Kindheit

Ein Lebenslauf besteht aus mehr als dürren Daten und Fakten, aber die gehören auch dazu. Am 3. Mai 1961 bin ich in Marburg/Lahn geboren; meine Mutter stammte aus der Gegend, mein Vater war nach seiner Buchbinderlehre nach Marburg gekommen um als Geselle in einem größeren Betrieb zu arbeiten und sich auf seine Meisterprüfung vorzubereiten.

Aufgewachsen bin ich dann allerdings in Traben-Trarbach an der Mosel. Meine Eltern waren 1966 dorthin gezogen, damit mein Vater den Betrieb seiner Eltern übernehmen konnte: Eine Buchbinderei und ein angeschlossenes Ladengeschäft mit Schreib- und Spielwaren. Die Lust am Lesen wurde dort geweckt, mehr wegen der wöchentlich erscheinenden Comics als der Bücher. Und zum ersten Bedauern meines Vaters zeigte ich keine handwerkliche Begabung. Ich durfte auf das Neusprachliche Gymnasium in Traben-Trarbach gehen, eine zunächst Ehrfurcht gebietende Institution, die auf einem kleinen Hügel wie abgeschieden von der Welt lag. Die letzten drei Jahre des Gymnasiums, die so genannte Mainzer Studienstufe, eine reformierte Oberstufe, erlaubte die Konzentration auf drei Leistungskurse. Mit Biologie, Deutsch und Musik als "Hauptfächern" habe ich dann 1980 mein Abitur bestanden.

Studium

Im Herbst 1980 ging es zum Studium nach Trier: Politikwissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht. Die junge Universität Trier war ein Ort, an dem spannende Professoren lehrten; es herrschte noch ein wenig Aufbruchstimmung. Von Trier bin ich im Studienjahr 1982/83 mit einem Austauschstipendium an die Indiana University of Pennsylvania gegangen. Das hat den Grundstein gelegt für meine noch immer anhaltende Faszination für die USA (und später Kanada). Das Jahr in den Vereinigten Staaten hat aber auch die Schattenseiten des "amerikanischen Traums" deutlich gemacht. Die Stahlindustrie in Pennsylvania war verfallen, die Zahl der Arbeitslosen war hoch. Vielfach gab es auch starke Armut: Menschen, die auf der Straßen lebten, weil kein System sozialer Sicherung existierte. Die Stadt Pittsburgh, nur wenige Kilometer von meinem Studienort entfernt, spiegelte diese Brüche besonders deutlich; die Tristesse jener Jahre ist sehr gut in dem Musikfilm "Flashdance" eingefangen.

Nach einem weiteren Semester in Trier bin ich 1984 nach München gewechselt. Dort habe ich 1986 an der Ludwig-Maximilians-Universität meinen Abschluss gemacht. Meine Magisterarbeit war dem CDU-Mitgründer Jakob Kaiser gewidmet und seiner Idee einer "Brücke" zwischen den sich herausbildenden Blöcken. Kaiser konnte sich aber als Vorsitzender der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone nicht halten; die Kommunisten brauchten Vasallen, keine eigenständigen charismatischen Köpfe. So wurde er von der Besatzungsmacht als CDU-Vorsitzender abgesetzt und ging in den Westen. Jakob Kaiser, der erste Vorsitzende der CDU Sozialausschüsse und erste Minister für Gesamtdeutsche Fragen wurde für mich besonders wichtig, weil er wie kein zweiter die nationale und soziale Frage zu verbinden wusste. Er war in den vierziger Jahren innerparteilicher Konkurrent von Konrad Adenauer, und hat auch in den fünfziger Jahren manchen Akzent anders gesetzt, ohne allerdings die grundsätzliche Entscheidung für die Westbindung der Bundesrepublik in Frage zu stellen.

Wehrdienst und Promotion

Kurz nach dem Examen kam die Einberufung zur Ableistung meines Grundwehrdienstes. Nach der Grundausbildung wurde ich an das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in München abkommandiert. Dort hatte ich Gelegenheit, neben der Mitarbeit an einer Studie über die parlamentarische Kontrolle der Bundeswehr auch schon die Dissertation vorzubereiten. Nach dem Wehrdienst habe ich die Dissertation geschrieben und bin 1991 an der Universität der Bundeswehr in Hamburg promoviert worden. In meiner Dissertation habe ich die Deutschlandpolitik der Regierung Kohl untersucht; es war die erste wissenschaftliche Studie, die zu diesem Thema nach der Vereinigung erschienen ist.

Der Ernst des Lebens

1990: der erste richtige "Job", als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Stiftung war ich vorher schon viele Jahre als Stipendiat verbunden gewesen. Es war eine Umbruchzeit, in der ich zur Stiftung kam; die deutsche Einheit stand vor der Tür und bestimmte auch die Arbeit im Forschungsinstitut. Unter anderem haben wir die Parteien im Vereinigungsprozess untersucht. Ich habe mich mit der SED/PDS beschäftigt. Die Partei machte damals einen rapiden Wandel durch, vor allem in der Anzahl und der Struktur der Mitarbeiter. Auch wenn sie sich den Anschein gab, mit der Staatspartei SED nichts mehr zu tun zu haben: Der alte Ungeist steckte noch drin, und das gilt auch heute noch, nachdem sich die SED mehrmals umgetauft hat und nun als "Die Linke" auftritt. Dazu kommt heute eine gefährliche Neigung, alles zu versprechen ohne Rücksicht auf die Finanzierbarkeit. Auch so kann man Politikverdrossenheit fördern -- wenn in der Politik Erwartungen geweckt werden, die nur von Zauberern oder Magiern erfüllt werden könnten.

Die Zeit in der Adenauer-Stiftung war mir aus einem anderen Grund wichtig: Ich durfte mit "meinem" ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel zusammen arbeiten. Für mich ist er zu einem politischen Vorbild geworden: Durch seine Klugheit, seine Souveränität, seine Menschlichkeit. Wir haben die Stftung etwa zur gleichen Zeit verlassen: Er, um erfolgreicher Ministerpräsident in Thüringen zu werden, und ich, weil ich nach der Geburt unserer Tochter in Erziehungsurlaub gegangen bin. Das war damals sicherlich ungewöhnlich, hat mir aber eines sehr deutlich gemacht: Dass man auch arbeitet wenn man(n) zu Hause ist.

Kanada
1994 sind wir nach Kanada gegangen. An der University of Alberta in Edmonton wurde ich German Studies Professor , und zwar vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) vermittelt. Dort habe ich mit viel Freude deutsche und europäische Geschichte unterrichtet, aber auch Seminare zur aktuellen Politik in Deutschland und Europa. Ich denke gerne zurück an die vielen Studierenden und Kollegen, mit denen ich zusammen arbeiten durfte. Vor allem ein Kollege hat mich sehr beeindruckt: Frederick C. Engelmann, ein damals schon emeritierter Professor, der sich ein wenig meiner angenommen hatte. Er war als 15-jähriger mit seiner Familie 1938 aus Österreich geflohen, hatte in den USA studiert und schließlich in Kanada gelehrt. Sein Herz blieb aber Österreich verbunden. Von ihm habe ich viel gelernt: Über Kanada, über Österreich, aber auch über eine nicht untypische Biographie einer jüdischen Familie, die vor dem Regime der Nazis fliehen musste. Er vermittelte eine Ahnung davon, welch kreativen Energien durch die Verbrechen der Nazis verloren gegangen sind.

Spannend war vor allem der Blick auf Kanada selbst von innen. Kanada ist seit drei Jahrzehnten offiziell ein multikulturelles Land. Es hat zwei Gründungsnationen, England und Frankreich, ist auch offiziell zweisprachig. Dazu kommen die so genannten "First Nations", also die Einwohner des nordamerikanischen Kontinents vor der Besiedlung durch die Europäer. Und schließlich die Zuwanderer aus vielen Nationen, die ermutigt werden, ihre kulturelle Herkunft zu pflegen. Das Resultat ist ein lebendiges Land, das aber immer wieder an der Grenze des Auseinanderbrechens steht. Kein Modell, das sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen lässt, zumal die kulturellen Traditionen in Deutschland völlig andere sind. Für mich war es eine wertvolle Erfahrung, nicht nur wegen des extrem kalten Winters in Edmonton, sondern auch wegen der Möglichkeit, in einem anregenden intellektuellen Klima lehren und forschen zu können.

1998 kamen wir (die Familie ist in Kanada durch die Geburt meines Sohnes erweitert worden) nach Deutschland zurück. Ich habe zunächst in Darmstadt an der TU unterrichtet, dann 1999 das Angebot angenommen, für die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth zu arbeiten. Dies war nun eine völlig andere Welt als die, aus der ich kam, mit ihren ganz eigenen Herausforderungen. Aber Frankfurt hatte mich als Stadt schnell gefesselt mit seiner Mischung aus beinahe dörflichen Quartieren und einer internationalen Urbanität. Bald habe ich begonnen, mich auch politisch zu engagieren: In der CDU, aber auch in der CDA, den Sozialausschüssen in der CDU. Seit 2005 bin ich Vorsitzender der CDA in Frankfurt am Main, seit 2011 Landesvorsitzender der CDA Hessen.

Forschung und Lehre
Dem akademischen Leben wollte ich verbunden bleiben. Ích habe deshalb zunächst an der Fachhochschule der Verwaltung in Frankfurt unterrichtet, ab 2005 an der Universität zu Köln; dort habe ich mich 2006 auch habilitiert. In meiner Arbeit habe ich die Frage gestellt: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen einer Theorie der Moderne und internationaler Politik? Mich hat die Frage interessiert: Stimmt die Behauptung eigentlich, das mit der Globalisierung ein Ende des Staates einher geht? Dass sich die Handlungsfähigkeit des Staates einschränkt? Die Antwort ist ein klares Nein, und deswegen können wir Globalisierung auch aktiv gestalten. Das ist gerade in der Finanz- und Wirtschaftskrise eine wichtige Aussage. Mehr noch: Es ist eine andauernde Aufgabe. Deswegen liegt mir auch sehr daran mitzuhelfen, einen robusten Ordnungsrahmen für die internationalen Wirtschaftsabläufe zu schaffen. Den brauchen wir nicht nur, um die ökonomischen Krisen eindämmen zu können, sondern auch, um in unserenm Wirtschaften die planetarischen Grenzen nicht zu sprengen.

Forschung und Lehre bereiten mir viel Spaß, weil ich mit jungen Menschen zusammen komme, mit neuen Ideen und neuen Themen. Ich habe auch in meiner Zeit im Deutschen Bundestag nicht damit aufgehört, Seminare anzubieten. Zum einen ist es fruchtbar, das erklären und vermitteln zu müssen, was wir im "Raumschiff Berlin" so diskutieren und entscheiden; zum anderen nehme ich auch immer wieder neue Ideen und Anregungen aus den Seminaren mit. Manchmal aber biete ich auch Seminare an, die mit der aktuellen Politik so gar nichts zu tun haben. Ich glaube nämlich dass es bisweilen ganz gut tut, wenn wir uns der Grundlagen unseres politischen Handelns versichern und darüber nachdenken.

Schließlich habe ich durch die Arbeit in der Stabsstelle Wirtschaft von 2007 bis 2009 einen guten Einblick in die Wirtschaftsstruktur unserer Stadt bekommen können. Klein- und mittelständische Unternehmen sind das Rückgrat unserer Sozialen Marktwirtschaft – nicht die Großunternehmen, wie man manchmal meinen könnte, wenn man Nachrichten verfolgt. In den klein- und mittelständischen Unternehmen wird ausgebildet, jungen Menschen eine Chance gegeben. Es sind klein- und mittelständische Unternehmen, die langfristig denken und nicht von Quartal zu Quartal. Und in diesen Unternehmen wird vielfach auch eine partnerschaftliche Kultur mit den Arbeitnehmern gepflegt. Deshalb unterstütze ich auch aktiv die Initiative zu mehr Mitarbeiterbeteiligung. Eine solche Mitarbeiterbeteiligung bringt viele Vorteile. Es macht einen Betrieb weniger abhängig von Geldgebern, es verbessert Bonität und Kreditwürdigkeit; es bindet Arbeitnehmer stärker an ein Unternehmen und fördert die Produktivität. Mitarbeiterbeteiligung ist kein Allheilmittel für alle Konflikte, aber ein intelligenter Weg des partnerschaftlichen Miteinanders im Wirtschaftsleben.

Mitglied des Deutschen Bundestages

Seit Oktober 2009 vertrete ich unsere Stadt und die Menschen im Deutschen Bundestag. Nicht überraschend lag und liegt ein Schwerpunkt meiner Arbeit im Bereich der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Durch die Arbeit in der Enquete-Kommission "Wachstum -- Wohlstand -- Lebensqualität" von 2010 bis 2013 ist ein weiteres Themenfeld dazu gekommen: Nachhaltigkeit und internationale Gerechtigkeit. Ich sehe das Thema Nachhaltigkeit als ein Querschnitt-Thema, in dem vieles wie in einem Brennpunkt deutlich wird: Die Verflechtung des Menschen mit der Natur, die Verantwortung über die Grenzen und Generationen hinaus, aber auch die Frage nach dem guten Leben. Es ist ein Thema in der Mitte des christlichen Selbstverständnisses. Ich versuche, dies aus meinen eigenen Erfahrungen heraus zu übersetzen: Was bedeutet dies für Arbeit, für Konsum, für Entlohnung, für die Energieversorgung, die öffentlichen Haushalte und vieles mehr. Dabei kommt mir immer wieder die Vielfältigkeit meines Wahlkreises zugute, der ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft zu sein scheint: Durchmischt mit unterschiedlichsten Kulturen und sozialen Schichten, aber doch irgendwie eins. In einer Stadt, die wie Frankfurt von den Hinzukommenden (und dann Bleibenden) profitiert, fühle ich mich besonders wohl, weil auch ich kein gebürtiger Frankfurter bin, diese Stadt nun aber als meine Heimat sehe. Für diese Stadt und ihre Menschen in Berlin als Abgeordneter des Deutschen Bundestages tätig zu sein, erfüllt mich mit Stolz!