch bei vormaligen Kommunisten, die sich durch die antikapitalistische Grundhaltung angezogen fühlen. Man lese einmal das ungläubige Staunen des französischen Soziologen Didier Eribon, der in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ diese neue Querfront beschreibt. Dort, wo ganze Stadtviertel in seiner Jugend fest in der Hand der Kommunisten waren, herrscht nun die Front National. Les extremes se touchent. Nur war den Europäern der Kommunismus weniger peinlich wie der Front national, der heute ähnliche Ergebnisse erzielt wie früher die Jünger Stalins.

Wie ist es so weit gekommen? Ich vermute, es hat mit zwei Dingen zu tun: Dem Wegfall des disziplinierenden Narrativs des Ost-West-Konflikts und der Globalisierung. Francis Fukuyama war der Meinung, mit dem Ende des Ost-West-Konflikts sei auch das Ende der Geschichte gekommen. Der Kapitalismus und die westliche Demokratie hatten in der letzten großen Systemauseinandersetzung gesiegt, jetzt gehe es nur noch um eine Angleichung der Provinzen. Ein schönes Konzept, aber leider ziemlich neben der Realität. Fukuyama ging davon aus, dass Faschismus und Kommunismus als die großen Antipoden von Kapitalismus und liberaler Demokratie nun besiegt seien. Das war zwar richtig, aber das Heraufkommen einer neuen, wirkmächtigen Konfliktlinie hat er nicht gesehen: Den Konflikt zwischen liberaler Demokratie auf der einen und Globalisierung auf der anderen Seite. Eine steile Behauptung, ich weiß. Aber schauen wir uns einmal die Befunde an.

Ich verstehe unter Globalisierung dreierlei: Einmal die Durchdringung von Kulturen mit einer wesentlich aus der Rolle des Konsumenten erwachsenen globalen Konsumkultur, in der regionale Unterschiede eingeebnet werden. Überall, wo wir hinkommen, finden wir McDonalds, Apple, Amazon, Coca-Cola, Boss oder Armani. Sie sind Chiffren für eine weltumspannende Konsumkultur, die sich in einer gewissen Gleichförmigkeit niederschlägt: Als Weltreisender hat man an fast allen Flughäfen der Welt ein ähnliches Angebot, die Hotels der Spitzenklasse sind bis auf die landestypischen Garnierungen im Angebot kaum zu unterscheiden. Das entspricht dem Lebensgefühl einer globalen Wirtschaftselite, für die es tatsächlich keinen Unterschied macht. Zweitens: Die Zunahme der ökonomischen Verflechtungen bei gleichzeitig abnehmender Fähigkeit der Staaten, diese ökonomischen Prozesse zu kontrollieren oder zu regulieren. Die Globalisierung hat Grenzen durchlässig gemacht, vor allem die Grenzen der Zurechenbarkeit ökonomischer Prozesse. Geld wird verschoben und der Steuer entzogen, sowohl von Firmen als auch Privatpersonen. Die Finanzierung öffentlicher Aufgaben wird zum Risiko derjenigen, die sich keine kreative Finanzgestaltung leisten können – von den Kanälen der Schattenökonomie mit dem globalen Handel mit Menschen, Rauschgift und Waffen einmal ganz abgesehen. Drittens: Globalisierung meint eben auch die Verlagerung von Schadensbeziehungen von der regionalen oder nationalen auf die globale Ebene. Umweltverschmutzung geht – etwa, was die CO2-Bilanz angeht – von den industrialisierten Ländern aus, trifft aber vor allem die weniger entwickelten Länder. Das könnte man fortführen: Verlust der Biodiversität, Versauerung der Meere, menschengemachter Klimawandel, der ganze Regionen zu unwirtschaftlichen und unwirtlichen Habitaten macht: Die Reihe ließe sich fortsetzen. Wir erleben Globalisierung als Einebnung kultureller Unterschiede, als Entwurzelung und Entheimatung, als dunkle Bedrohung in Gestalt anonymer ökonomischer Kräfte, die uns ihre Ausscheidungen als Finanzkrise, Flüchtlingskrise, ökologische Krise vor die Füße spuckt. Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? – diese spannende Frage hat Rüdiger Safranski schon 2004 gefragt und darauf eine eher pessimistische Antwort gegeben. Ich denke, dass wir im Jahr 2018 noch mehr Grund haben, diese Frage mit einer gewissen Besorgnis zu stellen. Man stelle sich nur einmal vor, wenn all die Entrechteten der Erde davon Wind bekommen, wer an ihrer Situation schuld ist und wie gut wir hier leben, und dann an unsere Tür klopfen und ihren Anteil fordern. Was dann? Verjagen wir sie mit Waffengewalt? Halten wir sie mit Dublin-III-Verordnungen uns vom Leib? Sind wir überhaupt für dieses Szenario gerüstet? Mehr noch: Können wir es ihnen verdenken? Ich meine: Wenn es nicht gelingt, die Globalisierung ordnungspolitisch einzuholen, dann wird sie alles zerstören was uns lieb und teuer ist. Dabei ist eine der stärksten Bedrohungen heute der Rückfall in kleinräumige identitäre Strukturen und die Aufladung durch abgrenzende Diskurse. Beispiele gibt es genügend, ich nenne nur die Situation in Katalonien. Ich meine aber: Die Zukunft kann nur in großräumigen politischen Strukturen und einer subsidiär angelegten Weltrepublik liegen.

Ein erster Schritt dazu ist, Europa wieder geländegängig zu machen. Wir sollten den Mut zu einem Kerneuropa mit verdichteten institutionellen Strukturen haben als einer Insel der Stabilität. Es bedarf einer zweiten Gründung, die die Fehler vorschneller Erweiterungen vermeidet, mit mehreren Ringen unterschiedlicher Dichte und dem Mut, Innen und Außen genau zu benennen. Zu Kerneuropa: Wir haben zu schnell erweitert. Wie sehr das der europäischen Sache geschadet hat sehen wir an Griechenland, aber auch an Staaten wie Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Aus Dankbarkeit für die Überwindung des Ost-West-Konflikts haben wir Europa aufs Spiel gesetzt. Die gesellschaftliche Modernisierung war und ist in Westeuropa auf einem anderen Stand. Das rächt sich jetzt. Und zweitens, was den Mut angeht, Innen und Außen zu benennen: Die Türkei gehört nicht nach Europa. Über Jahrhunderte hat sich europäische Identität in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung zum Osmanischen Reich gebildet. Die Türkei ist nicht das Byzanz, das einstmals Teil des Römischen Reiches war, sondern eine kulturfremde Größe, die mit der Idee Europa nichts gemein hat. Das schmälert nicht die Bedeutung und Notwendigkeit guter Beziehungen, aber nicht jeder gehört zur Familie. Das gilt nach meinem Dafürhalten auch für die Ukraine und Russland. Wir müssen Europa auf gemeinsame Werte stützen. Der Wille zum Profit alleine trägt nicht.

Das alles wird nicht gehen, wenn wir nicht auch eine Wertediskussion führen. Das ist, wie ich finde, auch eine Aufgabe im Wingolf, wenn es darum geht, das Christianum ernst zu nehmen. Politik bedeutet die Bereitschaft, Verantwortung auf Grundlage eines Wertekanons zu übernehmen. Meiner eigenen Partei empfehle ich nicht eine Besinnung auf das Konservative, sondern auf das Christliche als dem im Namen schon angezeigten eigentlichen Markenkern: Da kann schon eine Lektüre päpstlicher Enzykliken erhellend sein. Eine moderne christliche Partei zeigt sich nicht darin, die Bergpredigt maschinenlesbar zu machen, sondern die Prinzipien des Christlichen auf die neue Zeit anzuwenden. Das bedeutet aus meiner Sicht: Die Betonung sozialer Tugenden als Bedingung für das bonum commune, die Betonung der Rolle der Vernunft zur Erhellung der Welt, eine konsequent kapitalismuskritische Haltung, eine proeuropäische Haltung in der Fundierung einer Respublica Christiana, also in Abgrenzung, aber nicht in der Feindschaft zum Islam und das Eintreten für eine Weltautorität. Und vielleicht ein wenig Vertrauen darauf, dass der Nothelfer bei Kriegsgefahren, der Heilige St. Georg, bislang noch mit jedem Drachen fertig geworden ist.

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