Eine Auswahl meiner Buchempfehlungen

Warum ich die ausgewählte Literatur empfehle? Hinter den aufgelisteten Titeln finden Sie meine Gedankengänge.

Zu einem Buch von James Lovelock Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. München 2020.

Leben wir im Novozän?
Zu einem Buch von James Lovelock
Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. München 2020.

In meiner Studienzeit war ich ein begeisterter Leser von Stanislaw Lem; vor allem die Erzählungen aus dem Band „Nacht und Schimmel“ haben mich fasziniert. An eine dieser Erzählungen habe ich bei der Lektüre von James Lovelocks neuem Buch denken müssen: An die Erzählung von der Lympaterschen Formel. Die Grundidee ist: Der Wissenschaftler Lympater, eine etwas herunter gekommene Gestalt, hat vor vielen Jahren eine unglaubliche Entdeckung gemacht und fürchtet nun, jemand könne es ihm gleichtun; die Konsequenzen wären allzu furchtbar. Lympater hat eine Maschine gebaut auf Basis seiner Erkenntnisse. Als die Maschine angeschlossen war, erlangte sie mit einem Schlag Bewusstsein und nahm mit Lichtgeschwindigkeit all das Wissen über die Welt und den Kosmos auf. Völlig verstört hatte Lympater die Maschine wieder ausgeschaltet und zerstört. Doch sie hatte noch Zeit ihm eine Botschaft mitzugeben: Ich bin die nächste Stufe der Evolution. Andere werden kommen. Lympater ist entsetzt: Mit einer solchen Maschine ist die Stellung des Menschen als Krone der Schöpfung beendet. Der Mensch wäre für diese Maschine nichts anderes als ein Einzeller für den Menschen: Eine frühere Stufe der Evolution, Verfügungsmasse. Eine schreckliche Vorstellung. Hier betritt James Lovelock mit seinem neuen Buch die Bühne:
Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. München 2020.

Lovelock ist ein alter Bekannter, und das meine ich wörtlich: Er steht mittlerweile in seinem 101. Lebensalter und kann auf eine beeindruckende Reihe von Patenten als Ingenieur, Bücher und Ehrungen zurückblicken. Einem breiteren Publikum wurde er bekannt durch die Gaia-Hypothese, in der er die Erde als einen Gesamtorganismus interpretierte und daraus Forderungen für den Schutz der Umwelt ableitete und für eine neue Form der Achtsamkeit plädierte. Die Grundthese seines neuen Buches lautet: Wir sind nicht mehr im Anthropozän, also jenem Zeitalter, in dem der Mensch die Erde umgestaltet, sondern betreten das Novozän, eine nächste Stufe der Evolution des Menschen. Diese ist dadurch gekennzeichnet dass Maschinen in der Lage sind, eigenständig zu lernen und sich selbst zu entwickeln. Lovelock nennt diese Systeme Cyborgs, also kybernetische Organismen. Sie emanzipieren sich gewissermaßen vom Menschen in dem Moment, in dem sie in der Lage sind, selbst zu lernen, sich selbst zu programmieren und neue Maschinen eigenständig zu bauen; das organische wird durch das technische Leben erweitert. Es ist vermutlich resilienter gegen Umwelteinflüsse, schneller, haltbarer, wenngleich ihm die instinktive Dimension fehlt. Vermutlich werden die Cyborgs eines Tages auch in der Lage sein, den Planeten zu verlassen und andere Planeten zu besiedeln.

Das aber ist Zukunftsmusik. Spannend werden die Ausführungen von Lovelock dort, wo es um die Frage geht, ob dieser evolutionäre Sprung uns hilft, ein neues Gleichgewicht auf diesem Planeten herzustellen. Dazu aber müsste schon alleine die Frage geklärt werden, ob die Cyborgs „ihren eigenen Grund finden, nett zu Menschen zu sein.“ Und zu Gaia als dem Erdzusammenhang, möchte man hinzufügen, denn die neue Stufe der absichtsvollen Evolution wäre darauf nicht angewiesen. Eine doch sehr düstere Kosmogonie: Sie beruht auf der Prämisse, es könnte Absicht des Universums sein, intelligentes Leben hervorzubringen. Wir wären dann nur noch die Geburtshelfer, eine bedauerliche frühere evolutionäre Stufe, die ihren Zweck erfüllt hat. Eine wie ich finde düstere Vision, die mich sehr an Lympater erinnert. Aber: Bislang ist der Geschichte der Menschheit immer auch all das, was möglich war, gemacht worden. Lovelock tröstet sich damit, dass wir das Geschenk des Wissens an eine neue Form intelligenten Lebens übergeben haben. Für uns bleibt der Trost, den Tennyson in einem Gedicht ausgedrückt hat: „Ist viel uns auch genommen, bleibt doch viel/ Sind wir auch länger nicht die Kraft/ Die Erd‘ und Himmel einst bewegte/ so sind wir dennoch, was wir sind.“ Wenn es dies ist, was bleibt: Ja, dann war Lympater ein glücklicher Mensch.

Peter Tauber, Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar. München: bene! Verlag 2020.

Wenn Politiker zurück schauen und über ihr Tun Rechenschaft ablegen, dann erfolgt das mitunter mit dem Gestus desjenigen, der mutig und entschlossen sich behauptet auf dem glatten Parkett der Politik, weitsichtig seine visionäre Konzeption des Guten und Gerechten gegen den Widerstand der Uneinsichtigen durchsetzt und dabei weder Bodenhaftung noch den Anschluss an die Diskurse der Zeit verliert. Im Nachgang scheint alles linear, vorherbestimmt, der gerade Weg lediglich durch kleinere Umwege unterbrochen. Und dann kommt das Buch von Peter Tauber, so völlig anders, ungewohnt:

Peter Tauber, Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar. München: bene! Verlag 2020.

Peter Tauber und ich sind 2009 gemeinsam erstmals in den Deutschen Bundestag eingezogen. Wir kannten uns vorher nicht persönlich, lernten uns aber dann kennen: Als Mitglieder der Landesgruppe Hessen, und auch ab 2011 im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Peters Schwerpunkt lag aber auf den neuen Medien, dem Digitalen; und wenn er bis heute etwas bereut, dann vermutlich, Erika Steinbach das twittern beigebracht zu haben. Er ist jungenhaft unbeschwert, aufgeschlossen, freundlich, aber auch ernst bei den Themen, die ihm am Herzen liegen. Peter ist ein großer Fan von Star Wars. Dort sind Gut und Böse sauber getrennt. Auf seiner Bürotür neben meinem Büro prangt ein Aufkleber: „Wir sind die Guten!“ Das spiegelt das ganze Selbstbewusstsein einer in der Jungen Union Hessen geprägten Sozialisation, die einen klaren Wertekompass hat und sich von den jugendbewegt daherkommenden Grünen nicht beeindrucken lässt. Und wie das häufig auch so im Bundestag ist: man spricht über dieses und jenes, weiß aber letztlich über die Person nicht allzu viel.

In der zweiten Wahlperiode macht Peter Karriere: Er wird zum Generalsekretär der CDU Deutschland. Ich kann mich daran noch gut erinnern, weil ich mir dachte: Das wirbelt jetzt alle Pläne, jeglichen eingefahrenen Tagesablauf durcheinander. Ein wenig habe ich ihn um die neue Aufgabe beneidet, aber auch gedacht: Du gehst einen schweren Weg. Peter hat es mit Bravour erledigt. Schon der Parteitag, auf dem er gewählt wurde, war etwas Besonderes: Eine fulminante Rede, neue Töne, riesiger Beifall. Peter stand dafür, die CDU zu verjüngen, mehr Frauen anzusprechen, die Erfahrung von Migranten und Migrantinnen mit einzubringen. Eine moderne, weltoffene, aufgeschlossene CDU, mit der ich mich voll identifizieren konnte. Auf Facebook habe ich häufig Peters Laufpensum bewundert, wenn er mal wieder halbe oder ganze Marathonstrecken zurückgelegt hatte. Woher nimmt er bloß die Zeit? habe ich mir bisweilen gedacht. Und ein wenig gedacht: Da hat jemand aber eine gute Möglichkeit gefunden, den Stress abzubauen.

Dann, während der Koalitionsverhandlungen nach den Wahlen 2017, der Schock: Eine lebensbedrohliche Krankheit wirft Peter aus dem Alltag; mehrere Wochen fällt er aus. Ein Arzt spricht die gnadenlose Wahrheit aus, auf Peters Frage, warum er die Krankheit bekommen hat. „Ich habe mir mal ihren Werdegang der letzten Jahre angeschaut. …. Natürlich haben Sie das wegen ihres Jobs bekommen.“ Nein, man kann dem Stress wohl doch nicht davonlaufen. Für Peter Tauber wird dies der Moment der Umkehr. Er lässt uns teilhaben daran, wie er seine bisherigen Stationen neu bewertet. Herausfordernd, anstrengend, befriedigend, ja. Aber gleichzeitig: Eine Zeit voller Verletzungen, Frustrationen, Überforderungen. Und der notwendige Ausgleich fehlt, Freunde kommen zu kurz, die Familie ebenso. Dann setzen die typischen Mechanismen ein: Man muss das jetzt machen, man schafft das, man darf keine Schwäche zeigen. Ohne Dich geht es nicht. Du bist Vorbild. Du musst weitermachen.

Was muten wir eigentlich unseren Spitzenpolitikern zu? Innerparteilich, wenn die Illoyalität zunimmt, die Heckenschützen in Stellung gehen? Wo sind die Grenzen des Erträglichen, wenn man beschimpft, beleidigt wird? Wenn sich der Pöbel vollkommen enthemmt? Muss man dann noch höflich sein oder darf man zurückkeilen? Und selbst dann: Wie vieles davon erträgt man, ohne dass die Seele eine Hornhaut bekommt? Ich denke hier auch an die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die an einem Punkt die Reißleine gezogen hat: Der Preis war zu hoch. Bei Peter setzt ein Prozess der Neubewertung ein. Was ist mir im Leben wichtig? Der Glaube, ganz offensichtlich, der ihn durch die schwere Zeit trägt und ihm Halt gibt; das Buch legt davon Bekenntnis ab. Es ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der falschen Götzen, die das Leben bestimmt haben, der falschen Weichenstellungen aus den besten Überzeugungen heraus. Immer wieder kommt die Kraft des Glaubens zur Sprache. Peter beschreibt eine zunächst seltsam anmutende Aktion: Er tätowiert sich die Geodaten „seiner“ Kirche, der Marienkirche in Gelnhausen, auf den Unterarm. Er schreibt sich gewissermaßen hinter die Ohren, wo sein Zentrum ist. Es ist eine bleibende Erinnerung an den Moment, der die Umkehr ermöglicht hat.

Jünger, bunter, weiblicher: Es mag sein, dass sich die CDU so entwickeln sollte. Ich will aber auch Politiker/innen haben, die den Mut haben, über Schwächen zu sprechen, ohne weinerlich zu sein; die sich nicht für unentbehrlich halten, die den Glauben leben und davon Zeugnis ablegen, die auch Grenzen setzen, sowohl für sich als auch gegenüber den Zumutungen Anderer. Peters Buch ist eine ungewöhnliche, eine selten schonungslose Reflektion über das Leben in der Politik. Gerade deshalb wünscht man dem Buch viele Leserinnen und Leser. „Die da oben“ sind keine Roboter, sie sind keine Punchingbälle für eigene Frustrationen, es sind Menschen mit Gefühlen, mit Zweifeln, mit Hoffnungen und Erwartungen, es sind aber vor allem Menschen – und keine in Drachenblut gebadete, unverwundbare Helden.

Alfred Dregger. Haltung und Herz – Eine Biographie. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag 2019.

Dieter Weirich
Alfred Dregger. Haltung und Herz – Eine Biographie.
Frankfurt am Main: Societäts-Verlag 2019

Ich muss mit einem Bekenntnis beginnen: Ich stand Alfred Dregger eher distanziert gegenüber. Dem politischen Alfred Dregger, wie er mir als Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU im Deutschen Bundestag von 1982 bis 1991 bekannt war. Er schien mir mit seinem leicht steifen Auftreten und seinen Ansichten wie ein Mann von gestern, aus der Zeit gefallen, unmodern; preußisch irgendwie, ein archetypischer Offizier, ein autoritärer Charakter, dem Zweifel fremd schienen. Allerdings hat sich dieses Bild im Laufe der Jahre zunehmend verflüchtigt. Dregger ist heute in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr präsent. Umso fragender habe ich deshalb die Biographie von Dieter Weirich in die Hand genommen, der als gelernter Journalist nicht nur eine gute Feder führt, sondern auch über viele Jahre enger Weggefährte von Dregger war. Der zeitliche Abstand hat mich neugierig auf die Person werden lassen. Was bleibt von ihm, wo ist er historisch zu verorten? Wie war er „wirklich“?

Ohne Zweifel, für die CDU Hessen hat er eine außerordentliche Rolle gespielt. Der Oberbürgermeister von Fulda wurde 1967 Vorsitzender der CDU in Hessen. Er setzte auf Polarisierung, auf Konfrontation in der Sache und prägte das Selbstverständnis der CDU Hessen als eines geschlossenen Kampfverbands. Das berühmte Wahlplakat von 1970, das Dregger an der Spitze seiner keilförmig aufgestellten Mannschaft dem Betrachter entgegen marschierend zeigte, symbolisierte dies in besonderer Weise. Der damalige Wirtschaftsminister Rudi Arndt (SPD) soll entsetzt ausgerufen haben: „Wer so daher kommt, der schießt auch!“ Man kann es aber auch freundlicher sehen: Die CDU war im Aufbruch, das rote Hessen zu kippen. Dregger, der Frontmann, hatte seit 1956 als Oberbürgermeister von Fulda gezeigt, was in ihm steckte. Er hatte eine moderne, vorausschauende Stadtpolitik betrieben, sozial und liberal im besten Sinn, aber auch durchaus der Tradition verpflichtet. Als er in Eltville 1967 die Führung der CDU Hessen übernahm, stand diese im Ruf, allzu sehr sich an die SPD angepasst zu haben, ein „Behaglichkeits-Gen“ ausgeprägt zu haben. Das änderte sich mit Alfred Dregger. Der Erfolg gab ihm Recht: Die CDU holte von Wahl zu Wahl auf, der Genosse Trend gewissermaßen auf der anderen politischen Seite. 1982 hätte es dann soweit sein können, die CDU stand kurz davor, den Ministerpräsidenten zu stellen. Aber der Machtwechsel in Bonn – von der SPD als „Verrat in Bonn“ wahlkampfwirksam instrumentalisiert – verhinderte das in letzter Sekunde. Die FDP, die zur Regierungsbildung benötigt worden wäre, schaffte es nicht mehr in den Landtag.

So wurde Alfred Dregger Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen Bundestag, ein gefürchteter Debattenredner mit Charisma, aber auch ein Vorsitzender, der die Fraktion zusammenhalten konnte. Versuchungen, ins Kabinett zu wechseln, widerstand er: Als Fraktionsvorsitzender sei er von CDU und CSU gewählt und nicht von der Gnade eines Bundeskanzlers abhängig – den er gleichwohl loyal unterstützte. Bis 1998 blieb er im Bundestag; er hätte wohl gerne noch eine weitere Legislaturperiode als einer der „letzten Vertreter der Kriegsgeneration“ gedient, sah sich aber in seinem Fuldaer Wahlkreis einem jüngeren Gegenkandidaten in der CDU gegenüber, dem er schließlich den Vortritt einräumte. Dankbarkeit ist keine Kategorie des Politischen. Allerdings: Die CDU Hessen verleiht seit 2013 als höchste Auszeichnung an den 2002 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden die „Alfred-Dregger-Medaille“, und sie hat ihre Landesgeschäftsstelle im Jahr 2010 nach ihm benannt. Sie weiß bis heute durchaus, was sie Dregger verdankt.

Die prägenden Jahre für Dregger war die Zeit von 1939 bis 1945. Der 1920 in Münster geborene Dregger wurde 1939 zum Heer eingezogen, durchlief später eine Offizierslaufbahn und war zum Ende des Krieges Bataillonskommandeur. Aus dem Krieg kam er mit mehreren Verwundungen nach Hause, die ihn zeitlebens körperlich beeinträchtigten. Wichtiger aber waren die nicht sichtbaren Verletzungen. Das wird besonders deutlich in einer Debatte aus dem Jahr 1997, als es um die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht ging. Leidenschaftlich wies Dregger die These zurück, die Wehrmacht sei eine Art verbrecherische Organisation gewesen. Nach den sehr emotionalen Reden von Freimut Duve, Otto Schily und Christa Nickels geht Dregger erneut zum Rednerpult, nachdenklich, und bekennt, wie sehr ihn die Debatte zum Nachdenken bringe und er wünsche, Missverständnisse auszuräumen. Aber er wolle eben auch nicht, dass seine Kameraden, die mit ihm das schreckliche Schicksal der Kriegsteilnahme geteilt haben, sich ausgegrenzt, missachtet und ausgestoßen fühlen. Hier wurden zwei Dinge deutlich: Dregger war bei aller Gradlinigkeit liberal, ließ andere Meinungen gelten und ließ sich von Argumenten beeindrucken. Und zweitens: Er gehörte einer Generation an, die schuldlos schuldig geworden waren. „Wir konnten Hitler nicht wählen. Dafür waren wir zu jung. Aber wir wurden von ihm in den Krieg geschickt, und nur die Hälfte ist daraus zurückgekehrt, viele davon verwundet und verkrüppelt“, zitiert ihn Weirich. Vielleicht ist es dieses Urerlebnis des Krieges, das sein politischer Antrieb wurde, das ihn zeitlebens auch nicht losgelassen hat. Es war aber auch diese Prägung, die ihn, bei aller politischen Modernität und Liberalität, schon in meiner Jugend als einen im Habitus seltsam aus der Zeit gefallenen Vertreter der deutschen Politik erscheinen ließ.

Weirich schildert Alfred Dregger kenntnisreich und mit der Empathie eines Autors, der Weggefährte war. Man spürt die große Wertschätzung, die der Biograph für den Menschen und Politiker hat. Für mich hat die Biographie eine neue Perspektive auf Alfred Dregger eröffnet: Die eines leidenschaftlichen Demokraten, der für seine Kinder und Enkel sicherstellen wollte, dass sie die Erfahrungen seiner eigenen Generation nicht würden wiederholen müssen. Und die eines Mannes, der Patriotismus mit europäischer Gesinnung verband, Liberalität mit einem festen Wertefundament, soziales Denken mit wirtschaftlicher Kompetenz, und der gleichzeitig ein begnadeter Anführer, aber ein miserabler Netzwerker war: Ein selbstbewusster Individualist, dem die große Berufung letztendlich verwehrt blieb. Es ist ein anderer Alfred Dregger als der meiner frühen Vorurteile. Am Vorabend des hundertsten Geburtstages von Alfred Dregger ist diese Biographie überfällig – und ein wertvoller Baustein zum Verständnis der CDU Hessen sowie der Bundespolitik in den Jahren der Regierung Kohl.

John J. Mearsheimer, The Great Delusion. Liberal Dreams and International Realities. New Haven 2018.

Mearsheimer ist einer der führenden Köpfe in den USA der so genannten realistischen Schule, die sich in der Tradition von Hans Morgenthau sieht. Und er wird seinem Ruf gerecht: The Great Delusion ist nicht nur eine Fundamentalkritik der amerikanischen Außenpolitik seit dem Ende des Ost-West-Konflikts, sondern auch eine gründliche Einführung in die Denkweise des außenpolitischen Realismus. Die Grundthese lautet: Eine Außenpolitik, die darauf gerichtet ist, die Menschenrechte oder liberale Grundsätze in anderen Staaten durchzusetzen, richtet außenpolitisch erheblichen Schaden an und hat am Ende unerwünschte Konsequenzen auch für das Land selbst. Gegen diese liberale Politik – Mearsheimer verwendet den Begriff im amerikanischen Verständnis und zählt Republikaner und Konservative gleichermaßen zu den „Liberalen“ – bringt Mearsheimer den klassischen Realismus in Stellung. In der internationalen Politik geht es danach um Macht und Gegenmacht. Gottfried Benn hat in einem anderen Zusammenhang einmal formuliert, man müsse mit seinen Beständen rechnen, nicht mit seinen Parolen. Das würde Mearsheimer sicherlich unterschreiben.

Mearsheimer sieht in den USA eine liberale außenpolitische Elite am Werk, die die Grundlinien der Außenpolitik bestimmt. Sein Buch hat deshalb auch den Anspruch, eine neue Gegenelite zu informieren. Dies tut er zum einen, indem er die Grundlinien des Realismus bis in die anthropologischen Fundamente hin rekonstruiert. Dabei geht er von der Aufklärung aus, die den Menschen als vernunftbegabtes Wesen sieht und der aristotelisch-christlichen Sicht des Menschen als auf das Soziale wesensmäßig hin angelegt. So notwendig der Liberalismus auch sei, so Mearsheimer, er schaffe weder Konsens über erste Prinzipien noch werde er der Aufgabe gerecht, Gemeinschaft zu begründen. Hier ist der Nationalismus im Vorteil. Nationen brauchen Staaten und Staaten Nationen, so Mearsheimer apodiktisch. Für ihn sind deshalb auch Menschenrechte nicht unbedingt und universal. Der Liberalismus, so stellt er unmissverständlich fest, überbetont die Bedeutung der Menschenrechte. Dies werde immer dann deutlich, wenn das Überleben einer Nation auf dem Spiel stehe. Selbst in den USA würden dann die Menschenrechte suspendiert: durch illegale Überwachungen, Verletzungen des due process-Prinzips, unbegrenzten Freiheitsentzug, gezielte Tötungen oder Folter in den schwarzen Gefängnissen der Geheimdienste. Es gibt für Mearsheimer einen direkten Zusammenhang zwischen der Unbedingtheit liberaler Grundüberzeugungen und der Entgrenzung der Politik: Der Liberalismus richtet sich dann gegen sich selbst und wird zur Gefährdung von Stabilität und Ordnung. Am Ende steht ein desaströses Ergebnis, zu besichtigen als Bilanz der letzten zwanzig Jahre. Die Politik der USA hat russische Interessen nicht berücksichtigt und zur augenblicklichen Situation in der Ukraine beigetragen, hat den Irak, Libyen und Syrien destabilisiert mit den bekannten Folgewirkungen bis hin zur Flüchtlingskrise. Und diese Politik hat den Freiheiten und dem Rechtsstaat in den USA selbst schweren Schaden zugefügt.

Mearsheimer empfiehlt den USA, die Politik liberaler Hegemonie aufzugeben und eine kluge Politik der Zurückhaltung zu praktizieren. Dazu gehört eine genaue Definition der strategischen und regionalen Interessen ebenso wie die Reflektion über den Zusammenhang von Liberalismus, Nationalismus und Realismus. Seine Schrift ist ein Frontalangriff auf die Politik des Wünschbaren, auch auf die Dominanz eines Paradigmas, dass die regelgeleitete Politik zum alleinigen Ordnungsprinzip im internationalen System erklären will. Damit stellen sich aber auch für die deutsche Außenpolitik unangenehme Fragen.

Ulrich Teusch, Der Krieg vor dem Krieg. Wie Propaganda über Leben und Tod entscheidet. Frankfurt am Main: Westend Verlag 2019

Sommerzeit, Lesezeit: Diesmal das neue Buch von Ulrich Teusch, und im Interesse von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (das zentrale Thema des Buches) sage ich es vorab: Wir kennen uns seit 1982 aus gemeinsamen Tagen in Trier und sind seither befreundet.

Teusch hat schon in einem vorherigen Buch (Lückenpresse, Frankfurt am Main 2016) einen kritischen Blick auf die Medienlandschaft geworfen. Dieses Mal geht es um die Manipulation von Information und die Bedeutung für die Außenpolitik, für Bilder, Perzeptionen, Einschätzungen. Kein unwichtiges Thema dann, wenn es um die Rechtfertigung von Gewalt und Krieg geht! Hier fehle es, so Teusch, an Journalisten, die ihren Auftrag ernst nehmen; allzu häufig werde eine "offizielle" Sprachregelung übernommen, die die Realität verzerrt, manipuliert. Dazu präsentiert Teusch viele Beispiele, etwa aus dem Umfeld des Krieges im Irak und Syrien.

Das Buch ist flott geschrieben und hat für mich auch einiges Neues an Informationen und Erkenntnissen bereit gehalten. Und nein, es verfolgt keine politische Agenda, außer der einen: Dass sich Journalisten eben nicht vereinnahmen lassen sollen. Oder, wie es Adorno einmal formuliert hat (aus dem Gedächtnis zitiert): "Man darf sich nicht dumm machen lassen, weder von der Macht der Anderen noch der eigenen Ohnmacht." Denn letztlich gilt: Der Frieden mag ein Werk der Gerechtigkeit sein, zu dieser gehört aber immer auch die Wahrhaftigkeit.

Fazit: Eine spannende, informative, aktuelle und lesenswerte Sommerlektüre!

Flüchtlingskrise: Zwei Neuerscheinungen (17. Dezember 2017)

Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hat erhebliche politische Verwerfungen nach sich gezogen und bestimmt immer noch unsere politische Agenda. Wie die Entscheidungsprozesse auf deutscher Seite abgelaufen sind, darüber hatte schon Robin Alexander in seinem Buch „Die Getriebenen“ berichtet. Nun liegt auch eine Darstellung dreier Journalisten vor, die die Entscheidungsprozesse auf österreichischer Seite nachzeichnen:

Christian Ultsch, Thomas Prior, Rainer Nowak: Flucht. Wie der Staat die Kontrolle verlor. Wien 2017.

Die Autoren arbeiten bei der bürgerlich-liberalen Tageszeitung „Die Presse“ und waren von Berufs wegen nah an den Entscheidungsprozessen dran. Wir erinnern uns: In Absprache mit dem österreichischen Bundeskanzler Faymann hatte die deutsche Bundeskanzlerin die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge aus Ungarn holen lassen. Szenen der Willkommenskultur auf dem Wiener Westbahnhof – ähnliches in München. Dem österreichischen Bundeskanzler ist das Image des Retters willkommen. Doch schon bald wird deutlich: Die nachströmenden Flüchtlinge überfordern Österreich und höhlen die Willkommenskultur aus. Was tun? Österreich sieht sich in einer schwierigen Situation. Italien und Griechenland verweigern eine effektive Kontrolle ihrer Grenzen, die gleichzeitig EU-Außengrenzen sind. Die Flüchtlinge werden unregistriert weitergeschoben. Sie schieben sich über die Balkanroute, auch die anderen europäischen Staaten auf der Route winken nur durch, ohne Flüchtlinge zu registrieren. Österreich praktiziert dies ähnlich: Keine Registrierung, die Flüchtlinge könnten dann nach Österreich zurückgeführt werden. Lager an der grünen Grenze zu Deutschland entstehen, mit dem von jedermann verstandenen Hinweis: Wenn hier jemand nach Deutschland geht, ist uns das sehr recht. Österreich lebt in der Furcht, Deutschland könne die Grenzen dichtmachen. Was dann? Angela Merkel setzt auf eine europäische Lösung. Ein Rückstau entlang der Balkanroute könnte die Länder dort destabilisieren. Doch die Lösung lässt auf sich warten. Zwischenzeitlich werden Fakten geschaffen: Außenminister Kurz organisiert eine Balkankonferenz und plant die Schließung der Balkanroute. Ironischerweise ist es genau diese – von Berlin kritisierte – Maßnahme, die ab Ende den Durchbruch in den Verhandlungen mit der Türkei bringt. Gab es hier eine klammheimliche Unterstützung durch Mitglieder der Bundesregierung? Die Autoren behaupten dies, die Bundesregierung hat es mittlerweile dementiert. Wie dem auch sei: Das Drama der Flüchtlingskrise hat auch in Wien zu erheblichem Kollateralschaden geführt, letztlich Faymann sein Amt gekostet. Und es hat sich gezeigt, dass der Tanker EU manchmal zu langsam ist, um eine große Krise wirksam zu bewältigen. Nationalstaaten reagieren hier schneller, aber zu Lasten des Ganzen. Vielleicht ist es deshalb sinnvoller, bestimmte Aufgabenbereiche der Zuständigkeit der EU wieder zu entziehen? So argumentiert unter anderem ein zweites Buch, geschrieben von dem Doyen der deutschen Politikwissenschaft:

Hans-Peter Schwarz, Die neue Völkerwanderung nach Europa. Über den Verlust politischer Kontrolle und moralischer Gewissheiten. München 2017.

Das Buch von Schwarz ist ein Glücksfall. Es greift große historische Linien auf und verknüpft diese mit einer gründlichen institutionellen, politisch-kulturellen und juristischen Analyse zu einer beeindruckenden Kritik an der Politik Berlins und der institutionellen Verfasstheit Europas. Es ist kein Buch, das die politischen Prozesse erzählend rekonstruiert, sondern leistet mehr: Eine Ursachenforschung. Die Krise 2015 kam nicht unvorbereitet, sondern hat eine Vorgeschichte. Dazu zählt Schwarz die Vereinbarung von Kohl und Mitterand 1984, die Grenzkontrollen aufzugeben, die EU-Qualifizierungsrichtlinie von 2004, die sehenden Auges die Tore für eine Völkerwanderung geöffnet habe (89) und den Grundfehler von 2015, die Völkerwanderung ausschließlich als humanitäres Problem zu sehen. Schwarz spart nicht mit Kritik an Merkel, er sieht sie aber in einer Kontinuität von deutschen Politikern, die in einer stark proeuropäischen Perspektive sozialisiert worden sind.

Gegen diesen proeuropäischen Idealismus führt Schwarz gewichtige Argumente ins Feld: Die EU sei institutionell nicht ausgelegt, solche Krisen zu meistern, vor allem aber sei in der EU ein normativer Überschuss festzustellen, eine gewisse Blauäugigkeit in den Garantien, die man Flüchtlingen gebe, die eher auf politischem Wunschdenken denn verantwortlicher Politikgestaltung beruhen: Eine Kultur globaler Hilfsbereitschaft, die zum Opfer ihrer eigenen Parolen geworden ist. Diese Tendenz, globale Probleme in Europa lösen zu wollen, hält Schwarz angesichts des zu erwartenden Jahrhunderts der Flüchtlinge für Hybris. Zudem hebele eine solche Politik auch die Formen der Zusammengehörigkeit in den einzelnen Gesellschaften aus. Deswegen plädiert Schwarz dafür, das Ausländerrecht wieder in die Nationalstaaten Europas zu geben, Flüchtlingsrecht und Flüchtlingshilfe in Europa einer grundlegenden Revision zu unterziehen, den Schutz der Außengrenzen Europas zu stärken und die Binnengrenzen wieder stärker zu betonen – „Schengen light“ mit stärkerer Binnenkontrolle für Nicht-EU-Mitglieder.

Schwarz‘ Argumentation liegen, wenn ich es richtig sehe, drei Prämissen zugrunde: Dass erstens Grenzen eine normative Bedeutung haben, die man ernst nehmen muss; zweitens, dass Gesellschaften eine Freiheit der Eigenentwicklung haben müssen, die nicht durch universalistische Rechtsansprüche überlagert werden sollen; und das es drittens notwendig ist, weltpolitische Entwicklungen kühl zu analysieren und weniger die eigenen Werte, als die eigenen Interessen zur Geltung kommen zu lassen. So bietet das manchmal provokant geschriebene Buch einige Reibungspunkte. Ich habe das Buch zwar mit großem Gewinn gelesen, will aber auch an der einen oder anderen Stelle widersprechen. Was war so falsch an dem Versuch der Bundeskanzlerin, in der Tradition ihres Vorgängers Kohl eine gesamteuropäische Lösung einem nationalen Alleingang vorzuziehen? War die Lageeinschätzung falsch, dass man durch eine Schließung der Grenzen die Balkanregionen destabilisiert und zu möglicherweise verheerenden, bürgerkriegsähnlichen Situationen kommen kann?

Einige Schilderungen im Buch der österreichischen Journalisten legen dies nahe – wir haben zu unserem Glück nicht die Probe aufs Exempel gemacht. Und auch das von Schwarz hoch gelobte Österreich hat ja die Schließung der Grenzen nicht im Alleingang vollzogen, sondern unter Einbeziehung der rückwärtigen Staaten der Balkanroute. Vielleicht müssen dann doch irgendwann einmal die Historiker im Wissen um die Quellen entscheiden, wie man diese Entscheidungen im Licht der Gesamtsituation bewertet. Und ja, ich empfinde persönlich die europäische Einbindung Deutschlands nach wie vor als einen großen Glücksfall und sehe eine proeuropäische Ausrichtung unserer Politik als essentiell an. Der Narren, die in extremen Situationen zu antieuropäischen Liedern und Gesängen auf den Tischen tanzen, gibt es genügend. Richtig ist aber, dass man bisweilen die Idee der Subsidiarität (sie geht bei Schwarz völlig unter) wieder aus der Instrumentenkiste hervorsuchen sollte: Dann können und müssen nämlich die Nationalstaaten dann wieder handeln, wenn sich Europa dazu nicht in der Lage sieht, auch gegen überzogene universalistische Ansprüche aus Europa. Eines der größten Ärgernisse der Flüchtlingskrise war nämlich die Feststellung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, dass Griechenland die Flüchtlinge nicht menschenwürdig behandelt und deshalb eine Rückführung, wie in den Dublin-III-Verordnungen vorgesehen, nicht möglich sei. Das dies einen Anreiz setzt, Flüchtlinge schäbig zu behandeln und das Problem dann abzuschieben, konstatiert auch Schwarz. Es ist aus meiner Sicht aber ein Indiz dafür, dass Europa nun doch nicht so sehr durch eine gemeinsame Idee der Menschenrechte zusammengehalten wird.

Das Plädoyer von Schwarz, Realitäten in den Blick zu nehmen und nicht die Parolen, kann ich deshalb nur unterschreiben. Dass es Schwarz nicht nur bei der brillanten Analyse belässt, sondern auch praktische Vorschläge macht, wie man Fehlentwicklungen korrigieren kann, macht das Buch zu einem Glücksfall. Ich jedenfalls hoffe, dass es möglichst viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Bundestag zu Weihnachten auf dem Gabentisch finden mögen.

Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger, Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968. Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2017.

Eine Rezension mit Lokalkolorit:

Claus-Jürgen Göpfert, Bernd Messinger
Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968.
Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2017

Ich muss mit einem Geständnis beginnen. Ich habe zu den 68ern ein sehr ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite finde ich die intellektuelle Energie, die sich hier zeigte, ebenso bemerkenswert wie die Zäsur, die 1968 vor allem gegenüber der nicht bewältigten Vergangenheit bedeutet hat. Als Chiffre für die „Jugend im Zeitbruch“ (Klaus Mehnert) steht dieses Jahr nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen westlichen Industriegesellschaften für eine Abkehr von alten Autoritäten, die Kritik des Bestehenden, die Erprobung neuer Formen des Zusammenlebens und einer Neubestimmung von individueller Autonomie. Auf der anderen Seite fand ich die 68er früher ziemlich zum Kotzen. In den 1970ern war ich im Klassenraum Versuchsobjekt für eine fortschrittliche Pädagogik einiger frisch aus der Universität kommenden Lehrer, die bereits an ihren eigenen Ansprüchen scheiterte. Während des Studiums bin ich häufig Resten dieser Generation begegnet, die, fest und aufrecht auf der Säule revolutionärer Selbstgewissheit stehend, jene gefährliche Mischung aus Arroganz und Mittelmaß ausstrahlten, die durchaus anfällig war, selbst wieder in autoritäre oder totalitäre Strukturen umzukippen; die Geschichte des Linksterrorismus bietet hierzu reichliches Anschauungsmaterial. Heute, mit einer gewissen Milde, ist das scharfe Urteil von damals ein wenig relativiert. Zwar stört mich nach wie vor noch die Aufgeblasenheit einer selbst ernannten welthistorischen Avantgarde, ich sehe aber doch die vielen kreativen Energien, die von 1968 ausgegangen sind, vor allem von den Vielen, die in dieser Zeit ihre intellektuelle Prägung empfangen haben und die Gesellschaft in den nachfolgenden Jahren mal mehr, mal weniger erfolgreich „durchgärt“ haben. Deswegen habe ich mit besonderer Neugier am Vorabend des 50jährigen Jubiläums von 1968 das Buch von Göpfert und Messinger in die Hand genommen. Göpfert ist seit vielen Jahrzehnten Redakteur der Frankfurter Rundschau und Messinger ein Zeitzeuge, der bei den Grünen an zentraler Stelle politisch aktiv war und die Szene seit Jahrzehnten gut kennt. Gute Voraussetzungen also für ein sachkundiges und spannendes Buch.

Und da enttäuschen die Autoren die Erwartungen nicht. Das Buch ist flott geschrieben und informativ, kommt nicht akademisch daher, sondern eher journalistisch und anekdotisch; die Ereignisse gewinnen ebenso Kontur wie die Protagonisten. Frankfurt hatte andere Bedingungen als der Inselstaat Berlin. Hier hatten die legendären Auschwitz-Prozesse stattgefunden. Hier wirkten mit Adorno und Horkheimer zwei exemplarische Intellektuelle des Exils, die die Tradition des 1923 gegründeten Instituts für Sozialforschung fortsetzten. Frankfurt, nicht Berlin war die amerikanischste Stadt Deutschlands: Hier war das Hauptquartier der US-Armee in Deutschland, Stützpunkt von 40.000 Soldaten und ihrer Familien, hier war auch, wie die Autoren notieren, der einzige Ort in Deutschland, an dem die amerikanische Hippie-Bewegung einen Anlaufpunkt hatte. Ein kleinerer Mikrokosmos als Berlin, wohl auch ein intensiverer: Kulturell im Aufbruch durch das Theater von Harry Buckwitz, die Verlage, die die 1968er ebenso spiegelten wie Resonanzboden wurden (Suhrkamp, Fischer), ein Experimentierlabor eben. Prägende Figuren 1968 waren Hans-Jürgen Krahl, Adorno-Schüler, brillanter Kopf, der „Robespierre aus Bockenheim“, ein Zuchtmeister des freudlosen revolutionären Denkens, der 1970 bei einem Autounfall ums Leben kam; Daniel Cohn-Bendit, der anarchische Hedonist, die revolutionäre Legende aus Frankreich, der Frankfurt zu seinem neuen Lebensmittelpunkt gemacht hatte; KD Wolff, 1967/68 Vorsitzender des SDS, der später als Verleger reüssierte. Die großen Ereignisse sind Legende: Die Demonstrationen gegen Springer und Vietnam, die Sit-ins und Teach-ins an der Universität, die Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaft, der Kampf gegen die Notstandsgesetze, aber, als dunkle Vorahnung, auch die Brandstiftung in zwei Kaufhäusern auf der Zeil. Es war eine Art Leben im permanenten Ausnahmezustand, ein Leben im Möglichen, vermischt mit all jenen neuen Formen von Lebenshaltung und -gestaltung, die sich langsam Bahn brachen.

Spätestens mit dem plötzlichen Tod Adornos am 6. August 1969 ist das Ende der ersten Aufbruchszeit erreicht, zumal das revolutionäre Pathos auch nicht mehrheitsfähig ist. Die Bewegung zerfasert: Sektiererische politische Kleinstgruppen entstehen, die feministische Bewegung erstarkt, die terroristische RAF bildet sich, alternative Formen manifestieren sich. Neue Akteure erscheinen auf der Bühne: Joschka Fischer, Matthias Beltz, Jonny Klinke, um nur die bekanntesten zu nennen. Verdienstvoll ist das Buch dort, wo es die Lebensläufe der Akteure, die für die Stadt Frankfurt von Bedeutung wurden, Revue passieren lässt: Jonny Klinke und sein Tigerpalast, die heute nicht aus der Stadt wegzudenken sind; Matthias Beltz, der die politische Arbeit als Kabarettist fortsetzte; Martin Wentz, später Planungsdezernent der Stadt; Rupert von Plottnitz, linker Rechtsanwalt und später hessischer Minister für Justiz: Milan Horacek, der Dissident aus Prag, später Stadtverordneter in Frankfurt; Harry Oberländer, ab 2010 Leiter des Hessischen Literaturforums. Die Reihe lässt sich fortsetzen, und das tun die Autoren auch. Es muss eine bunte, aufregende, Zeit gewesen sein, in der sich pubertäre Allmachtsphantasien und kritische Theorie umstandslos mischten. Die Sentenz von William Wordsworth passt wohl auch auf diese Jahre: „Bliss it was in that dawn to be alive, but to be young was very heaven.“

Aber die Revolutionäre von damals sind grau geworden. Sie sind musealisiert. Mittlerweile, die Autoren notieren es, gibt es schon Führungen auf dem Hauptfriedhof zu den verstorbenen 68ern. Bizarr, möchte man meinen, als ob auch hier die Kulturindustrie das letzte Wort behalten hat. Aber der Mythos lebt. Vor vierzehn Jahren habe ich das selbst erlebt, bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Adorno. Da trafen sie sich, die Überlebenden von damals, eine gesetzte, honorige Gesellschaft, die in den Erlebnissen des Jahres 1968 lebten wie in einer Heldensage. Alle hatten sie bei Adorno gehört, irgendwie, ein Klassentreffen der besonderen Art. Heldengedenktag auf frankfurterisch. Noch heute scheint in den damals geknüpften Netzwerken eine besondere Vertrautheit zu bestehen, eine Kameradschaft eines besonderen Fronterlebnisses. Aus der Frankfurter Szene entstand in den 1970er Jahren ja auch ein starker Zweig der Grünen; darüber hat Claus-Jürgen Göpfert unlängst in einem anderen Buch berichtet.

Am Ende bleibt für die Autoren ein nostalgischer Blick zurück. Angesichts der rechtspopulistischen Erfolge stehe eben auch viel von dem auf dem Spiel, was durch die 1968er erreicht worden ist. Dem Buch vorangestellt ist ein Vierzeiler von Matthias Beltz: „Parmesan und Partisan/ Wo sind sie geblieben/ Partisan und Parmesan/ Alles wird zerrieben.“ Alles umsonst also? So pessimistisch bin ich persönlich nicht, denn 1968 ist zu großen Teilen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man merkt es im Vergleich zu den ostdeutschen Bundesländern, die ihr 1968 nicht hatten: Die kreativen Energien von damals haben in Westdeutschland Gesellschaft, Denken und Politik modernisiert. Das ist nicht eben wenig und sollte bei aller Kritik auch vermerkt werden. Auch in der CDU hat ja das Erlebnis 1968 in einer Generation junger Politiker nachgewirkt, die darangingen, alte Zöpfe abzuschneiden und die CDU neu zu erfinden. Aber dies ist eine andere Geschichte – und schon eher die meine.

Phantomschmerzen des Sentimentalen: Zum Buch „Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen“ von Ulrich Greiner. Reinbek: Rowohlt Verlag 2017.

(Oktober 2017)

Konservativ ist, das wissen wir spätestens seit Edmund Burke, eine politische Haltung, die ihr Reflexivwerden einem externen Schock der Veränderung verdankt – im Falle Burkes war das die Französische Revolution, deren „Geist der Neuerungen“ Burke als Produkt kalter Herzen und umnebelter Köpfe wortgewaltig bekämpfte. Konservativ werden ist aber bisweilen auch ein Phänomen des Älterwerdens. Wenn die Prostata zwickt, die Gelenkigkeit flöten geht und die Dritten nicht so kraftvoll zubeißen wollen wie es notwendig wäre, dann neigt man dazu, die eigene Zukunft auch weniger rosig zu sehen, wenig Verständnis für diejenigen aufzubringen, die es tun und statt dessen in den Schätzen der Vergangenheit zu graben und das angelaufene geistige Silbergeschirr zu polieren. Leise Melancholie umweht dann die Analyse, gespeist aus dem Bewusstsein dessen, was verloren gegangen ist. Der Konservative will nicht mehr zu neuen Ufern aufbrechen, er misstraut der See ebenso wie der Schiffscrew; die Weite der Zukunft ersetzt er durch die Tiefe des Historischen; dort, im geschichtlichen Urschleim der eigenen Herkunft, befindet sich das Abbild des Ewigen, das ihm Trost und Läuterung gleichzeitig ist.

Man wäre versucht, das kleine Büchlein von Ulrich Greiner eben jener Gattung ausschließlich und umstandslos zuzuschreiben, wäre da nicht noch ein zweiter Aspekt. Greiner macht aus seiner Herkunft aus dem Geist der 1968er keinen Hehl. Sicherlich, die utopischen Energien haben sich verzehrt und so mancher Visionär ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus geistig heimatlos geworden – auch Greiner, wie er an der einen oder anderen Stelle durchblicken lässt. Mehr noch ist aber der Zeitgeist heute ein anderer, er weht nicht mehr links; mein Verdacht ist, dass Greiner genau dies erfasst hat und mit seinem Kniefall vor dem Konservativismus sich weiterhin dort behaupten will, wo er sich vermutlich schon immer gesehen hat: In der Avantgarde des gesellschaftlichen Diskurses, in der Zutatenküche des Zeitgeistes, in der der natürliche Platz eines ehemaligen Feuilletonchefs und ZEIT-Autors auch zu sein hat.

Der Konservative reibt sich an den Irritationen des Gegenwärtigen, nicht mit einer eleganten und abgeschlossenen Theorie, sondern der Präsentation eines bunten Straußes des Missbehagens: Die Flüchtlingskrise, die deutsche Identität, der Islam, die technische Manipulation des menschlichen Lebens, Europa, der starke Staat, der ausgreifende Sozialstaat, das Wesen des Christentums. Nun weiß ich nach der Lektüre beispielsweise, dass Greiner eine Vorliebe für den lateinischen Ritus hat, dass er die Anschnallpflicht als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit ansieht und dass er das Durchforsten von Kinderbüchern nach Kriterien der political correctness für auch literarisch fragwürdig hält. Meist aber bleibt Greiner auf der Ebene des Bekenntnisses, der Explikation eines Lebensgefühls. So hätte ich beispielsweise gerne mal ein paar Argumente gehört für die recht steile Behauptung, unter Angela Merkel sei die CDU so weit nach links gerutscht, dass sich der Konservative darin nicht mehr wiederfinde – aber, Fehlanzeige, bei Greiner wird nicht die Tiefe der Probleme argumentativ oder mit belastbaren Zahlen ausgeleuchtet, sondern mit Grandezza nur das behauptet, was das Lebensgefühl so hergibt. Das ist genau jene Sorte von Autoren, von der Karl Kraus einmal abschätzig geurteilt hat, sie hielten auch Kopfjucken für eine Gehirntätigkeit. Aber genau auf dieser Ebene bewegt sich der Buchtext.

Man merkt dem Text an, dass es für Greiner eine Entlastung gewesen sein muss, die mitunter platten Parolen des Populismus selbst einmal wonnevoll-affirmativ aussprechen zu dürfen – natürlich intellektuell und stilistisch angehübscht. Da fehlt das Gurken-Argument gegen die EU ebenso wenig wie das Geschwätz vom „Kontrollverlust“ des Staates, der Warnung vor Islamisierung, die Sorge, der extensive Gebrauch des Englischen könne die deutsche Leitkultur unterminieren oder die Warnung vor der realen Gefahr der Islamisierung. Das hat man alles schon einmal gehört und es ist in der Plattheit weder richtig noch falsch, es ist nur oberflächlich und undifferenziert. Aber Greiner kann mehr, er beherrscht auch die subtile Auslassung. So schreibt er, dass er merkwürdig finde, dass „junge deutsche Männer unter hohem Risiko an der Front in Afghanistan stehen, während junge afghanische Männer hierzulande in der Behörde auf die Bearbeitung ihres Asylersuchens warten müssen“ – den Nachsatz, die jungen Afghanen sollen sich gefälligst in ihrem eigenen Staat totschießen lassen statt in Deutschland rumzulungern, spart er sich, weil er weiß: Genau das denkt jetzt der geneigte Leser. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wird mal eben mit der Polyamorie vermischt und dann den Schwulen beschieden: Es ist halt Schicksal, wer schwul ist, hat keine Nachfahren und sollte deshalb auch keine Ehe eingehen dürfen. „Ich hab‘ ja nix gegen Schwule“, ruft es da unterschwellig, „aber das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“, und man ist dankbar, dass nicht noch die Pädophilie im Nachklapp angesprochen wird. Dass Greiner dann auch das Lob des Stammtischs singt, überrascht nicht: Sehr weit davon entfernt ist er ja ohnehin nicht, wenn auch in ansprechender Verpackung. Jedoch: Mist bleibt immer Mist, auch wenn er noch so parfümiert daher kommt.

Da hilft auch nicht, dass Greiner zu Kronzeugen seiner Phantomschmerzen Safranski, Sloterdijk, Mosebach oder Lewitscharoff heranzieht: die Vermessung der Greinerschen Gefühlswelt wird damit weder salonfähig noch diskursiv überzeugend. Der heimatlose Konservative bewegt sich auf der Höhe des Ressentiments und man wünscht ihm, dass es ihm nun, da er sich formvollendet ausgekotzt hat, besser gehen möge. Den Leser hinterlässt der Autor angesichts seiner altersbedingten Schwurbeleien allerdings einigermaßen fassungslos. Es mag ja sein, dass „man (…)sich seine Weltanschauung nicht aus(sucht), sondern das Leben, die Umstände, das Alter (…) einen zu bestimmten Haltungen und Anschauungen hin(führen)“. Die Phantomschmerzen des Sentimentalen aber dann als Bekenntnis zu verschriftlichen, das wäre entbehrlich gewesen.

Claus-Jürgen Göpfert, Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei – Das Frankfurter Modell. Frankfurt am Main: Westend Verlag 2016.

Die Hoffnung war mal grün

In den achtziger Jahren schien Frankfurt, von außen betrachtet, eine seltsame Mischung aus Kapitalismus in Reinkultur und einer bunten, diffusen alternativen Szene auf den Trümmern der Studentenbewegung und der kritischen Theorie. Wenn irgendwo der Spruch von den Städten als Laboratorien der Moderne zutraf, dann in Frankfurt.

Berlin war geteilt und irgendwie sowieso anders, Hamburg zu großbürgerlich, in München wohnten die Busserlhedonisten, in Köln herrschte permanent der Karneval, und in Düsseldorf nur das Geld. Frankfurt konnte mit einigem Anrecht behaupten, dass hier die Zukunftsfragen der bundesdeutschen Gesellschaft verhandelt würden. So war Frankfurt in vielerlei Hinsicht ein Brennpunkt in den siebziger und achtziger Jahren.

Ältere, szeneaffine Menschen kriegen noch heute diesen verklärten Blick: Adorno! Kritische Theorie! Joschka! Cohn-Bendit! Die Spontis! Und natürlich die Ditfurth. Alles längst schon Stoff für urbane Legenden, für die Mythen des Widerstands und die praktische Widerlegung der Adorno'schen Kalenderblattweisheit, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Hier wurde es gelebt, praktiziert, gedacht, das richtige Leben. Hier waberte der Urschleim der Bionadebourgeoisie.

Aus der damaligen Aufbruchsstimmung ist längst die Verklärung der Anfänge geworden. Und diese Anfänge lässt der FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert in seinem lesenswerten Buch noch einmal Revue passieren:

Claus-Jürgen Göpfert, Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei – Das Frankfurter Modell. Frankfurt am Main: Westend Verlag 2016.

Ausgangspunkt sind die späten sechziger Jahre, das Ende der Studentenrevolution; Schlusspunkt der Darstellung sind die gescheiterten rotgrünen Koalitionen in Frankfurt und Wiesbaden. Dazwischen liegen 20 bewegte Jahre. Unsere Helden sind noch jung, kommen nach Frankfurt, werden hineingezogen in die alternative Szene der siebziger Jahre. Die Themen sind brisant: Abgrenzung zur RAF, Frauenbewegung, Atomkraft, Friedensbewegung.

Aber auch die lokalen Themen treiben die Erregungskurve nach oben: Häuserkampf im Westend, autogerechte Stadt, Tarifpreiserhöhungen der Verkehrsbetriebe, Startbahn West. Frankfurt brodelte. Die Grünen organisierten sich als eine politische Kraft, die zu Wahlen antritt. Nicht jeder war davon begeistert. Fischer und Cohn-Bendit werden erst Mitglieder, als der Erfolg des Projekts sicher scheint. Gegen den dominierenden radikalökologischen Flügel um Jutta Ditfurth organisieren sie die Machtübernahme durch die „Realos“, werden schließlich Koalitionspartner im hessischen Landtag, später im Frankfurter Römer. Berührungspunkte mit der SPD gibt es, aber auch Reibungspunkte; der rechte Flügel der SPD wird mit den unkonventionellen Grünen weder vom Stil noch von den Inhalten warm. Mit dem Ende der Koalition im Römer nach der gescheiterten Verlängerung einer grünen Dezernentin 1995 endet die Erzählung.

Enden? Nicht ganz. Göpfert fügt noch ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit hinzu und ein Kapitel über die „neuen Grünen“ und ihre Lage im Jahr 2016. Hier verlässt der Autor den gesicherten Unterstand des historischen Narrativs. Er macht deutlich, warum für ihn eine mögliche Koalition der Grünen mit der CDU auf Bundesebene so etwas wäre wie der „letzte Tabubruch“, eine Art Besiegelung der Verbürgerlichung einer einstmals kreativen, innovativen Bewegung mit großen Talenten. Wehmut wird spürbar, ja eine traurige Melancholie, wie sehr eine große Hoffnung zum System werden konnte. Der Autor, so scheint es, fühlt sich in den eigenen Erwartungen enttäuscht. Aber es ist eine Enttäuschung, an der auch die SPD einen großen Teil der Schuld trägt. Das doppelte Scheitern von Rotgrün in Wiesbaden und Frankfurt war kein Ruhmesblatt für die politischen Umgangsformen der Sozialdemokratie. Das wirkt bis heute nach.

Göpferts Buch ist flott geschrieben, mit viel Sympathie, aber auch mit dem Blick des Journalisten, der all diese Entwicklungen schreibend begleitet hat. Er hat viele der Beteiligten interviewt; ihre heutige Sicht fließt immer wieder in die Rückschau ein. Es entsteht ein buntes Panoptikum einer Entwicklung, in der es heftig menschelt, die aber auch geprägt ist von gegenseitigem Unverständnis.

Wer hingegen heute die programmatischen Forderungen der Grünen aus der Gründungszeit liest und mit der Situation 2016 vergleicht, kann so manche emotionale Aufwallung nicht mehr verstehen. Das zeigt, wie sehr auch andere Parteien auf die Agenda der Grünen eingegangen sind; die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sondern auch ihre Themen. Ob das den Autor tröstet, mag dahingestellt bleiben; der Rezensent sieht es jedenfalls mit klammheimlicher Freude.